|
Einer Studie des Zentrums für Türkeistudien an der Universität Duisburg-Bochum vom November 2005 zufolge ist im Vergleich zum Jahr 2000 die Bedeutung der islamischen Religion für die Türkischstämmigen in Deutschland gewachsen. Diese Entwicklung sei jedoch nicht "gleichbedeutend mit mehr Konflikten mit der deutschen Gesellschaft".
In einer repräsentativen Umfrage wurden 1.000 der rund 2,7 Millionen türkischstämmige Migranten zur Bedeutung der Religion im Alltag sowie zu ihrer Anbindung an islamische Organisationen befragt. Eine vergleichbare Befragung im Jahr 2000 erlaubt es, Veränderungen sichtbar zu machen.
So habe die Religiosität zugenommen. 83 % der Befragten definieren sich demnach als religiös, gegenüber 73 % vor fünf Jahren. 28 % der rund 2,7 Millionen Bürger türkischer Herkunft bezeichneten sich als "streng religiös" (2000: 8 %). 55 % bezeichneten sich als "eher religiös" (2000: 65 %). Demzufolge wären nur 17 % nicht religiös (2000: 27 %).
23 % der Muslime sind selbst und weitere 22 % über einen Familienangehörigen an einen Moscheeverein gebunden. Damit ist fast jeder zweite Muslim mit einer Moscheegemeinde verbunden.
Der Umfrage zufolge organisieren sich jüngere Muslime etwas seltener als ältere und auch seltener als noch vor fünf Jahren, doch dafür "überproportional in eher doktrinären Organisationen".
Insgesamt wiesen die Einstellungen der türkischstämmigen Muslime eher in eine liberale denn in eine orthodoxe Richtung, doch sind die meisten von ihnen deutlich konservativer als noch vor fünf Jahren. Waren es 2000 nur 27 % von ihnen, die das Tragen eines Kopftuches bejahen, sind es nun 47 %. Der Anteil der türkischstämmigen Migranten, die gemeinsame Klassenfahrten und Sportunterricht ablehnen, ist von 19 % auf 30 % gestiegen. Dabei seien Frauen konservativer als Männer, und je höher die Schulbildung und die soziale Stellung, desto liberaler ist im Allgemeinen das Religionsverständnis.
Drei Viertel der Befragten erklärten, daß es ihnen nicht schwer falle, als Muslim in einem christlich geprägten Land zu leben. 26 % jedoch halten das Leben in Deutschland für schwierig. Doch man bescheinigt den Deutschen mehrheitlich, Verständnis für die muslimischen Lebensweisen und Praktiken aufzubringen, auch am Arbeitsplatz, und noch mehr bescheinigt man dies den Ämtern und Behörden.
Dem Zentrum zufolge sei die gestiegene Religiosität türkischstämmiger Muslime in Deutschland und ihre Rückbesinnung auf traditionelle Wertvorstellungen "auch eine Gegenreaktion auf die wachsende Ablehnung des Islam im Zuge der Debatten um Islamismus und Terrorismus". Zu sehr werde der Islam undifferenziert wahrgenommen, was unter den Muslimen zu einer Solidarisierung führe. Darin liege auch ein nicht zu unterschätzendes Konfliktpotential. Immerhin werde das alltägliche Zusammenleben hiervon nicht negativ beeinflußt, doch Kirchen und auch Politik müßten durch verstärkte Dialogbemühungen dafür Sorge tragen, daß das auch so bleibt.
Die zunehmende religiöse und konservative Gesinnung der Bürger türkischer Herkunft dürfte meiner Meinung nach ebenfalls nicht unwesentlich mit der Diaspora-Situation einer Bevölkerungsgruppe zusammenhängen, die in Fragen der Religion und der Moral eine Minderheitenposition einnimmt und zugleich feststellt, daß in ihrem Gastland Religion und Moral (sowie Ehre und Scham) eine immer geringere Rolle spielen - wobei die Kirchen nicht gerade als Vorbilder wahrgenommen werden können -, während verheerende Auswirkungen gerade auf die jungen Muslime befürchtet werden. Daneben ist die Auswirkung von Kopftuchverboten, einem fehlenden islamischen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen und anderen Einschränkungen und Verboten nicht zu unterschätzen.
Die christlichen Kirchen haben mehr denn je die Aufgabe, das Zusammenleben von Christen uind Muslimen verantwortungsvoll zu gestalten. Ob dies gelingen kann, wenn man sich weiterhin in moralischen Fragen liberalisiert und konservative Strömungen an den Rand oder gar aus der Kirche drängt, ist zu bezweifeln. Je mehr die Kirchen dem Zeitgeist gerade in Fragen der Ethik nachlaufen, um so weniger werden sie für die Muslime ein ernstzunehmender Ansprechpartner sein, und um so weniger wird es ihnen möglich sein, das Zusammenleben von Christen und Muslimen positiv zu gestalten.
Möglicherweise wäre es ein großer Gewinn, wenn etwa das Kopftuch von Christen nicht mehr nur negativ wahrgenommen würde, zu oft mit einer Unterstützung von Kopftuchverboten im Sinne einer "Befreiung der Frauen" und einer Neutralität des Staates. Hier sei daran erinnert, daß das Kopftuch gläubiger Frauen zur Geschichte aller christlichen Kirchen gehört - und an vielen Orten dieser Welt auch noch heute zum Gebrauch im Gottesdienst und im Alltag. Dabei ist das Kopftuch nur eines von vielen Beispielen, bei dem sich die Kirchen die Frage stellen müssen, ob hier jeder Fortschritt hin zu mehr "Freiheit" auch ein Gewinn ist.
Vielleicht ist es an der Zeit, die Gestaltung des Zusammenlebens von Christen und Muslimen eher konservativen Strömungen in Kirchen und Gemeinden zu überlassen, die mit den meisten Muslimen leichter eine gemeinsame Basis finden können als "progressive" Strömungen.
Dies bedeutet freilich, daß diese konservativen Strömungen in Kirchen und Gemeinden zu einer deutlich positiveren Sicht auf die Muslime kommen müssen, als dies bisher weithin der Fall ist, vor allem in evangelikalen Kreisen. Muslime auf Missionsobjekte zu reduzieren, die Mission unter Muslimen als "Bollwerk gegen den Islam" zu mißbrauchen oder den Islam nur im Rahmen endzeitlicher Spekulationen wahrzunehmen und die Muslime hauptsächlich als "Christenverfolger", verbietet sich selbstverständlich, ebenso die hier so beliebte einseitige pro-israelische Haltung im Nahostkonflikt und die ebenso einseitige Unterstützung der US-amerikanischen Position im "Krieg gegen den Terror" bzw. im Krieg gegen Afghanistan, den Irak oder bald möglicherweise gegen den Iran.
|