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Tipps für den Umgang mit der Prosopagnosie PDF Drucken E-Mail
Prosopagnosie
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Donnerstag, den 13. Oktober 2005 um 17:31 Uhr
Tipps und Tricks für Betroffene, die Umwelt der Betroffenen, für den Umgang mit gesichtsblinden Kindern und für Pastoren und Gemeindeleiter. Wie kann man die Gesichtsblindheit erkennen?

Tipps für Betroffene

  • Das wichtigste, um mit der Gesichtsblindheit zu leben, ist die Erkenntnis, daß man nicht irgendwie eine "Macke" hat. Viele Prosopagnostiker leiden nicht nur unter diesem Phänomen, sondern ebenso unter dem Gefühl, "nicht ganz richtig zu funktionieren". Die Diagnose "Prosopagnosia - Gesichtsblindheit" ist für Betroffene wie ein Befreiungsschlag und immer ein Stück weit echte Heilung.

  • Nicht wenige Prosopagnostiker setzen alles daran, ihre Gesichtsblindheit in der Öffentlichkeit (und freilich auch in der Gemeinde) zu kaschieren. Sie entwickeln zahlreiche Mechanismen und Strategien, die ihnen helfen sollen, daß ihre "Schusseligkeit" nicht publik wird. Diese Mechanismen sind auch nach jahrlangem Training sehr anstrengend und nervenaufreibend, und es verbessert die Lebensqualität enorm, wenn man diese Strategien aufgibt und sich seiner Gesichtsblindheit stellt.

  • Nach der Erkenntnis, daß man nicht etwa eine "Macke" hat, sondern eben gesichtsblind ist, ist es darum wichtig, diesen Zustand im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis, in der Schule, am Arbeitsplatz in der Gemeinde und an vergleichbaren Orten publik zu machen. Hat man gesichtsblinde Kinder, so ist es wichtig, daß die Eltern das Gespräch mit Betreuern im Kindergarten, Lehrern an der Schule, Mitarbeitern in Sonntagsschule, Gemeindeunterricht usw. suchen und dort die Gesichtsblindheit des Kindes zur Sprache bringen.

  • Für die meisten Prosopagnostiker ist der Umgang mit der Gesichtsblindheit bereits so etwas wie Gewohnheit, auch wenn sie gar nicht wissen, daß sie gesichtsblind sind und ihre «Macke» zu kaschieren versuchen. Sie haben Methoden entwickelt, um Menschen trotz allem zu erkennen: An der Sprache, an der Gestik, am Gang sowie an mehr oder weniger "unveränderlichen äußerlichen Merkmalen". Dies kann jedoch oft noch weiter trainiert werden, gerade mit Kindern. Das Training gelingt um so besser, wenn man weiß, worauf man achten muß:

    • Welche Erkennungsmöglichkeiten sind besonders erfolgreich?
    • Wie kann ich sie pflegen?
    • Wie kann ich meine «Ersatz-Sinne» bei Laune halten?
    • Welche Werkzeuge kann ich noch einsetzen?

    Geübt werden muß aber auch, mit der Prosopagnosie umzugehen, sie publik zu machen, "Verbündete" zu suchen.

  • Die Gesichtsblindheit bedeutet Streß für die Betroffenen, insbesondere dort, wo reger Publikumsverkehr herrscht. Nicht wenige reagieren darum empfindlich auf Lärm, andere auf große Menschenansammlungen oder weite Räume. Der Streß wird zum einen von den Versuchen ausgelöst, Menschen an ihren Stimmen, Bewegungsabläufen, Gesten usw. zu erkennen (was eine echte Schwerstarbeit darstellt), zum anderen aber auch nicht selten von der Angst, eine bestimmte Person, die zu erkennen als wichtig erachtet wird, zu übersehen. Dies bedeutet, daß Prosopagnostiker streßfreie Räume benötigen, an denen sie sich erholen können. Streßfrei bedeutet hierbei meist Ruhe für alle Sinne, vor allem die akustische und die visuelle Wahrnehmung.

  • Als oftmals sinnvoll hat es sich herausgestellt, wenn Prosopagnostiker, bevor sie einen bestimmten Ort aufsuchen, sich Gedanken machen, wen sie dort wahrscheinlich antreffen werden. Sie können sich dann darauf einstellen.

  • Recht entspannend kann es für Gesichtsblinde sein, mit guten Freunden gemeinsam unterwegs zu sein, die das "Erkennen" übernehmen und den Prosopagnostiker damit entlasten. Bitten Sie darum Freunde, sie zu begleiten und diese Rolle zu übernehmen.

  • Eine beliebte Methode vieler Prosopagnostiker besteht darin, Personen nicht mit Namen anzusprechen. Besser ist es aber, ganz einfach nachzufragen - obwohl manche darauf sehr eigenartig reagieren. Man sollte dann versuchen, ihnen zu erklären, daß man keine Gesichter erkennen kann und daß das eben keine "Macke" ist.

  • Letztlich kommt alles darauf an, sich seiner Gesichtsblindheit nicht zu schämen, sondern dazu zu stehen und dies in seinem Umfeld bekannt zu machen. Meist gelingt dies einem Betroffenen jedoch erst, wenn er weiß, daß er keine "Macke" hat oder rettungslos schusselig ist, sondern daß es sich um eine als Prosopagnosie bekannte "Teilleistungsschwäche des Gehirns" handelt, die heute als medizinisches Faktum durchaus bekannt ist. Dabei handelt es sich nicht um einen Makel und schon gar nicht um eine ansteckende Krankheit oder irgendwie unanständige Behinderung.

    Leider gibt es immer wieder Zeitgenossen, die das mit der Prosopagnosie irgendwie "spinnert" finden und einen nicht so recht ernst nehmen. Dies ist freilich alles andere als hilfreich.

Tipps für die Umwelt der Betroffenen

  • Für einen Prosopagnostiker ist es geradezu paradiesisch, wenn seine Verwandten, Freunde, Glaubensgeschwister und Bekannten von seiner Gesichtsblindheit wissen und ihn darum von sich aus ansprechen. Darum ist es für Prosopagnostiker wichtig, ja geradezu unerläßlich, ihre Teilblindheit im sozialen Umfeld (und damit auch in der Gemeinde) publik zu machen.

  • Wird eine Person, die als Prosopagnostiker bekannt ist, zu einem Treffen eingeladen, sollte man ihr vorher am besten mitteilen, wer noch anwesend sein wird. Dies hilft ihr, sich besser auf die Situation einzustellen.

  • Recht entspannend kann es für Gesichtsblinde sein, mit guten Freunden gemeinsam unterwegs zu sein, die das «Erkennen» übernehmen und den Prosopagnostiker damit entlasten. Bieten Sie dies Gesichtsblinden darum regelmäßig an.

  • Eine beliebte Methode vieler Prosopagnostiker besteht darin, Personen nicht mit Namen anzusprechen. Stellen Sie sich einfach vor und gehen Sie damit den ersten Schritt.

  • Verwenden Sie Namensschildchen, gerade dann, wenn Sie in Ihrer Gemeinde einen Begrüßungsdienst haben oder als Seelsorger tätig sind. Dies senkt für Betroffene die Kontaktschwelle.

Tipps für den Umgang mit gesichtsblinden Kindern

  • Kinder von gesichtsblinden Eltern - auch wenn nur ein Elternteil betroffen ist - werden mit einiger Wahrscheinlichkeit ebenfalls gesichtsblind sein. Hier lohnt es sich, das Thema schon sehr früh anzugehen, die Fähigkeit des Kindes, Gesichter zu erkennen, zu testen und ggf. das soziale Umfeld des Kindes "einzuweihen". Kinder können meist sehr viel besser und insbesondere unverkrampfter mit solchen Phänomenen umgehen als Erwachsene (aber leider manchmal auch grausamer sein...).

Tipps für Pastoren und Gemeindeleiter

  • Wenn Sie bei einem Gemeindemitglied Gesichtsblindheit vermuten, sprechen Sie es ruhig darauf an. Drucken Sie etwa das Prosopagnosia-Material von diesen Seiten für ein Gespräch aus.

  • Machen Sie deutlich, daß die Prosopagnosie keine Schande und auch kein Zeichen mangelnden Glaubens ist.

  • Sprechen Sie ab, ob - und wenn ja, in welchem Rahmen - es gewünscht ist, die Gesichtsblindheit publik zu machen, und wie man dabei vorgehen wird.

Wie man Gesichtsblindheit erkennt

Die medizinische Diagnose "Prosopagnosia" kann nur von einem Arzt gestellt werden. Es gibt aber Möglichkeiten, die Gesichtsblindheit zu erkennen. Stellt man Anzeichen fest, sollte man den Kontakt zu einem Neurologen herstellen. Typische Anzeichen, von denen verschiedene auftreten können, sind:

Die möglicherweise gesichtsblinde Person...

  • ... kann zwar ein Gesicht regelmäßig als solches, aber nicht als das einer bestimmten Person erkennen

  • ... kann zwar einen Gesichtsausdruck regelmäßig als solchen, aber nicht als den einer bestimmten Gefühlsregung (Trauer, Freude...) erkennen

  • ... erkennt regelmäßig ihr bekannte Personen nicht

  • ... grüßt regelmäßig ihr bekannte Personen nicht

  • ... grüßt "wild drauf los", ohne jedoch dabei Namen zu nennen

  • ... reagiert überaus peinlich berührt, wenn sie eine ihr bekannte Person nicht erkennt

  • ... überspielt routiniert die ihr peinliche Situation des Nichtwiederkennens einer ihr bekannten Person

  • ... bezeichnet regelmäßig das Nichterkennen einer ihr bekannten Person als «Schusseligkeit» Unaufmerksamkeit...

  • ... verwechselt regelmäßig ihr bekannte Personen

  • ... spricht andere regelmäßig nicht namentlich an

  • ... überläßt die Kontaktaufnahme anderen

  • ... weicht direkten Blickkontakten aus

  • ... geht nur zu wenigen Leuten engere Kontakte ein

  • ... erkundigt sich bei Einladungen vorher, wer vermutlich noch anwesend sein wird

  • ... reagiert erst dann mit Symptomen des Erkennens, wenn sie von der anderen Person angesprochen wird oder die Stimme deutlich vernimmt

  • ... reagiert verwundert, wenn eine ihr bekannte Person ihr Äußeres (Frisur, Brille, Bart...) verändert hat

  • ... fühlt sich in kleinen Gruppen (Hauskreis, Bibelstunde...) wohler als im Gottesdienst

  • ... meidet große Versammlungen wie Gottesdienst, Gemeindefeste, Gemeindefreizeit, Festivals usw.

  • ... reagiert bei großen Versammlungen überreizt und empfindlich

  • ... zieht sich bei großen Versammlungen in den Hintergrund zurück

  • ... reagiert auf Lärm sehr empfindlich

  • ... kann die verschiedenen Rollen in einem Fernseh-, Kino- oder Theaterstück nur schwer auseinanderhalten und erkennt sie meist an der Stimme (außer bei synchronisierten Filmen) oder an Bewegungen und Gesten

  • ... erkennt eine Person deutlich besser, wenn diese sich an einem vertrauten Ort aufhält, vertraute Kleidung trägt, eine vertraute Handlung ausführt usw.

  • ... erkennt Personen mit einem markanten Äußeren deutlich besser als «Durchschnittspersonen»

  • ... erkennt Personen besonders gut, wobei andere sie meist weniger gut erkennen: An der Stimme, am Lachen, am Gang (oft sogar von hinten), an Gesten usw.

  • ... ist in ihrer Familie nicht die einzige, die Gesichter und Gefühlsregungen nicht immer erkennen kann

Viele Gesichtsblinde erkennen sich selbst in den Schilderungen Betroffener wieder. Es ist darum ratsam, solche Schilderungen zu verwenden, wenn Sie eine Gesichtsblindheit erkennen.

Eine weitere Möglichkeit, eine etwaige Gesichtsblindheit zu erkennen, besteht darin, der betreffenden Person die Portraits bekannter Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland vorzulegen und zu sehen, ob diese Personen erkannt werden. Das Beispiel eines solchen Tests finden Sie hier (englisch).

Nur wenn mehrere dieser Anzeichen zusammenkommen (und es müssen nicht alle diese Anzeichen vertreten sein), könnte eine Prosopagnosie vorliegen, die ein Neurologe dann diagnostizieren muß.

 
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