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Wie steht es um die Islamfeindlichkeit in Deutschland?
In Bezug auf kritische Einstellungen zum Islam kann man in Deutschland:
- islamkritische
- islamfeindliche
- islamophobe
Einstellungen beobachten.
Von Islamkritik kann man dort sprechen, wo sachliche und faire Kritik am Islam geübt wird, ohne in der Sache oder in der Gruppenzugehörigkeit zu pauschalisieren, wo man offen für eine kontroverse Diskussion mit Vertretern einer anderen Auffassung ist. Islamkritiker sind über den Islam informiert, aber auch in der Lage, die Grenzen ihres Wissens über den Islam zu erkennen.
Von Islamfeindlichkeit kann man dort sprechen, wo Menschen, die wenig Ahnung vom Islam haben, eine unsachliche, unfaire Kritik am Islam üben, wo in jeder Beziehung pauschalisiert wird und eine offene Diskussion nicht möglich ist.
Die Islamophobie gleicht der Islamfeindlichkeit - mit zwei wichtigen Unterschieden: Erstens sind Islamophobe üblicherweise gut über den Islam informiert, allerdings blenden sie Informationen, die nicht in ihr Islambild passen, aus oder nehmen eine Relativierung vor. Zweitens kann man davon ausgehen, daß nicht der Islam bzw. die Muslime Objekte der Phobie (Angst) sind, sondern unterdrückte Persönlichkeitsmerkmale, etwa der Wunsch nach einer starken Frömmigkeit, nach einem festen, unerschütterlichen Glauben. Hierin ähnelt die Islamophobie der Homophobie und vergleichbaren Phobien, wie sie sich auch gegen Missionare, Evangelikale, Freikirchler usw. usf. richten und derzeit virulent sind.
Besonders muslimische Frauen fallen unter die Kritik, besonders wegen ihres islamischen Kopftuches bzw. Schleiers. Auch hier sind kritische, feindliche und phobische Einstellungen zu unterscheiden. Nicht selten sitzen gerade muslimische Frauen zwischen den Stühlen: Auf der einen Seite traditionelle, nationalistische bzw. strengreligiöse Muslime, die ein bestimmtes Frauenbild durchsetzen wollen, auf der anderen Seite Islamkritiker, Islamfeinde und Islamophobe, jeweils nicht selten Feministen, die muslimische Frauen "befreien" wollen. Von beiden Seiten wird zum Teil erheblicher Zwang ausgeübt und massiver Druck aufgebaut, sich in das jeweilige Frauenbild zu "integrieren".
Es ist schwer zu sagen, wie viele Deutsche Islamkritiker, Islamfeinde oder Islamophobe sind - außerdem gibt es eine Schnittmenge zwischen Ausländerfeindlichkeit und Islamfeindlichkeit bzw. eine Xenophobie, die sich gegen alles richtet, was fremd ist, was gegen den Strom schwimmt. Xenophobe sind extrem angepaßt, und wo sie im Grunde genommen gegen den Mainstream aufbegehren und gegen den Strom schwimmen wollen, unterdrücken sie diese Persönlichkeitsmerkmale. Ihre Angst gegen alles, was fremd ist, also vom Mainstream unterschieden werden muß, wirkt als Feindschaft gegen alles, was fremd ist - Ausländer, Muslime, Kopftuch tragende oder komplett verschleierte Frauen. In einer islamischen Umwelt würden sie nicht gegen den Islam angehen, sondern sich dem Mainstream anpassen; darum sind sie nicht eigentlich islamophob, sondern nur in ihrem Kontext, in dem sie den Islam als "fremd" empfinden.
Die Xenophobie dürfte die in Deutschland am weitesten verbreitete Feindseligkeit bzw. Phobie sein, unter der Muslime zu leiden haben, mehr als echte Islamfeindlichkeit und Islamophobie. Dennoch ist die Unterscheidung nicht immer einfach, und die Xenophobie wird zu oft als Islamophobie "diagnostiziert".
Im deutschsprachigen Raum richten sich Kritik, Feinschaft und Phobie zum einen gegen die von Muslimen ausgehende Gewalt, als deren Ursache der Islam gesehen wird, zum anderen gegen die Rolle der Frauen (und vor allem deren Kopfbedeckung, besonders der Schleier) und gegen die Moscheen (vor allem gegen die Minarette).
Islamkritik, Islamfeundlichkeit und Islamophobie sind in Deutschland zwar verbreitet, allerdings weniger, als man angesichts des "real existierenden Islam" und seinen Manifestationen (und des Schweigens vieler Muslime hierzu) erwarten sollte. Tatsächlich ist die Stimmung weithin positiver, als es andere Objekte von Kritiken, Feindseligkeiten und Phobien erleben. Vor allem Politik, Medien und Kirchen bemühen sich angesichts der Gefahr einer ausufernden Islamfeindlichkeit und Islamophobie sehr stark, gegenzusteuern, und dieser Kurs ist vielfach erfolgversprechend - obwohl sich der "real existierende Islam" weltweit ziemlich schlimm gebärdet und die Mehrheit der Muslime hierzu schweigt, sich um Relativierungen oder Schuldzuweisungen bemüht, bleiben strafrechtlich relevante Ausfälle gegen Muslime Einzelfälle, die dann - wie im Fall der in Dresden ermordeten Marwa al-Sherbini - mit der ganzen Strenge, die das deutsche Recht zu bieten hat, geahndet werden.
Dabei darf nicht übersehen werden, daß die Anschauung vieler Muslime gerade im Ausland, Deutschland sei hochgradig islamophob, dem Islam gegenüber zu negativ eingestellt und unternehme nichts gegen "Islamhetze", zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden könnte. Forderungen islamischer Verbände und Organisationen im In- und Ausland an die deutsche Mehrheitsgesellschaft, die letztlich darauf hinauslaufen, die Muslime stets als unschuldig Verfolgte in einer Opferrolle und Nichtmuslime in jedem Fall als Täter zu sehen, das Schweigen zu den Entgleisungen im "real existierenden Islam", die Christenverfolgung in etlichen islamischen Ländern wie überhaupt die in vielen islamisch geprägten Ländern desolate Menschenrechtssituation und vieles mehr könnten dazu führen, daß kritische, feindliche und phobische Worte und Taten einen größeren Rückhalt in der Gesellschaft finden und der mäßigende Einfluß der Politik, der Kirchen und der Medien nicht mehr ausreichen, um extremistische Positionen einzugrenzen.
Problematisch ist und bleibt der naive, blauäugige Umgang vieler Muslime sowohl mit dem Unrecht im "real existierenden Islam", das zu wenig selbstkritisch gesehen wird, als auch mit der tatsächlichen Situation in Europa und Deutschland, wo vieles - wenn auch nicht alles Erforderliche und Mögliche - getan wird, um den Muslimen ein friedliches, integiertes Leben zu ermöglichen.
Daß hierzulande nicht alles Erforderliche und Mögliche getan wird, den Muslimen ein friedliches, integriertes Leben zu ermöglichen, ist freilich ebenso problematisch. Zu viel wird versäumt, zu chaotisch ist der deutsche Weg der Integration der Muslime. Und jeder kocht sein eigenes Süppchen - Linke, Konservative, Liberale, Kirchen, Medien, islamische Verbände -, doch viele Köche verderben den Brei. Zu oft geht es all diesen Köchen nur um die Selbstinszenierung, um die Selbstdarstellung, um den einen oder anderen politischen oder ideologischen Fetisch.
Im Umgang mit Islamkritik, Islamfeindlichkeit und Islamophobie braucht Deutschland ebenso einen einheitlichen Weg. Islamkritik ist als solche zu dulden und nicht mit der Feindlichkeit oder der Phobie in einen Topf zu werfen, wo es Entgleisungen gibt, ist eine konstruktive Kritik erforderlich.
Islamfeindlichkeit und Islamophobie - und ebenso Ausländerfeindlichkeit und Xenophobie - sind Realitäten in Deutschland, denen in angemessener Form begegnet werden muß. Der Prozeß gegen Alex W., den Mörder von Marwa al-Sherbini, hat gezeigt, wie das möglich ist.
Ein unverzichtbarer Weg wäre es, wenn Muslime und wohlmeinende Nichtmuslime die vielfältigen Probleme des "real existierenden Islam" nicht länger unter den Teppich kehren würden. Damit würde man der Islamfeindlichkeit und der Islamophobie reichlich Wind aus den Segeln nehmen. Allein, das bleibt wohl ein frommer Wunsch - zu weit verbreitet sind jene Einstellungen, die dazu führen, daß der Islam idealisiert wird, Negatives verdrängt wird.
Die Deutschen haben eine große Angst vor der Wiederkehr des nazi-mäßigen Rassismus, sie haben große Angst, daß das, was den Juden widerfahren ist, heutzutage den Muslimen widerfahren könnte (zumal der Antisemitismus heutzutage so stark ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr). Es ist darum ein verständlicher Wunsch, jede negative Äußerung über den Islam zu vermeiden - doch es kann und wird nicht funktionieren. Nur, wenn wir uns der Herausforderung des "real existierenden Islam" stellen und einer sachlichen, objektiven Kritik nicht aus dem Weg gehen oder sie gar dämonisieren, können wir verhindern, daß das Vakuum der Auseinandersetzung mit den vielfältigen negativen Erscheinungen des "real existierenden Islam" nicht von Islamfeinden und Islamophoben besetzt wird.
Der erste Schritt hierzu muß freilich von den Muslimen selbst ausgehen, von den islamischen Verbänden und Organisationen. Daß dies möglicherweise nur ein frommer Wunsch ist, zeigt der Umgang vieler Muslime mit dem so genannten "Kopftuchmord" an Marwa al-Sherbini - hier hat der organisierte Islam so ziemlich alles verkehrt gemacht, was man nur verkehrt machen konnte.
Nichtmuslimen bleibt die Aufgabe, alles Erforderliche und ihnen Mögliche zu tun, um Muslime vor Islamfeindlichkeit und Islamophobie zu schützen - ohne die Augen vor tatsächlichen Gefahren, die aus dem "real existierenden Islam" kommen, zu verschließen.
Das ist eine Gratwanderung, die nicht immer ganz einfach ist - ziemlich schnell wird man auf einem Auge blind. Man muß sich zudem bewußt sein, daß dies alles andere als eine Aufgabe ist, die einem Dank und Anerkennung einbringt.
Als besonders wichtig empfinde ich persönlich die Aufgabe, muslimische Mädchen und Frauen gegen Islamfeindlichkeit und Islamophobie in Schutz zu nehmen. Noch wichtiger ist es hier, die Gefahren des "real existierenden Islam" nicht zu verharmlosen. Das kann nur dort gelingen, wo man nicht über die muslimischen Mädchen und Frauen spricht, sondern mit ihnen, wo nichtmuslimische Frauen auch den einen oder anderen Weg in ihren Schuhen gehen.
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