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Frieden - Weil ER lebt PDF Drucken E-Mail
Christlicher Glaube - Andachten und Predigten
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Sonntag, den 06. Januar 2008 um 13:07 Uhr

Andacht zum Ökumenischen Friedensgebet in der ev. Pauluskirche Stuttgart-Zuffenhausen, gehalten am 7. Januar 2008 - Das Thema lehnt sich an die diesjährige Weltweite Gebetswoche (Allianzgebetswoche) "Weil ER lebt" an

Biblische Impulse

Der Prophet Jesaja sagt: Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. - Jesaja 53,5

Jesus spricht: Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht. - Johannes 14,27

Jesus spricht: Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. - Johannes 16,33

Paulus schreibt: Und der Friede des Christus regiere in euren Herzen, zu dem ihr auch berufen worden seid in einem Leib! Und seid dankbar! - Kolosser 3,15

Geistlicher Impuls

Liebe ökumenische Gemeinde,

in dieser Woche versammeln sich weltweit Hunderte Millionen von Christen, auch hier in Zuffenhausen, um gemeinsam zu beten. Vor allem protestantische, aber auch einige katholische und orthodoxe Christen kommen im Rahmen der Allianzgebetswoche zusammen, um unter der Überschrift „Weil ER lebt“ Gott zu loben, ihn anzubeten und ihre Dankbarkeit auszudrücken, um sich vor Gott zu beugen, um Bitte und Fürbitte zu tun.

Leider befaßt sich keines der Themen der diesjährigen Allianzgebetswoche ausdrücklich mit dem Frieden. Die Themen sind Verbundenheit mit Jesus, Sicherheit in Stürmen, bestimmt sein zum Leben, zur Nachfolge berufen sein, um Kinder besorgt sein, in Bedürfnissen versorgt sein, gesandt sein zum Dienen, für morgen gerüstet sein, die Botschaft vom lebendigen Gott weitersagen. Wenn man genau hinschaut, dreht sich jedes dieser Themen um den Frieden, den biblischen „Schalom“ oder auch den „Pax Christi“, um Heil-sein, um gelingendes Leben. Aber explizit ist an keiner Stelle vom Frieden die Rede.

Frieden ist gerade deswegen möglich, weil Jesus lebt. „Weil ER lebt,“ so sagt es Jürgen Werth, der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz und Direktor des Evangeliums-Rundfunks, „ist alles anders. Weil ER lebt, gibt es Hoffnung. Weil ER lebt, gilt Gottes Liebe. Weil ER lebt, reden wir mit ihm. Und reden wir miteinander. Weil ER lebt, beten wir zu ihm. Und beten wir miteinander. Und lassen uns von ihm zu den Menschen schicken. Weil er lebt, leben wir. In Zeit und Ewigkeit. Und tragen sein Leben in eine sterbende Welt.“ So weit Jürgen Werth, und ich möchte anschließen: Weil ER lebt, tragen wir seinen Frieden in eine friedlose Welt. Weil ER lebt, können Menschen Frieden er-leben.

Im Inhalt der Bibel und in ihren Sprachen – Hebräisch, Aramäisch und Griechisch – hat der Friede eine weitgefächerte Bedeutungsvielfalt, ebenso in den kirchlichen Wirklichkeiten. Friede, das meint sowohl die Versöhnung des Menschen mit Gott als auch das Wohlbefinden eines Einzelnen oder der Gesellschaft, die Bedeutung liegt im Alten Testament vor allem auf dem Wohlbefinden, im Neuen auf dem Moment der Ruhe; es meint einerseits einen Pakt zwischen zwei Parteien – das Wort „Pax“, das wir sowohl von der „Pax Romana“, dem römischen Frieden, als auch von dem Friedenswerk „Pax Christi“ kennen, ist eng verwandt mit dem Wort „Pakt“ – als auch die Abwesenheit von Streit, Gewalt und Krieg. Die Bibel weiß, daß der Friede, mit dem Gott den Menschen ursprünglich ausgestattet hat, durch den Sündenfall, die völlige Verstrickung des Menschen in die Sünde, in Mißtrauen und Ängste, zerstört hat, daß Gottlosigkeit immer Friedlosigkeit ist, daß Friede auf Erden immer nur Stückwerk sein kann. Wir befinden uns in der Erwartung vollen Heils und wahren Friedens, und dieser verheißene Frieden wird nicht nur dem Volk Gottes gelten, sondern dann allen Menschen, ja, aller Kreatur, dem ganzen Kosmos. Als Kirche, als Leib Jesu und damit als Vorausstrupp des Reiches Gottes, sind wir angewiesen, im Hier und Jetzt nicht nur Hörer der Friedensverheißung zu sein, sondern auch Täter, daß wir Frieden stiften, wo immer wir sind, ob zur Zeit oder zur Unzeit.

Liebe ökumenische Gemeinde, wenn der Herr Jesus in seinen Abschiedsreden sagt, „Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht“, dann haben wir zuerst einen deutlichen Hinweis darauf, daß Jesus zwischen dem Frieden, wie ihn die Welt zu geben hat, und dem Frieden, der er zu geben hat, deutlich unterscheidet. Der Friede, den es in der Welt zu erringen gibt, ist ein Zustand von Ruhe und Ungestörtheit, ein Leben ohne Angst und Bedrohung. Dieser Friede wird oft durch Pakte erreicht, manchmal wird er militärisch erzwungen – die Zuhörer Jesu kannten die „Pax Romana“, die militärische Befriedung des römischen Reiches. Selbst ein erzwungener Frieden ist besser als Friedlosigkeit, als Streit und Unruhe, als Tod und Vernichtung. Darum ist der Friede, den diese Welt zu geben hat, immer ein Gut, das zu gewinnen ist, selbst wenn er bedeutet, dafür auf Vorrechte und Freiheiten zu verzichten, wenn der Gewinn darin besteht, Blutvergießen und Terror zu vermeiden. Diesen Frieden läßt Jesus seinen Jüngern, aber er will ihnen darüber hinaus einen anderen Frieden geben, der eine Zeit umrahmt, die gerade für die Jünger Jesu von Passion, von Verfolgung, von Märtyrium geprägt ist, wahrer Friede inmitten von Bedrängnis, ein Licht des Friedens in tiefster Dunkelheit des Leidens. Jesus verspricht seinen Jüngern nicht, daß sie von Leid und Not, von Streit und Gewalt verschont bleiben werden, aber er verheißt ihnen, daß sie auch dann, wenn sie von allen Seiten bedrängt werden, im Frieden leben werden: Verbunden mit Jesus, gesichert in Stürmen, zum Leben bestimmt, zur Nachfolge berufen, um Kinder besorgt, in Bedürfnissen versorgt, zum Dienen gesandt. Gerüstet für ihren Dienst als Friedensstifter in einer Welt, die sich nach Frieden sehnt und durch Sünde und Gottlosigkeit doch nur einen zerstückelten Frieden kennt, der meist nur mit Gewalt erzwungen werden kann, durch Unterwerfung und Einschränkungen von Freiheiten und Vorrechten.

Liebe ökumenische Gemeinde, die ganze Passionsgeschichte zeigt uns, wie dieser Friede Jesu aussieht, völliger Friede in schlimmster Bedrängnis. Während der gesamten Passion kommt kein friedloses Wort von den Lippen des Herrn Jesu. Es gibt keinerlei Drohungen, keine Empörung. Dieser Friede zeichnet nicht nur den Herrn Jesus aus, er ist die Gabe des Herrn an seine Gemeinde. Die Geschichten der Märtyrer zeigen uns, wie diese Gnadengabe zum Einsatz kommt. Das Blut der Märtyrer, im Frieden vergossen, wird der Same der Kirche.

Wo wir um Frieden beten, wollen wir darum in besonderer Weise an die Märtyrer denken, an die Verfolgten, daß sie den Frieden des Herrn Jesus erfahren. Wir wollen auch für die Verfolger bitten, daß der Friede der Verfolgten für sie zum Zeugnis der Friedensbotschaft des Herrn Jesus wird.

Liebe ökumenische Gemeinde, der Wuppertaler Pfarrer Hermann Schaefer schreibt in einem Lexikonartikel zum Thema Frieden einige sehr bedenkenswerte Worte, die ich zum Abschluß meiner Andacht zitieren möchte:

„Schalom, der umfassende biblische Friedensbegriff, meint gelingendes Leben, und ist keineswegs nur beschränkt auf das Verhindern kriegerischer Auseinandersetzungen. 'Der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft', bewahrt Herzen und Sinne (Phil 4,7). Freilich muß er erbeten, angenommen, im Miteinander bewährt und nötigenfalls auch wiedergewonnen werden.

Gerade in christlich geprägten Familien und in Kirchengemeinden herrscht weithin (noch) die Vorstellung, Friede sei ein Zustand, der nur erhalten werden kann, wenn man Konflikte vermeidet, statt unterschiedliche Interessen in einem Prozeß des Abwägens oder auch des Miteinander-Streitens zu einem Ausgleich zu bringen.

Auch Spannungen oder Spaltungen zwischen Kirchen und Konfessionen sind nur in einem Lernprozeß, in gemeinsamen Bemühungen um Konsens oder um Konvergenzen (um Annäherungen wie z.B. im Lima-Prozeß zu Taufe, Eucharistie und Amt) oder in gemeinsamem Bekennen und Handeln angesichts aktueller Herausforderungen zu überwinden.

Die Weise, wie Christen und Kirchen miteinander Konflikte angehen, ohne Spannungen oder Kontroversen zu verdecken, ist (allemal nach außen hin) der Ausweis für die Glaubwürdigkeit des Friedenszeugnisses, das sie in den politischen Bereich hinein geben.“

Ebenso, so möchte ich persönlich ergänzen, ist die Art und Weise, wie wir als Christen inmitten von Leid und Verfolgung nicht nur Frieden haben, sondern auch Frieden stiften, Ausweis der Glaubwürdigkeit unseres Friedenszeugnisses, mit dem wir Menschen für die Botschaft des Evangeliums, für den Herrn Jesus gewinnen können.

Amen.

Literaturhinweise

  • Vorbereitungsheft der Evangelischen Allianz in Deutschland zur Weltweiten Gebetswoche 2008 (Bad Blankenburg 2007): „Weil ER lebt“

  • Fritz Rienecker/Werner de Boor/Adolf Pohl, Wuppertaler Studienbibel (Wuppertal 1989), zu Johannes 14,27 (Werner de Boor)

  • Lothar Coenen/Klaus Haacker, Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament (Wuppertal 1997, 2005), zu „Friede“, besonders der Abschnitt „Hermeneutische Überlegungen“ von H. Schaefer

  • Fritz Rienecker, Lexikon zur Bibel (Wuppertal 1988) zu „Friede“

  • Adolf Schlatter, Das Evangelium nach Johannes (Stuttgart 1965, 1995), zu Johannes 14,27

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 01. März 2010 um 19:24 Uhr
 
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