Tipps und Tricks für Betroffene, die Umwelt der Betroffenen, für den
Umgang mit gesichtsblinden Kindern und für Pastoren und Gemeindeleiter.
Wie kann man die Gesichtsblindheit erkennen?
Tipps für Betroffene
Das wichtigste, um mit der Gesichtsblindheit zu leben, ist die Erkenntnis, daß man
nicht irgendwie eine "Macke" hat. Viele Prosopagnostiker leiden nicht nur unter
diesem Phänomen, sondern ebenso unter dem Gefühl, "nicht ganz richtig zu
funktionieren". Die Diagnose "Prosopagnosia - Gesichtsblindheit" ist für
Betroffene wie ein Befreiungsschlag und immer ein Stück weit echte Heilung. Nicht wenige Prosopagnostiker setzen alles daran, ihre
Gesichtsblindheit in der Öffentlichkeit (und freilich auch in der
Gemeinde) zu kaschieren. Sie entwickeln zahlreiche Mechanismen und
Strategien, die ihnen helfen sollen, daß ihre "Schusseligkeit" nicht
publik wird. Diese Mechanismen sind auch nach jahrlangem Training sehr
anstrengend und nervenaufreibend, und es verbessert die Lebensqualität
enorm, wenn man diese Strategien aufgibt und sich seiner
Gesichtsblindheit stellt. Nach der Erkenntnis, daß man nicht etwa eine "Macke" hat,
sondern eben
gesichtsblind ist, ist es darum wichtig, diesen Zustand im Familien-,
Freundes- und Bekanntenkreis, in der Schule, am Arbeitsplatz in der
Gemeinde und an vergleichbaren Orten publik zu machen. Hat man
gesichtsblinde Kinder, so ist es wichtig, daß die Eltern das Gespräch
mit Betreuern im Kindergarten, Lehrern an der Schule, Mitarbeitern in
Sonntagsschule, Gemeindeunterricht usw. suchen und dort die
Gesichtsblindheit des Kindes zur Sprache bringen. Für die meisten Prosopagnostiker ist der Umgang mit der
Gesichtsblindheit bereits so etwas wie Gewohnheit, auch wenn sie gar
nicht wissen, daß sie gesichtsblind sind und ihre
«Macke» zu kaschieren versuchen. Sie haben Methoden entwickelt, um
Menschen trotz allem zu erkennen: An der Sprache, an der Gestik, am
Gang sowie an mehr oder weniger "unveränderlichen äußerlichen
Merkmalen". Dies kann jedoch oft noch
weiter trainiert werden, gerade mit Kindern. Das Training gelingt um so
besser, wenn man weiß, worauf man achten muß:
- Welche Erkennungsmöglichkeiten sind besonders erfolgreich?
- Wie kann ich sie pflegen?
- Wie kann ich meine «Ersatz-Sinne» bei Laune halten?
- Welche Werkzeuge kann ich noch einsetzen?
Geübt werden muß aber auch, mit der Prosopagnosie umzugehen, sie publik zu machen, "Verbündete" zu suchen. Die Gesichtsblindheit bedeutet Streß für die Betroffenen,
insbesondere dort, wo reger Publikumsverkehr herrscht. Nicht wenige
reagieren darum empfindlich auf Lärm,
andere auf große Menschenansammlungen oder weite Räume. Der Streß wird
zum
einen von den Versuchen ausgelöst, Menschen an ihren Stimmen,
Bewegungsabläufen,
Gesten usw. zu erkennen (was eine echte Schwerstarbeit darstellt), zum
anderen aber auch nicht selten von der Angst, eine bestimmte Person,
die zu erkennen als wichtig erachtet wird, zu übersehen. Dies bedeutet,
daß Prosopagnostiker streßfreie Räume
benötigen, an denen sie sich erholen können. Streßfrei bedeutet hierbei
meist
Ruhe für alle Sinne, vor allem die akustische und die visuelle
Wahrnehmung. Als oftmals sinnvoll hat es sich herausgestellt, wenn
Prosopagnostiker, bevor sie einen bestimmten Ort aufsuchen, sich
Gedanken machen, wen sie dort wahrscheinlich antreffen werden. Sie
können sich dann darauf einstellen. Recht entspannend kann es für Gesichtsblinde sein, mit guten
Freunden gemeinsam unterwegs zu sein, die das "Erkennen" übernehmen und
den Prosopagnostiker damit
entlasten. Bitten Sie darum Freunde, sie zu begleiten und diese Rolle
zu übernehmen. Eine beliebte Methode vieler Prosopagnostiker besteht darin, Personen nicht mit Namen
anzusprechen. Besser ist es aber, ganz einfach nachzufragen - obwohl manche darauf sehr
eigenartig reagieren. Man sollte dann versuchen, ihnen zu erklären, daß man keine
Gesichter erkennen kann und daß das eben keine "Macke" ist. Letztlich kommt alles darauf an, sich seiner Gesichtsblindheit
nicht zu schämen, sondern dazu zu stehen und dies in seinem Umfeld
bekannt zu machen. Meist gelingt dies einem Betroffenen jedoch erst,
wenn er weiß, daß er keine "Macke" hat oder rettungslos schusselig ist,
sondern daß es sich um eine als Prosopagnosie bekannte
"Teilleistungsschwäche des Gehirns" handelt, die heute als
medizinisches Faktum durchaus bekannt ist. Dabei handelt es sich nicht
um einen Makel und schon gar nicht um eine
ansteckende Krankheit oder irgendwie unanständige Behinderung.
Leider gibt es immer wieder Zeitgenossen, die das mit der Prosopagnosie irgendwie
"spinnert" finden und einen nicht so recht ernst nehmen. Dies ist freilich alles
andere als hilfreich.
Tipps für die Umwelt der Betroffenen
Für einen Prosopagnostiker ist es geradezu paradiesisch, wenn seine Verwandten,
Freunde, Glaubensgeschwister und Bekannten von seiner Gesichtsblindheit wissen und ihn darum von
sich aus ansprechen. Darum ist es für Prosopagnostiker wichtig, ja geradezu
unerläßlich, ihre Teilblindheit im sozialen Umfeld (und damit auch in der
Gemeinde) publik zu machen. Wird eine Person, die als Prosopagnostiker bekannt ist, zu einem
Treffen eingeladen, sollte man ihr vorher am besten mitteilen, wer noch
anwesend sein wird. Dies hilft ihr, sich besser auf die Situation
einzustellen. Recht entspannend kann es für Gesichtsblinde sein, mit guten
Freunden gemeinsam unterwegs zu sein, die das «Erkennen» übernehmen und
den Prosopagnostiker damit
entlasten. Bieten Sie dies Gesichtsblinden darum regelmäßig an. Eine beliebte Methode vieler Prosopagnostiker besteht darin, Personen nicht mit Namen
anzusprechen. Stellen Sie sich einfach vor und gehen Sie damit den ersten Schritt. Verwenden Sie Namensschildchen, gerade dann, wenn Sie in Ihrer
Gemeinde einen Begrüßungsdienst haben oder als Seelsorger tätig sind.
Dies senkt für Betroffene die Kontaktschwelle.
Tipps für den Umgang mit gesichtsblinden Kindern
Kinder von gesichtsblinden Eltern - auch wenn nur ein Elternteil
betroffen ist - werden mit einiger Wahrscheinlichkeit ebenfalls
gesichtsblind sein. Hier lohnt es sich, das Thema schon sehr früh
anzugehen, die Fähigkeit des Kindes, Gesichter zu erkennen, zu testen
und ggf. das soziale Umfeld des Kindes "einzuweihen". Kinder können
meist sehr viel
besser und insbesondere unverkrampfter mit solchen Phänomenen umgehen
als Erwachsene (aber
leider manchmal auch grausamer sein...).
Tipps für Pastoren und Gemeindeleiter
Wenn Sie bei einem Gemeindemitglied Gesichtsblindheit vermuten,
sprechen Sie es ruhig darauf an. Drucken Sie etwa das Prosopagnosia-Material von
diesen Seiten für ein Gespräch aus. Machen Sie deutlich, daß die Prosopagnosie keine Schande und auch kein Zeichen mangelnden Glaubens ist. Sprechen Sie ab, ob - und wenn ja, in welchem Rahmen - es
gewünscht ist, die Gesichtsblindheit publik zu machen, und wie man
dabei vorgehen wird.
Wie man Gesichtsblindheit erkennt
Die medizinische Diagnose "Prosopagnosia" kann nur von einem Arzt
gestellt werden. Es gibt aber Möglichkeiten, die Gesichtsblindheit zu
erkennen. Stellt man Anzeichen fest, sollte man den Kontakt zu einem
Neurologen herstellen. Typische Anzeichen, von denen verschiedene
auftreten können, sind:
Die möglicherweise gesichtsblinde Person...
... kann zwar ein Gesicht regelmäßig als solches, aber nicht als das einer bestimmten Person erkennen ... kann zwar einen Gesichtsausdruck regelmäßig als solchen,
aber nicht als den einer bestimmten Gefühlsregung (Trauer, Freude...)
erkennen ... erkennt regelmäßig ihr bekannte Personen nicht ... grüßt regelmäßig ihr bekannte Personen nicht ... grüßt "wild drauf los", ohne jedoch dabei Namen zu nennen ... reagiert überaus peinlich berührt, wenn sie eine ihr bekannte Person nicht erkennt ... überspielt routiniert die ihr peinliche Situation des Nichtwiederkennens einer ihr bekannten Person ... bezeichnet regelmäßig das Nichterkennen einer ihr bekannten Person als «Schusseligkeit» Unaufmerksamkeit...
... verwechselt regelmäßig ihr bekannte Personen ... spricht andere regelmäßig nicht namentlich an ... überläßt die Kontaktaufnahme anderen ... weicht direkten Blickkontakten aus ... geht nur zu wenigen Leuten engere Kontakte ein ... erkundigt sich bei Einladungen vorher, wer vermutlich noch anwesend sein wird ... reagiert erst dann mit Symptomen des Erkennens, wenn sie von
der anderen Person angesprochen wird oder die Stimme deutlich vernimmt ... reagiert verwundert, wenn eine ihr bekannte Person ihr Äußeres (Frisur, Brille, Bart...) verändert hat ... fühlt sich in kleinen Gruppen (Hauskreis, Bibelstunde...) wohler als im Gottesdienst ... meidet große Versammlungen wie Gottesdienst, Gemeindefeste, Gemeindefreizeit, Festivals usw. ... reagiert bei großen Versammlungen überreizt und empfindlich ... zieht sich bei großen Versammlungen in den Hintergrund zurück ... reagiert auf Lärm sehr empfindlich ... kann die verschiedenen Rollen in einem Fernseh-, Kino- oder
Theaterstück nur schwer auseinanderhalten und erkennt sie meist an der
Stimme (außer bei synchronisierten Filmen) oder an Bewegungen und Gesten ... erkennt eine Person deutlich besser, wenn diese sich an
einem vertrauten Ort aufhält, vertraute Kleidung trägt, eine vertraute
Handlung ausführt usw. ... erkennt Personen mit einem markanten Äußeren deutlich besser als «Durchschnittspersonen» ... erkennt Personen besonders gut, wobei andere sie meist
weniger gut erkennen: An der Stimme, am Lachen, am Gang (oft sogar von
hinten), an Gesten usw. ... ist in ihrer Familie nicht die einzige, die Gesichter und Gefühlsregungen nicht immer erkennen kann
Viele Gesichtsblinde erkennen sich selbst in den Schilderungen
Betroffener wieder. Es ist darum ratsam, solche Schilderungen zu
verwenden, wenn Sie eine Gesichtsblindheit erkennen.
Eine weitere Möglichkeit, eine etwaige Gesichtsblindheit zu
erkennen, besteht darin, der betreffenden Person die Portraits
bekannter Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland vorzulegen und zu
sehen, ob diese Personen erkannt werden. Das Beispiel eines solchen
Tests finden Sie hier (englisch).
Nur wenn mehrere dieser Anzeichen zusammenkommen (und es müssen
nicht alle diese Anzeichen vertreten sein), könnte eine Prosopagnosie
vorliegen, die ein Neurologe dann diagnostizieren muß.
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