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Das Allmächtigkeitsparadoxon PDF Drucken E-Mail
Christlicher Glaube - Verschiedenes
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Freitag, den 08. Februar 2008 um 12:53 Uhr

Kann Gott einen Stein schaffen, der so schwer ist, daß er selbst ihn nicht hochheben kann?

Gedanken zu einem Paradoxon - und zur Willensfreiheit des Menschen 

Das Allmächtigkeitsparadoxon 

"Das Allmächtigkeitsparadoxon ist ein philosophisches Paradoxon, welches bei der Anwendung von Logik auf ein allmächtiges Wesen auftritt. Das Paradoxon beruht auf der Frage, ob ein allmächtiges Wesen in der Lage ist etwas zu tun, was seine eigene Allmacht einschränkt, wodurch es seine Allmacht verlieren würde." So definiert die Wikipedia das Allmächtigkeitsparadoxon, das meist mit der Frage verbunden wird, ob ein allmächtiges Wesen einen so schweren Stein erschaffen kann, daß es ihn selbst nicht hochheben kann?

Obwohl Christen verschiedener Konfessionen und Frömmigkeitsstile seit Jahrhunderten versuchen, dieses Paradoxon zu erklären oder gar aufzulösen, ist - soweit mir bekannt - bisher keine logische Antwort gefunden worden, der dies gelingen würde. Mit anderen Worten: Das Allmächtigkeitsparadoxon muß auch von Christen als grundlegend richtig erkannt werden, soweit es den Kosmos betrifft. Es gibt hier und heute keine Allmächtigkeit.

Dabei muß man natürlich fragen, was Allmächtigkeit nun eigentlich ist? Interessant ist, daß die Bibel die Begriffe "Allmacht" und "Allmächtigkeit" gar nicht kennt. Die Bibel spricht allerdings von Gott als dem "Allmächtigen", hauptsächlich im Alten Testament, außerdem im Neuen Testament einmal in einem der Paulus-Briefe ( 2. Korinther 8,18 ) und mehrmals in der Offenbarung ( Offenbarung 1,8 ; Offenbarung 4,8 ; Offenbarung 11,17 ; Offenbarung 15,3 ; Offenbarung 16,7 ; Offenbarung 19,6 ; Offenbarung 21,22 ). Wir haben es in der Bibel immer mit einem Herrschaftstitel zu tun. Gott ist der Allmächtige; denn er hat alle Dinge geschaffen, hält sie ewig in der Hand und führt alle Dinge zur Vollendung. Ihm untersteht nicht weniger als der ganze Kosmos, nämlich alle Mächte und Gewalten der Natur, der Menschen und der Engel. Dabei untersteht Gott auch die ihm feindlich gesonnene Kreatur; es gibt keinen Dualismus, keinen allmächtigen Widerpart.

Gott, der Allmächtige wird als außerhalb der Schöpfung und damit der physischen Welt existierend betrachtet. Zwar durchdringt er sie, und im Allmächtigen leben, weben und sind wir Apostelgeschichte 17,28 ), aber Gott existiert außerhalb der Schöpfung, zu der auch die Naturgesetze, die Logik und alles andere gehört. Gott hat die Schöpfung so ausgestattet, daß sie nicht kompatibel zur Allmächtigkeit ist. Das betrifft sowohl die Naturgesetze als auch die Logik. Der menschliche Verstand kann die Allmächtigkeit nur in Gestalt eines Paradoxon begreifen. Es gibt keine mathematische, physikalische oder sonstwie geartete Formel, die Allmächtigkeit wiegen, messen, analysieren oder was sonst kann.

Schöpfung und Allmächtigkeit 

Daraus folgt, daß die Allmächtigkeit innerhalb der Schöpfung keine Rolle spielt. Der Mensch wird zwar mit Gott, dem Allmächtigen konfrontiert - aber nicht mit der Allmächtigkeit. Dies geht sogar so weit, daß, als Gott Mensch wird, er auf seine Allmächtigkeit verzichtet. Paulus zitiert in einem seiner Briefe einen Christushymnus, in dem es heißt: "Er war in allem Gott gleich, und doch hielt er nicht gierig daran fest, so wie Gott zu sein. Er gab alle seine Vorrechte auf und wurde einem Sklaven gleich. Er wurde ein Mensch in dieser Welt und teilte das Leben der Menschen. Im Gehorsam gegen Gott erniedigte er sich so tief, daß er sogar den Tod auf sich nahm, ja, den Verbrechertod am Kreuz" ( Philipper 2,6-8 ).

Der lebendige Gott begegnet den Menschen nicht in Allmächtigkeit. In allen Begenungen zwischen der Gottheit und der Menschheit verstößt er nicht gegen die von ihm geschaffenen Naturgesetze, gegen die Gesetze der Wahrscheinlichkeit oder gegen die Logik [1] - und Wunder geschehen eher in der Verborgenheit, Jesus befiehlt den Geheilten sogar, darüber zu schweigen. Nur in dieser Selbstbeschränkung Gottes ist die Willensfreiheit des Menschen garantiert und unverletzlich. Nur in der Begegnung mit einem nicht allmächtigen Gott ist der Mensch tatsächlich völlig frei, ob er eine Gottesbeziehung wünscht oder nicht, wie er auf Gottes Handeln reagieren will, ob er Gott lieben will. Das Wissen um die Allmächtigkeit Gottes würde dazu führen, daß der Mensch sich der Existenz Gottes sicher wäre, ja, von diesem Wissen überwältigt würde. In dieser Situation wäre die Willensfreiheit des Menschen beseitigt. Er wäre letztlich nur eine Marionette, die an den Fäden des Allmächtigen seinen Willen tun müßte.

Wo Menschen nun in der Begegnung mit Gott zum Glauben kommen, da teilen sie Gottes Scheu, von Allmächtigkeit zu reden. Ihr bevorzugter Begriff ist nicht Allmacht, sondern Vollmacht, grie. "exousia": Vollmacht, Befugnis. "Exousia" wiederum ist abgeleitet von grie. "exestin", das die ungehinderte Möglichkeit und Freiheit zum Handeln bedeutet. Bei Plato meint "exousia" die Gewalt, die sich im Rahmen rechtlicher, politischer, sozialer oder sittlicher Ordnung abspielt, und diese Gewalt ist an eine bestimmte Stellung gebunden, etwa die eines Königs oder auch eines Vaters. Plato bezeichnet mit "exousia" aber auch die sittliche Freiheit - bei ihm des Menschen -, etwas zu tun oder zu lassen.

Im Neuen Testament meint "exousia" vor allem die Befehlsgewalt von Amtsträgern. Zugleich bezieht das Neue Testament die "exousia" zum einen auf das Christusgeschehen - der allmächtige Gott wird Mensch, erniedrigt sich selbst, verzichtet auf alle seine Vorrechte, einschließlich seiner Allmächtigkeit -, zum anderen auf die dem Glaubenden durch Christus geschenkte Bevollmächtigung, die vor allem in der Freiheit des Glaubenden besteht; so erkennt Luther hier, daß der Christ ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan sei. Dem Christen ist alles erlaubt ( 1. Korinther 6,12 ; 1. Korinther 10,23 ); zur Frage der Willensfreiheit sagt der Christ: "Wir haben einen befreiten Willen". Die wichtigste Vollmacht der Christen ist schließlich ihre Freiheit, sich als Kinder Gottes zu wissen ( Johannes 1,12 ).

Statt von der Allmächtigkeit Gottes reden die Christen also von der Vollmacht, die aber nicht auf Gott beschränkt bleibt, sondern von ihm den Glaubenden geschenkt wird. Die Vollmacht, in der Gottheit und Menschheit vereint sind, wird nun zu einer "All-Macht", zur Macht aller, die nur eines will, mit aller Macht: Die Freiheit.

Christen fragen also, mit dem "exousia" im Hintergrund, nicht nach zu schaffenden und zu hebenden Steinen, sondern nach Freiheit. Die Frage nach der Allmacht heißt: Hat uns Gott alle Freiheit geschenkt? Sind wir von allen Gesetzen, von allen Flüchen befreit? Die Frage nach allumfassender Freiheit allerdings zwingt uns zu einer logischen Einschränkung: Wenn Gott uns volle Freiheit schenkt, dann ist er selbst nicht allen Dingen frei. Dann kann er uns etwa nicht als "Marionetten" behandeln, die nur das tun und lassen, was er will. Unsere Freiheit ist also gewissermaßen der "Stein", den Gott geschaffen hat, der zu schwer ist, als daß er ihn heben könnte. Er kann unsere Freiheit nicht aufheben.

Das Allmächtigkeitsparadoxon ist also wahr - aber die logische Konsequenz daraus ist nicht, daß ein allmächtiger Gott nicht existieren kann. Er verhüllt seine Allmacht und damit die Beweisbarkeit seiner Existenz, so daß wir nicht durch sichtbare Beweise gezwungen werden können, die Existenz Gottes anzuerkennen und uns seinem Willen zu beugen.

Aber kann der Mensch Gottes Existenz überhaupt erkennen, wenn sie nicht durch Allmächtigkeit bewiesen werden kann? Zwingt Gott den Menschen durch das von ihm zu verantwortende Allmächtigkeitsparadoxon nicht gerade zum Unglauben, zum Atheismus?

Es ist das Zeugnis der Bibel (und auch aller Menschen, die gläubig geworden sind und sich zu Gott bekehrt haben), daß Gott immer wieder bei den Menschen "anklopft", damit sie ihm ihr Herz öffnen. Im Verborgenen zieht Gott gegenüber den Menschen ein wenig die Decke zurück, die seine Allmächtigkeit vor den Augen der Welt verbirgt. Für jeden Menschen gerade soweit, daß die Allmächtigkeit Gottes ihn nicht überwältigt, sondern ihm die Freiheit läßt, sich für oder gegen Gott zu entscheiden. Immer erschafft Gott damit, bildlich gesprochen, einen Stein, der zu schwer ist, als daß er ihn selbst heben könnte - nur der Mensch kann diesen Stein aufheben, wenn er es will.

Das Allmächtigkeitsparadoxon wird damit zu einem Gleichnis für die Willensfreiheit, die Gott, der Allmächtige, dem Menschen - dem Bevollmächtigten - läßt.

Anmerkungen 

[1] Vor Ostern ist Jesus, so verstehe ich die Bibel, aufgrund seiner in Phil 2,6ff beschriebenen Selbstbeschränkung, in allen Dingen wie ein Mensch zu sein, nicht in der Lage, die Naturgesetze, die Gesetze der Wahrscheinlichkeit oder die Logik aufzuheben, zu verändern oder sich außerhalb ihrer zu bewegen - oder wie immer man ein "Wunder" auch bezeichnen möchte. Wo Jesus Wunder tut, da tut er es ganz in Abhängigkeit von seinem Vater. 

Wo Jesus Wunder tut, sind sie zudem in der Regel den Menschen zugeordnet, die bereits willentlich auf dem Weg des Glaubens, der Begegnung mit Gott sind (oder ebenso willentlich auf dem Weg des Unglaubens), wo das durch ein Wunder vermittelte Wissen um die Allmächtigkeit Gottes den Menschen in seiner Willensfreiheit nicht mehr überwältigen kann. 

Literaturhinweise

L. Coenen u. K. Haacker, Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament, Wuppertal 1997; hier der Abschnitt "Kraft/Macht"

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 02. März 2010 um 12:57 Uhr
 
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