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Andacht zu
1. Korinther 2,2
- Aus dem Jahr 2004
Wo und wann diese Andacht gehalten wurde, ist leider nicht mehr bekannt (vermutlich in der baptistischen Martin-Luther-King-Kirche in Stuttgart-Zuffenhausen).
Thema: Die christliche Verkündigung muß sich immer wieder auf die Kreuzigung Jesu besinnen.
Predigttext
»Ich hatte mir vorgenommen, unter euch nichts anderes zu kennen als Jesus Christus, und zwar Jesus Christus, den Gekreuzigten«
Theologische Hinführung
Die Wurzel dieses Wortes liegt in
1. Korinther 1,17b
: »Das Evangelium darf ich aber nicht mit Worten tiefsinniger Weisheit verkünden; denn sonst verliert der Tod, den Christus am Kreuz gestorben ist, seinen ganzen Sinn«.
Paulus erklärt: »Obwohl die Weisheit Gottes sich in der ganzen Schöpfung zeigt, haben die Menschen mit ihrer Weisheit Gott nicht erkannt. Darum beschloß er durch die Botschaft, vom Kreuzestod, die der menschlichen Weisheit als Torheit erscheint, alle zu retten, die diese Botschaft annehmen.« Die Weisheit der Menschen ist also ihr Stolperstein, wenn es um ihre Beziehung zu Gott geht. Wo es um Gott geht, da fordern die einen Zeichen, sichtbare Erweise der Macht Gottes, andere aber suchen immer nach einem Sinn, den die Vernunft begreifen kann, nach Weisheit. Paulus rechnete die Juden der ersten Gruppe zu und die Griechen der zweiten. Die zu den Muslimen gesandten Christen erkennen, daß bei den Muslimen beides zusammenkommt: Die Forderung nach Erweisen der Macht Gottes, die sie etwa in jedem einzelnen Vers des Korans zu finden meinen. Jeder Vers heißt darum »Aya«, das bedeutet »Wunder« oder »Zeichen«. Aber auch die Suche nach dem Sinn, den die Vernunft begreifen kann, und in der Lehre Muhammads sehen sie die »Religion der Vernunft«, und sie glauben, daß jeder Mensch, der sich mit dem Islam beschäftigt, mit dem Koan und den Traditionen, durch die Vernunft zur Erkenntnis kommen muß, daß der Islam die wahre Religion sei.
Paulus ging nicht auf die Forderung nach Erweisen der Macht und nach vernunftgemäßer Weisheit ein. Er tat den Juden nicht den Gefallen, seine Botschaft mit Zeichen zu bekräftigen. Er tat den Griechen nicht den Gefallen, eine verstandesgemäße Botschaft zu präsentieren. Warum nicht?
Er hatte erkannt, daß Zeichen und Weisheit Stolpersteine auf dem Weg zur Beziehung mit Gott sind. Die Macht Gottes und die Weisheit Gottes ist ja in der ganzen Schöpfung, im Großen und im Kleinen, im Makrokosmos und im Mikrokosmos, sichtbar. Und doch - die Menschen erkennen nicht. Sie erkennen nichts. Sie bekommen, was sie fordern, sie bekommen Erweise der Macht und Weisheit und Vernunft, und das in einer grenzenlosen, überströmenden Fülle, doch ihre Weisheit erkennt Gott trotz allem nicht.
Weise Menschen, Kenner der heiligen Schriften, gewandte Diskussionsredner - sie alle haben die Wahrheit vor Augen, doch sie sind wie Blinde, und sie sind sogar wie blinde Blindenführer. Sie lehren andere Menschen ihre Weisheit, ihre Schriftenkenntnis, ihre Redegewandtheit - dabei sehen sie selbst nicht einmal, was vor aller Menschen Augen ist.
Paulus hat erkannt: So geht es nicht. Mit Zeichen und Weisheit kommen wir nicht weiter. Die Menschen leben ja in einer Fülle von Zeichen und Weisheit, aber sie erkennen nichts. Statt dessen hat Gott die Weisheit der Weisen zunichte gemacht, die Klugheit der Klugen für nichtig erklärt. Gott hat statt dessen das zur Rettung für alle Menschen bestimmt, was denen, die nach Erweisen der Macht verlangen, als Schwäche, den Frommen gar als Gotteslästerung erscheint, weil es ja so »ungöttlich« ist, und denen, die Weisheit fordern, als Torheit erscheint: Den Tod seines Sohnes am Kreuz. Und Paulus hat erkannt: Nur so geht es. Nur in Schwäche, selbst wenn dies den Frommen als Gotteslästerung erscheinen muß, nur in Torheit können wir die Menschen auf das aufmerksam machen, was sie brauchen. Nur durch den Verweis auf den Kreuztestod Jesu können wir Menschen den Weg zum ewigen Leben weisen. Und so will er, Paulus, bei seiner Verkündigung nichts anderes wissen als Jesus Christus, und zwar Jesus Christus als den Gekreuzigten.
Er könnte ja seinen Hörern Jesus Christus als den Triumphator präsentieren, als den Auferstandenen. Als einen starken, mächtigen Herrn, der seine Macht dadurch beweist, daß er von den Toten auferstanden ist. Er hätte sogar behaupten können, daß Jesus diesem schändlichen Tod am Kreuz entkommen ist, weil ein anderer sein Aussehen erhielt, von den Häschern ergriffen wurde und an seiner Stelle am Kreuz starb, und daß Jesus bald wiederkommen wird, um seine Feinde in heiligem, starken Zorn zu zerschmettern. Dies ist immerhin der Jesus, den Muhammad präsentierte. Kein Tod am Kreuz, sondern Allah war der Listigste von allen, überlistete sie alle, Juden und Römer, und erwies damit seine Macht.
Paulus könnte ja seinen Hörern Jesus Christus als einen weisen Lehrer präsentieren, der alles Verlangen nach Weisheit und Vernunft stillt. Er könnte seine Botschaft in weise, geschliffene Worte packen. All diese unvernünftigen Äußerungen und Forderungen hätte er beiseite lassen können. Er hätte als wortgewaltiger, gewandter Diskussionsredner vor die Menschen treten und ihnen größten Tiefsinn vorsetzen können. Ein bißchen Gnosis etwa.
Aber Paulus sagt: Nichts kannte ich als nur Jesus Christus, und ihn als den Gekreuzigten. Und nichts verkündete er als nur Jesus Christus, und ihn als den Gekreuzigten.
Was muß es ihn gekostet haben, ihn, der er von der Allmacht und Stärke und Kraft Gottes vollends überzeugt war, wußte, daß sein Gott zu jeder Zeit jedes Wunder vollbringen kann. Was muß es ihn gekostet haben, ihn, der er ein brillianter Theologe war, ein gewandter Redner, ein Mann der Weisheit und des Tiefsinns. Was muß es ihn gekostet haben, das alles nicht zum Einsatz zu bringen. Sondern sich und seine Botschaft in Schwäche und Torheit zu präsentieren.
Wen verkündigen wir?
Wir stehen heute in der Gefahr, diesen Satz des Paulus zu vergessen. Verkündigen wir, wie Paulus, Jesus Christus vor allem als den Gekreuzigten?
Wir Evangelikalen lehnen häufig Kruzifixe ab, Kreuze, an denen der sterbende Leib unseres Herrn hängt. Wir sagen ja, das Kreuz ist leer; denn der Herr ist auferstanden! Wir verkündigen Jesus Christus als den Auferstandenen.
Wir Evangelikalen gehen häufig vom Gekreuzigten ganz schnell zur Auferstehung über. Man sieht dies aktuell an der Diskussion um Mel Gibsons Film »Die Passion Christi«. Wir Christen stellen oft fest, daß die Auferstehung zu knapp wegkommt. Wir rufen laut: »Er lebt!«, wir weisen auf die Auferstehung hin.
Und auch Paulus war ja die Auferstehung Christi wichtig. Gerade im ersten Brief an die Korinther behandelt Paulus die Auferstehung ausführlich, im 15. Kapitel. Er ließ die Auferstehung Jesu nicht außen vor, sondern verkündigte sie. Kann es also falsch sein, wenn auch wir Jesus Christus vor allem als den Auferstandenen verkündigen, als den Sieger über Sünde, Tod und Teufel? Als den machtvollen Triumphator? Als den, der das Verlangen der Menschen nach Erweisen der Macht, nach Zeichen erfüllt und befriedigt? Ist es nicht geboten, die Auferstehung des starken Gottes in den Mittelpunkt unserer Verkündigung zu stellen? Gerade, wenn Paulus uns dies vormacht?
Doch Paulus hat nicht vergessen und vor allem nicht verschwiegen, wer der Auferstandene ist: Der Gekreuzigte.
Gerade im Gespräch mit Muslimen, die in der Vorstellung, der Prophet Jesus, 'Isa al-Masih, sei am Kreuz gestorben, eine schwerwiegende Gotteslästerung sehen, ist die Versuchung groß, ganz schnell zur Auferstehung überzugehen. Wir glauben, die Muslime blieben bei dem Kreuz und dem Tod Jesu und damit einfach zu früh stehen, und wir wollen ganz schnell zur Auferstehung übergehen. Weg von diesem Stein des Anstoßes. Weg von diesem Punkt, an dem die Muslime regelmäßig stehenbleiben. Weg von diesem Skandalon. Weg von diesem Bild der Schwäche und der Torheit.
Wir reden also über die Auferstehung - wobei wir meist gar nicht mitbekommen, daß die Muslime dann gar nicht mehr mitreden. Sie wollen über die Kreuzigung Jesu sprechen, auch wenn sie gar nicht verstehen, warum sie das wollen. Sie sagen, es sei ja töricht und gotteslästerlich, wenn man glaubt, der Prophet Jesus sei gekreuzigt worden, sei gestorben. Aber ich glaube, das ist nur vorgeschoben. Sie wollen darüber sprechen. Nicht umsonst ist der Film »Die Passion Christi« in islamischen Ländern ein Erfolg. Nicht umsonst wird dieser Film im saudi-arabischen Jidda als Raubkopie gehandelt, als handele es sich um Gold. Die Muslime mögen sagen: Es ist töricht, es ist gotteslästerlich, aber sie wollen darüber sprechen. Sie wollen nicht gleich zur Auferstehung übergehen - auch wenn sie sich vorgeblich gegen die Kreuzigung, gegen den Tod Jesu sperren, so spüren sie doch, daß hier etwas ist, das wichtiger ist als alle Erweise der Macht und alle Vernunft.
Was also verkündigen wir den Menschen? Legen wir Wert auf größten Tiefsinn und Vernunft und Weisheit? Trachten wir danach, jede Diskussion zu gewinnen? Sind wir in der Lage, alle Mysterien des Glaubens zu erklären, sei es die Natur Jesu Christi, seine Gottessohnschaft, die Trinität Gottes? Sind wir in der Lage, dieses schwache, törichte, gotteslästerliche Kreuz, dabei außen vor zu lassen, weil wir glauben, damit in der Diskussion mit modernen Menschen oder frommen Muslimen nichts zu gewinnen? Sind wir in der Lage, jedesmal, wenn das Gespräch über den Glauben sich dem Kreuz nähert, eine elegante Wende hin zur Auferstehung hinzubekommen? Sind wir sogar in der Lage, dem Kreuz alles Anstößige zu nehmen? Es ganz theoretisch zu behandeln? Ein guter Theologe vermag vom Kreuz zu sprechen, ohne dabei deutlich zu machen, daß dieses Schwachheit und Torheit bedeutet. Er schafft es, die Schwachheit und Torheit zu verdrängen und Christus dort am Kreuz, während seiner Passion, als Sieger und Lehrer der Weisheit erscheinen zu lassen. Wir kommen um die Kreuzigung nicht herum, aber wir versuchen, sie möglichst »gut« aussehen zu lassen. Sie möglichst gut an den Zuhörer zu bringen. Darum ist unser Kreuz leer.
Ein leeres Kreuz - davor gibt es keine Empörung, keinen Spott. Aber auch kein Zusammenbrechen. Die nicht kaschierte Verkündigung von Jesus Christus als dem Gekreuzigten wird Empörung und Spott hervorrufen. Das steht ganz und gar außer Frage. Aber nur sie wird Menschen erkennen lassen, was Jesus Christus für uns getan, für uns am Kreuz erduldet hat. Nur sie wird Menschen vor Gott zusammenbrechen lassen, so daß wir fortan nur noch aus der Gnade Gottes leben wollen, ohne daß wir danach trachten, Gott begreifen zu wollen, Gott in ein System einfügen zu wollen. Nur sie wird die grenzenlose, überströmende Liebe Gottes sichtbar werden lassen, die sich darin zeigt, daß er seinen Sohn für uns hingibt.
Wir alle reden oft von Johannes 3,16 - aber dieser Vers bleibt blutleer und hohl, wenn wir den Schwerpunkt allein auf die Liebe Gottes setzen und nicht ebenso auf Jesus Christus, und ihn als den Gekreuzigten. Alle unsere Verkündigung bleibt blutleer und wird niemanden reizen, weder zu Spott und Empörung noch nur Hingabe des Lebens an Gott, wenn nicht Jesus Christus im Mittelpunkt steht, und er als der Gekreuzigte.
Alle unsere Verkündigung, egal über welches Thema, steht und fällt mit der Nähe zum Kreuz. Unsere Verkündigung muß zu Jesus Christus als dem Gekreuzigten hinführen, oder sie führt nirgendwo hin.
Die Menschen suchen nach Frieden, nach Gerechtigkeit, nach Liebe, nach Freiheit, nach Gemeinschaft - und sie werden bei Jesus Christus, dem Gekreuzigten, fündig, wenn wir ihnen zeigen, daß es einen direkten Weg vom Kreuz zum Frieden, zur Gerechtigkeit, zur Liebe, zur Freiheit, zur Gemeinschaft gibt. Aber wir müssen ihnen diesen Weg zeigen. Und wir dürfen nicht der Versuchung erliegen, ihnen ein Evangelium zu verkünden, das die Kreuzigung blutleer oder gar außer Acht läßt.
Der Mensch, der vor Jesus Christus, dem Gekreuzigten, zusammengebrochen ist und nun allein aus der Gnade leben will, der wird von dort den Weg zur Auferstehung finden. Zu der Weisheit und Stärke, die im Glauben an Jesus Christus liegt. Aber der Weg zur Weisheit und Stärke Jesu führt über das Kreuz. Nur über das Kreuz kommen wir zur Kraft und Weisheit, die bei Gott zählt.
Jesus Christus zu kennen, und ihn als den Gekreuzigten, ist die Lokomotive des Glaubens. Weisheit und Kraft sind die von Gott geschenkten Waggons. Wir können das nicht umdrehen. Erweise der Macht und Weisheit können den Zug nicht ziehen, nicht einen Meter. Sie können keinen Menschen zu Gott bringen. Erweise der Macht und Weisheit bringen keinen Menschen dazu, sein Leben Gott anzuvertrauen.
Die Verkündigung Jesu Christi als den Gekreuzigten wird nicht ohne Folgen bleiben. Spott und Empörung bei den einen, die unsere Verkündigung eine Torheit und ein Ärgernis halten, doch Glauben bei den anderen, die während der Verkündigung gerade darin Gottes Kraft und Gottes Weisheit erkennen. Denn nur in der Verkündigung von Jesus Christus als dem Gekreuzigten liegt die Kraft Gottes und seine Weisheit, auf die wir vertrauen dürfen.
Paulus schrieb, »ich hatte mir vorgenommen, unter euch nichts anderes zu kennen als Jesus Christus, und zwar Jesus Christus, den Gekreuzigten«. Auch Paulus war klar, wie uns allen, daß diese Botschaft dem Menschen ganz und gar fremd ist, ihm gewissermaßen ins Gesicht schlägt, weil sie unser natürliches Selbstbewußtsein aus den Angeln hebt. Sie enttäuscht unsere großen und wichtigen Erwartungen an den Verkündiger, er möge doch bitte schön unser berechtigtes Verlangen nach Zeichen und Weisheit durch Erweise der Macht und tiefsinnige Weisheit befriedigen. Darum gehörte für Paulus ein fester Entschluß dazu, sich dennoch auf diese Botschaft einzulassen, darum nahm er es sich vor, nichts anderes zu kennen als allein das Wort vom Kreuz, und dieses Wort durchzieht seine gesamte Verkündigung. Nirgendwo im Neuen Testament ist dieses Wort so lebendig wie bei Paulus.
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