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Kirchenkritik - eine Erfindung der christlichen Kirche
Hierzulande gilt Karlheinz Deschner als Gründer der Kirchenkritik und als ihr größer Meister. Entsptrechend wird er mit Preisen überhäuft.
Nun ist aber nicht Deschner Erfinder der Kirchenkritik, sondern - die Kirche. Faßt man das Thema ein wenig weiter, kann man sogar sagen: Die jüdischen und die christlichen Gemeinschaften wurden zuerst von Juden bzw. Christen kritisiert.
Schon die jüdische Bibel, das Alte Testament der Christen, spart nicht mit Kritik am Judentum. Und die Juden haben diese Kritik nie aus ihren heiligen Schriften gelöscht. Überspitzt könnte man sagen: Statt die Kritiker auszutilgen und ihre Schriften zu verbrennen, haben die Juden sie zu ihren Propheten gemacht und verehren sie, indem sie ihre Schriften studieren.
Diese Linie setzt sich im Neuen Testament fort. Es spart nicht mit Kritik an Christen. Man nehme etwa die Briefe an die Gemeinden in Korinth oder auch Galatien. Paulus geht mit den Christen dort heftig ins Gericht - und daß wir diese Briefe heute noch haben, beweist, daß die Empfänger, die Korinther und Galater, die Briefe nicht nur nicht zerrissen haben, sondern sie sogar kopiert und weitergegeben haben. Sie haben sich damit zu der Kritik bekannt.
Die Bibel spart an keiner Stelle mit Kritik an den Gläubigen, und die echten Gläubigen haben diese Kritik nicht nur bewahrt, sondern formulieren auch selbst Kritik an ihren Gemeinschaften.
Und es gibt seit 2000 Jahren Grund genug für Kritik am Christentum. Und seit 2000 Jahren wird sie formuliert - zuerst und vor allem von Christen. Kirchenferne Kirchenkritiker wie Karlheinz Deschner sind in dieser Hinsicht nur Trittbrettfahrer.
Auch muß sich niemand, der sich für Kritik am Christentum und der Kirche interessiert, auf Schriften von Karlheinz Deschner und anderen kirchenfernen Kritikern beschränken - aus der Hand von Christen gibt es erheblich mehr Kritik an Christentum und Kirche.
Kritik an Kirche und Christentum ist erlaubt; denn wir finden sie schon in der Bibel. Darum ist sie sogar gefordert und gehört zu den Pflichten der Christen. Und es gibt genug Grund für Kritik. Als deutscher Baptist denke ich da nicht nur an die Southern Baptist Convention in den USA, sondern mehr noch an die Haltung der Baptisten in der Nazi-Zeit, die mehr genug Grund gibt zur Kritik am Baptismus.
Kritik an (Frei-) Kirche und Christentum ist notwendig; denn Christen sind ja nicht besser als Nichtchristen. Natürlich haben wir zu oft behauptet, daß dem nicht so wäre: Die Menschen in der Kirche, die Christen seien besser als die "Heiden", sie würden nicht sündigen usw.
Ja, dem ist nicht so. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß es in der Kirche oft sogar schlimmer zugeht als "draußen". Warum dem so ist?
Erstens verlassen sich viele Christen zu sehr darauf, daß sie ja "besser" sind. Gott bewahrt sie schon. Und er vergibt ja auch. Also geht man der Versuchung leichter in die Falle. Man achtet nicht darauf, der Sünde aus dem Weg zu gehen.
Zweitens sind in der Kirche genügend Menschen, die nach Macht und Einfluß streben. Das sind nicht immer nur Ungläubige, sondern können auch durchaus fromme Christen sein. Und manche sind durch ihre Persönlichkeit in der Lage, dabei sehr viel Schaden anzurichten.
Drittens zieht die Kirche ja vor allem die "Kranken" an, die den Arzt brauchen, nicht die Gesunden: "Zöllner, Sünder, Huren". Die werden aber nun einmal nicht automatisch "gesund"; denn dazu braucht es die Heiligung, um einen Begriff aus dem Wortschatz der Kirche zu bemühen: Wachstum im Glauben. Jesus immer ähnlicher werden.
Darum braucht die Kirche Kritiker, und sie tut gut daran, diese als "Propheten" zu betrachten.
Dazu müssen wir nicht Deschner & Co. lesen - die Kritik an Kirche und Christentum, die die Kirche selbst hervorbringt, ist tiefgehender, radikaler und nimmt weniger Rücksicht auf Allianzen und Vorteile und Ansehen. Zudem ist sie konstruktiv - ihr geht es nicht um Aburteilung, sondern um Reformation, um Wiederherstellung.
Natürlich tut sich die Kirche immer wieder schwer mit Kritik. Manchmal werden die Kritiker als Ketzer verfolgt. Aber im Großen und Ganzen kann man sagen: Berechtigte Kritik setzt sich durch, wenn auch manchmal erst nach Jahren. Dies ist meines Erachtens auch deswegen der Fall, weil der Heilige Geist dafür sorgt.
Im Allgemeinen ist die Kirche also offen für Kritik, fördert diese auch, angefangen bei den Briefen des Paulus an die Korinther und Galater, die hier als Beispiel dienen dürfen. Ausnahmen in Geschichte und Gegenwart bestätigen die Regel (was die Kirche durchaus als Anlaß zur Kritik nehmen sollte). Einen reifen Christen erkennt man daran, wie er mit Kritik umgeht.
Als Christ möchte ich für mich und meine Kirche nicht auf Kritik verzichten. Ich erfahre sie als Hilfe, und ich erlebe sie oft genug als Wirken Gottes.
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