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Leid - Warum läßt Gott das zu? PDF Drucken E-Mail
Christlicher Glaube - Verschiedenes
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Donnerstag, den 17. November 2005 um 20:00 Uhr

Die Frage nach dem Leid, die Frage, "warum läßt Gott das zu?" ist wohl so alt wie die Menschheit selbst.

Für viele Menschen ist die Frage nach dem Leid in der Welt und wie Gott - insbesondere ein liebender Gott, wie das Christentum ihn verkündet - ein Grund, sich von diesem Gottesglauben abzuwenden.

Für viele von ihnen ist es schwer verständlich, warum immer noch Menschen diesem Gottesglauben anhängen - gerade wenn die Gottesgläubigen selbst Leid haben erfahren müssen. Wie kann man Leid erleben und doch an einen liebenden Gott glauben?

Kann dieser Beitrag die Fragen nach dem Leid beantworten? Wenn der Leser eine einfache Antwort haben möchte, wenn er von Schuld und Verantwortung frreigesprochen werden möchte, wenn er wissen will, wer schuld ist, wem man die Verantwortung aufbürden kann, dann wird ihn dieser Beitrag enttäuschen. Er enthält keine einfache Antwort auf die Frage nach dem eid oder warum Gott das Leiden zuläßt. Er spricht uns Menschen nicht, wie wir es so gerne hzätten, von aller Schuld und Verantwortung los. Er erlaubt es uns nicht, einen Schuldigen auszumachen, dem wir die Verantwortung aufbürden können.

Ich fürchte, die meisten Menschen - gerade wenn sie selbst nicht gerade wirklich Leid erleben -, suchen genau das. Einfache Antworten, einen bedingungslosen Freispruch für sich selbst und einen Schuldigen, den man anklagen und verurteilen kann.

Es ist das, was ich bei anderen beobachte - und wovon ich mich auch selbst nicht frei weiß. Es ist die Suche, die ich in mir selbst verfolge.

Was kann ich nun als Christ, als einer, der an einen liebenden Gott glaubt, auf die Frage nach dem Leid in der Welt antworten? Was kann ich auf die Frage antworten, warum Gott das alles zuläßt? Ich habe verschiedene Gedanken auf diese Fragen, die ich mit Ihnen teilen möchte.

Der erste Gedanke: Gott kennt das Leid. Religiös betrachtet, ist dieser Gedanke eine Zumutung: Gott ist mit dem Leiden vertraut. Gott ist Mensch geworden, uns in allen Dingen gleich. Jesus, das vorweg, war nicht nur ein Gottwesen, eine Art Geist, dem Leid nichts anhaben könnte. Nein, Jesus konnte leiden, und er hat gelitten. Und sein Leiden war nicht nur physischer Natur, als er gefoltert und gekreuzigt wurde. Das Leiden Jesu war auch seelischer und geistlicher Natur: Jesus mußte erleben, daß seine Schöpfung und sein Volk ihn ablehnte - bis zur letzten Konsequenz, seinem Tod. Seine Schöpfung und sein Volk nahm ihn nicht auf, wandte sich von ihm ab, lieferte ihn aus. Seine bedingungslose Liebe wurde nicht erwidert, sondern ihm schlug Haß entgegen, Haß, der ihn zum Tod verurteilte. Dieses Leid ist unvorstellbar, es geht über jede Ablehnung, über jeden Haß hinaus, den Menschen sich vorstellen können. Für Jesus war dieses Leid eine sehr reale Erfahrung. Und dann das geistliche Leid: Als er am Kreuz starb, starb er stellvertretend für alle Menschen, deren Schuld und Sünde er selbst trug. Und in dieser Situation wandte Gott, sein Vater, sich von ihm ab; denn Gott hat mit der Sünde keine Gemeinschaft. Für Jesus, der immer auf das Innigste mit Gott vebunden war, muß diese Gottesferne ein ungeheures Leiden dargestellt haben. Und noch einmal: Jesus war nicht ein empfindungsloses Geistwesen. Was er auf Erden erlebte, war nicht irgendwie "Vetternwirtschaft". Jesu Leiden war real. Darum: Gott kennt das Leiden. So spricht die Bibel denn auch von Jesus als dem "leidenden Gottesknecht".

Der zweite Gedanke: Das Gottesvolk kennt das Leid ebenso, wie sein Herr das Leiden kennt. Das Volk Gottes ist nicht aus dem Leiden herausgenommen. Tatsächlich gehört das Leiden zum Wesen der Gottesgläubigen. Wer also leidenlos leben will, sollte nicht gottesgläubig werden. Wer Jesus nachfolgt, muß, wie Jesus sagte, sein Kreuz auf sich nehmen. Nachfolge Jesu schließt Leiden ein: Verfolgung um des Glaubens willen an erster Stelle. Gott traut seinem Volk Leiden zu. Wer mit Jesus in seinem Reich feiern will, muß auf Erden den Kelch des Leids trinken. Jesus hat auch von einer "Taufe des Leidens" gesprochen. Wer von Gott auserwählt ist, ist immer auch zum Leiden auserwählt, und wer zur Gemeinde Gottes gehört, gehört immer auch zur Leidensgemeinde. Ist die Nachfolge Jesu nun ein Weg nur für Masochisten? Nein, mit Sicherheit nicht. Christen suchen für gewöhnlich nicht das Leid, aber wenn Gott ihnen den Kelch des Leids reicht, so nehmen sie ihn ebenso aus seiner Hand, wie sie einst auch das ewige Leben aus seiner Hand nehmen werden.

Der dritte Gedanke: Leid gehört zum Leben ebenso wie Schwangerschaft, Wehen und Geburt. Gott hat es nicht so eingerichtet, daß wir als fertige Menschen auf die Welt kommen. Und wie Schwangerschaft, Wehen und Geburt zum Leben gehören, so gilt das auch für das Leiden. Es gehört zum Leben dazu, und wie nach Schwangerschaft, Wehen und Geburt nicht alles aus ist, sondern das Leben eigentlich erst beginnt, so gilt das, davon bin ich überzeugt, auch für das ewige Leben: Die Leiden sind die Schwangerschaft, die Wehen und die Geburt des ewigen Lebens. Das bedeutet nicht, daß das Leben vor dem Tod bedeutungslos ist. Die Bibel bringt hier eine kaum auszuhaltende Spannung zum Ausdruck: Sie mißt einerseits dem Leben nach dem Tode, dem Jenseits also allergrößte Bedeutung zu. Doch zugleich wendet sich Gott leidenschaftlich dem Menschen in seinem Leben vor dem Tod zu, seinem Leben im Diesseits. Über weite Strecken liest sich die Bibel so, als gäbe es kein Leben nach dem Tode und es käme nur auf das Diesseits an. Es gibt in der Bibel keine Geringschätzung des Diesseits, des Lebens vor dem Tode. Der Schutz des Lebens in all seinen Fazetten ist immer wieder zentrales Thema der Bibel. Gott ist der diesseitige Mensch nicht egal, ganz im Gegenteil. Und doch ist das Diesseits nicht alles: Die Bibel spricht sehr leidenschaftlich von einem ewigen Leben, einem Leben nach dem Tod, einem Jenseits. Ein Ort freilich, an dem es kein Leiden mehr geben wird, an dem Gott unsere Tränen abwischen, uns trösten wird.

Der vierte Gedanke: Nehmen wir Glück, Frieden, Versorgung und dergleichen mehr ebenso wahr, wie wir das Leid wahrnehmen? Wo es uns gut geht, investieren wir da ebenso viel Lob und Dank, wie wir klagen, wenn wir leiden? Oder nehmen wir das Gute selbstverständlich? Ist es uns Dank und Lob wert - oder klopfen wir uns nur selbst auf die Schulter, wie gut wir uns doch eingerichtet haben? Ich glaube, bei den meisten Menschen überwiegt das Gute in ihrem Leben, nicht das Leid. Doch sind wir ebenso darauf bedacht, uns zu bedanken, wie wir mit Klagen bei der Hand sind, wenn Not und Leid über uns hereinbricht?

Der fünfte Gedanke: Was haben wir eigentlich verdient? Wir glauben meist, wir haben es ohne Zweifel verdient, daß es uns gut geht, daß wir Frieden haben, daß wir genug zu essen und zu trinken haben und gute Kleidung und ein Dach über dem Kopf. Leid dagegen und Not hätten wir selbstverständlich nicht verdient. Ein Leben ohne Not und Leid erscheint uns als ein rechtmäßiges Gut, das uns einfach zusteht, und wehe, unser Wohlstand, unser Wohlbefinden, unsere Gesundheit, unser Leben wird angestastet. Wir fragen also in Bezug auf Not und Leid, womit wir das verdient haben, warum Gott das zuläßt, nicht aber in Bezug auf Frieden, Gesundheit, Auskommen und dergleichen mehr. Warum glauben wir, daß wir irgend einen Anspruch Gott gegenüber hätten, daß es uns gut geht und nicht schlecht, daß wir nicht leiden müssen?

Der sechste Gedanke: Wann fragen wir nach Gott? Fragen wir nach Gott, wenn wir unser Leben leben? Fragen wir nach dem Willen Gottes für unser Leben, wenn Entscheidungen anstehen? Fragen wir nach Gott, wenn es darum geht, uns in unserem Leben einzurichten, oder ist Gott uns dabei herzlich egal - aber sobald wir in Not geraten, klagen wir Gott an?

Der siebte Gedanke: Auf wen vertrauen wir? Leben wir in Abhängigkeit von Gott? Oder verlassen wir uns auf uns selbst? Vertrauen wir auf Ideologien oder auf Fetische? Geben wir Gott überhaupt eine Chance, unser Leben in den Griff zu bekommen, oder kommen wir erst, und dann gleich mit einer Klage, wenn unser Leben zerbrochen ist?

Der achte Gedanke: Nutzen wir die vielfältigen Ressourcen Gottes? Ich glaube, daß Gott den Menschen die nötigen Mittel an die Hand gibt, um das Leiden in der Welt zu minimieren, die Not zu lindern. Und ich denke, daß angesichts von Leid und Not viel häufiger die Frage angebracht wäre, warum läßt der Mensch das zu, als die Frage, warum Gott das zulasse. Wie viel Leid in der Welt ist von Menschen vorsätzlich oder fahrlässig verursacht oder geduldet? Wie viel Leid könnten die Menschen vermeiden oder lindern? Wie viel Verantwortung, wie viel Schuld tragen wir selbst?

Der neunte Gedanke: Wollen wir wirklich, daß Gott durchgreift und alles Leid und alle Not abstellt? Ist uns klar, was das bedeutet? Bestenfalls müßten wir bereit sein, Marionetten ohne einen freien Willen zu werden. Schlimmstenfalls muß Gott uns auslöschen. Denn es ist nun einmal so, seien wir doch ehrlich: Die meiste Not, das meiste Leid, die meiste Verzweiflung ist Menschenwerk. Wenn wir wollen, daß Gott die Not und das Leid abschafft, so läuft das mehr oder weniger darauf hinaus, daß der Mensch abgeschafft wird, zumindest der Mensch mit einem freien Willen.

Der zehnte und letzte Gedanke (mit dem wir wieder an den Anfang zurückkehren): Gott hat durchgegriffen. Er ist in diese Welt hineingekommen, mitten in das Leid, mitten in die Not. Jesu Ankunft hat ganz entscheidend mit der Frage nach dem Leid zu tun. Sie erinnern sich: Jesus hat das Leiden weder für sich noch für seine Nachfolgerinnen und Nachfolger abgeschafft. So leicht macht Jesus es sich und uns nicht. Er selbst will aber ein Retter und ein Helfer in Leid und Not sein. Und er will, daß seine Nachfolgerinnen und Nachfolger selbst Retter und Helfer sind. Die Frage ist nun: Sind wir bereit, diese Verantwortung zu übernehmen? Sind wir bereit, Jesus nachzufolgen, unser Kreuz auf uns zu nehmen? Sind wir bereit, Gottes Mitarbeiter in Jesu Rettungsunternehmen zu werden? Sind wir bereit, als Mitarbeiter Jesu anzupacken, Not zu lindern, Leidenden beizustehen? Wollen wir es zulassen, daß Gott durch uns Menschen hilft?

Gott ist mit den Leidenden 

Was ich oben schrieb, richtete sich in erster Linie an Menschen, die, ohne akut von Not und Leid betriffen zu sein, nach dem Leid fragen, die fragen, warum Gott Leid und Not zuläßt. Doch ich möchte diesen Beitrag nicht beenden, ohne auch noch besonders für jene Menschen zu schreiben, die Not leiden.

Zuerst möchte ich, daß Sie wissen: Not und Leid sind nicht Zeichen für Sünde oder daß Gott Sie nicht liebt, daß Sie etwas falsch gemacht haben oder daß Sie zu wenig oder falsch glauben.

Dann möchte ich, daß Sie wissen: Gott läßt Sie in Ihrem Leid nicht allein. Wenden Sie sich aber auch nicht von Gott ab. Kommen Sie mit Ihrem Leid, mit Ihrer Not zu Gott. Bleiben Sie bei ihm, halten Sie sich bei ihm fest. Sie dürfen ihm sagen, wie es Ihnen geht, daß Sie nicht verstehen, was mit Ihnen geschieht. 

Vielleicht werden Sie erst im Nachhinein erfahren, daß Gott Sie in Ihrem Leid nicht alleingelassen hat, daß er Ihnen zur Seite gestanden hat. Es ist gut möglich, daß Gott unendlich weit weg scheint, während Sie in Not und Leid wie gefangen sind, daß Ihre Gebete ihn nicht zu erreichen scheinen. Und doch: Halten Sie sich bei Gott, kommen Sie immer und immer wieder zu ihm.

Suchen Sie in Zeiten der Not und des Leidens Menschen, die Ihnen zur Seite stehen: Seelsorgerinnen und Seelsorger. Betrachten Sie diese Helfer und Tröster als Gottes Geschenk. Viele von ihnen sind selbst durch Not und Leid gegangen und wissen, wie es Ihnen geht (wer weiß: vielleicht sind Sie einmal auch ein solcher Seelsorger, ein Helfer, den Gott Menschen in Not und Leid zum Geschenk macht).

Beten Sie, lesen Sie die Bibel. Sehen Sie zu, Ihre alltäglichen Pflichten sorgfältig zu erledigen. Gönnen Sie sich kleine Geschenke. Treiben Sie im Rahmen Ihrer Möglichkeiten Sport, achten Sie auf Ihre Hygiene, auf Ihre Kleidung, als Frau auf Make-up und Schmuck. Es sind die kleinen Dinge, die Ihnen helfen werden.

Und bei allem: Glauben Sie nie, daß Sie Not und Leid verdient haben, weil Sie schlecht sind, weil Sie falsch glauben, weil Sie eine Sünde begangen haben. Es ist wahr: Wir alle mangeln überall an dem Guten, das wir eigentlich haben sollten. Wir alle sind nun einmal nicht uneingeschränkt gut. Wir alle machen uns immer wieder schuldig. Wir alle glauben nicht so, wie wir sollten. Es ist gut, Sünden zu bekennen, um Vergebung zu bitten - Gott vergibt mehr als gerne, und uns tut es gut. Aber wenn wir leiden, hat das nichts damit zu tun, daß wir es verdient hätten, oder daß wir es mehr als andere verdient hätten.

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 02. März 2010 um 12:59 Uhr
 
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