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Andacht zu
Lukas 18,35-43
(Jesus heilt einen Blinden), gehalten am 15.09.2004 im Ständigen Arbeitskreis Islam der Deutschen Evangelischen Allianz
Bibeltext: Lukas 18,35-43
Jesus heilt einen Blinden
Als Jesus in die Nähe von Jericho kam, saß dort ein Blinder am Straßenrand und bettelte. Er hörte die Menge vorbeiziehen und fragte, was da los sei. Er erfuhr, daß Jesus aus Nazaret vorbeikomme.
Da rief er laut: »Jesus, Sohn Davids! Hab Erbarmen mit mir!« Die Leute, die Jesus vorausgingen, fuhren ihn an, er solle still sein; aber er schrie nur noch lauter: »Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!«
Jesus blieb stehen und ließ ihn zu sich holen. Als er herangekommen war, fragte ihn Jesus: »Was soll ich für dich tun?«
Er antwortete: »Herr, ich möchte wieder sehen können!«
Jesus sagte: »Du sollst sehen können! Dein Vertrauen hat dich gerettet.« Sofort konnte der Blinde sehen. Er pries Gott und folgte Jesus. Und das ganze Volk, das dabei war, rühmte Gott.
Andacht
"Was sollen die Missionare für euch tun?" Die Frage, was Missionare tun sollen, wird oft gestellt - auch in der Mission unter Muslimen. In meinen Seminaren und auch sonst höre ich die Frage oft, was Missionare unter Muslimen eigentlich tun sollen. Wie sollen wir handeln, was sollen wir reden? Aber wann fragen wir die Muslime, was wir für sie tun sollen?
Sie würden uns wohl nicht sagen, wie wir sie missionieren sollen. Sie würden uns sicherlich nicht sagen, wie wir sie für Jesus begeistern können. Sie würden uns wohl sagen, daß sie die christliche Mission nicht als notwendig empfinden. Daß sie den christlichen Glauben nicht als erforderlich ansehen, um ihre Seelen zu erretten. Sie würden uns sagen, was sie von den Kreuzzügen halten, und daß sie eine Verbindung sehen zwischen den Kreuzzügen - auch denen des George W. Bush - und der Mission.
Und doch ist es wichtig, auf die Muslime zu hören. Es ist wichtig zu hören, was sie bewegt, welche Bedürfnisse sie haben, welche Sorgen sie umtreiben, welche Erwartungen sie ans Leben haben. Es ist wichtig, die Muslime zu fragen, was wir für sie tun sollen.
Jesus hat es gewagt, genau diese Frage an Bartimäus zu stellen. Als ich diese Bibelstelle im Lukasevangelium las - nur Markus gibt dem Blinden einen Namen -, störte ich mich an dieser Frage Jesu. Was soll das heißen: "Was soll ich für dich tun?" Diese Frage hat mich gestört. Denn erstens ist Jesus doch allwissend. Er sollte doch wohl wissen, was Bartimäus bewegt, welche Erwartung er an Jesus hat. Daß er geheilt werden will, wieder sehend sein will. Und selbst wenn Jesus nicht allwissend wäre - lag denn die Antwort nicht auf der Hand? Ist es nicht ganz und gar offensichtlich, was Bartimäus bewegte, welche Erwartung er hat?
Der Mann ist blind. Offensichtlich taugt er für nichts anderes, als daß man ihn an den Straßenrand setzt, damit er dort bettelt. Und also ist genau das geschehen. Und genau das ist das Problem.
Bartimäus wurde fremdbestimmt. Er hatte sich nicht nur nicht ausgesucht, blind zu sein. Er hatte es sich auch nicht ausgesucht, dort am Straßenrand in der Näher Jerichos im Staub zu sitzen. Er hatte es sich nicht ausgesucht, zu betteln. Da war niemand, der je auf die Idee gekommen wäre, ihn zu fragen: Was willst du? Was willst du, was mit dir geschieht? Er war blind, doch seine Umwelt war blind für seine Erwartungen, seine wahren Bedürfnisse. Er wurde auf das Bedürfnis beschränkt, über die Runden zu kommen, und das sollte er durch Betteln befriedigen. Also kam er an den Straßenrand, und dort sollte er bleiben. Dieser Platze wurde ihm zugedacht - Endstation Straßenrand.
Und als er es wagt, gegen diese Fremdbestimmung anzugehen und Jesus anzurufen, daß er sich über ihn erbarme, da herrscht man ihn an, daß er still sein soll. Niemand hält sein Schreien für wichtig. Niemand hält für wichtig, was er erwartet, was er will. Man hält es nur für wichtig, daß er dort bleibt, wo man ihn hingesetzt hat, und daß er still bleibt.
Aber Bartimäus läßt sich nicht länger fremdbestimmen. Er schreit um so lauter, daß Jesus sich seiner erbarmt. Und Jesus ist wohl der erste Mensch, der ihn, Bartimäus, ernstnimmt. Und Jesus gibt Befehl - so heißt es im Urtext -, daß man Bartimäus vor ihn bringt. Und nun macht Jesus eben etwas, was uns verstört. Obwohl er allwissend ist und obwohl doch eigentlich auf der Hand liegt und deutlich vor aller Augen ist, was dieser Mensch braucht, fragt Jesus ihn, was er für ihn tun soll. "Was soll ich für dich tun?" Oder, wie Luther übersetzt, ""was willst du, das ich für dich tun soll?"
Keine Fremdbestimmung mehr. Kein anderer soll bestimmen, was gut für Bartimäus ist. Selbst wenn einer allwissend ist und selbst wenn es offen vor Augen steht - sein eigener Wille wird von Jesus für gut, für wichtig erachtet. Niemand soll ihm sagen, was er zu wollen hat. Was gut für ihn ist. Ob jemand es gut meint oder auch ein professionaller Helfer ist oder gar ein Prophet - es geht allein um die Wünsche des Bartimäus.
Und so geht es auch um die Wünsche der Muslime. Sie erleben durch familiären und gesellschaftlichen Druck, durch die Sharia und überhaupt genügend Fremdbestimmung. Fünfmal am Tag das Gebet, das Glaubensbekenntnis, das Fasten, die Almosen, die Wallfahrt - fünf Säulen zementieren die Fremdbestimmung im Leben der Muslime. Islamische Fundamentalisten wollen das Leben der Muslime bis in die intimsten Frragen hinein bestimmen. Etliche Fatawa zu allen nur denkbaren Fragen ersticken jede Selbstbestimmung im Keim.
Wir Missionare haben es mit Menschen zu tun, deren eigener Wille, deren innerste Wünsche verschüttet sind. Was sie ganz gewiß nicht brauchen, ist noch mehr Fremdbestimmung. Was sie brauchen, ist die Frage Jesu, "was soll ich für dich tun?"
Wir müssen hinhören, genau hinhören. Welche Bedürfnisse haben sie? Welche Sorgen treiben sie um? Welche Erwartungen stellen sie an ihr Leben?
Wir müssen auf das Gerede der Leute hören. Wir müssen ihre Sprache sprechen - dem Volke aufs Maul schauen -, und wissen, was sie wollen. Gerade die Leute, auf die niemand sonst hört, haben ein Recht, von uns gehört zu werden. Gerade sie haben ein Recht darauf, daß wir uns dafür interessieren, was sie wollen. Und daß wir jeder Fremdbestimmung entschieden entgegentreten.
"Was soll ich für dich tun?" Diese Frage hat Jesus allen Ernstes gestellt. Obwohl er allwissend war und obwohl die Antwort auf der Hand lag. Obwohl diese Frage 2000 Jahre später einen baptistischen Missionar aus dem Ländle erst einmal verstört hat. Wenn diese Frage für Jesus wichtig war, dann erst recht für uns. Dann müssen wir erst recht fragen, was wir tun sollen.
Niemand darf für die Muslime sprechen. Es darf keine fertigen Konzepte geben, die vorgeben, was für die Muslime gut und richtig ist. Wir dürfen nicht mit fertigen Konzepten auf die Muslime zugehen, sondern müssen den Mut haben, sie zu fragen, was sie wollen, das wir für sie tun. "Mensch, was willst du? Mensch, was soll Gott für dich tun? Mensch, was erwartest du vom Leben?"
Kennen wir die Wünsche, die Hoffnungen, die Ängste, die Sorgen der Menschen? Sehen wir ihr Leben mit ihren Augen, hören wir ihre Gespräche mit ihren Ohren? Sehen wir aus ihrer Not heraus, was ihnen fehlt? Sehen wir aus ihren Bedürfnissen heraus, was ihnen fehlt?
Wir dürfen die Muslime nicht an den Straßenrand der Mission setzen. Wir dürfen sie nicht fremdbestimmen. Wir hören auf sie, wir hören ihnen zu. Wir bringen unsere Mitchristen und unsere Mitmissionare dazu, "Bartimäus" vom "Straßenrand" zu holen und zu Jesus zu bringen. Wir fragen ihn, was er will, das für ihn getan wird. Wir nehmen ihn ernst, so wie Jesus ihn ganz und gar ernst nimmt und seine Erwartungen und Wünsche respektiert.
Wir europäischen Christen dürfen nicht so tun, als kennten wir die Wünsche und Erwartungen und Bedürfnisse der Muslime in Asien, Afrika, Amerika, Europa oder wo sonst. Wir dürfen sie nicht fremdbestimmen, auch nicht in Fragen der Mission. Wenn wir ihnen etwa westliche Lebensart, westliche Politik, schlicht und ergreifend den "Westen" bringen wollen mit all seinen - oft genug zweifelhaften - Errungenschaften, dann werden wir die Muslime nicht erreichen.
Bartimäus braucht nicht das, was wir für richtig halten. Selbst wenn es für ihn wirklich das Beste wäre. Selbst wenn es auf der Hand liegt. Bartimäus braucht es, daß er gefragt wird, was er braucht. Und so wurde er geheilt, lobte Gott und folgte Jesus nach.
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