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Gut und Böse PDF Drucken E-Mail
Christlicher Glaube - Andachten und Predigten
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Dienstag, den 05. Juni 2007 um 11:40 Uhr

Predigt zur Frage, "wie kann ich erkennen, was gut und was böse ist, was mir nützt und was mir schadet, was ich positiv bewerten muß und was negativ?"

Gehalten am 3. Juni 2007 (Trinitatis) in einem Abendmahlsgottesdienst in der Martin-Luther-King-Kirche (Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde - Baptisten - Stuttgart-Zuffenhausen)

Liebe Gemeinde,

seitdem es Menschen gibt, sehnen sie sich nach Antworten auf die Fragen, „was ist gut, was ist böse“, „wie kann ich wissen, was richtig und was falsch ist", "woher weiß ich, was mir nützt und was mir schadet", "wie kann ich bewerten, was positiv und was negativ ist?“.

Der Autor des ersten Buches Mose erkannte, daß diese Fragen zu den zentralen Fragen des Lebens gehören, und darum läßt er Satan in Gestalt einer Schlange den Menschen das Versprechen geben: Wenn sie von der Frucht vom Baum der Erkenntnis essen, dann werden ihre Augen geöffnet werden, dann werden sie sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.

Solange die Menschen nicht wissen, was gut und böse ist – die Juden lesen hier: was nützlich und was schädlich ist, und sie bezogen das in erster Linie auf die Bewältigung des alltäglichen Lebens –, solange sind sie ganz darauf angewiesen, ihr Leben in stetiger Verbindung zu Gott, ihrem Schöpfer und Bewahrer zu führen, sich von ihm die Schritte lenken und sich durch sein Wort, seine Weisung davor bewahren zu lassen, ihre Grenzen zu überschreiten und sich selbst und ihre Umwelt zu zerstören.

Zu wissen, was gut und böse ist, verspricht den Menschen, ihr Leben in eigener Regie führen zu können, sich selbst alles zuzutrauen, was nötig ist, um das Alltagsleben zu bewältigen. Nicht mehr Tag für Tag Vertrauen in den Schöpfer aufbringen müssen. Statt dessen verspricht die Erkenntnis von Gut und Böse, daß man langfristig planen und Vorsorge treffen kann, nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Kinder, daß man seine Grenzen sichern und sogar erweitern kann.

Gott sagt dazu: Das zu wissen, bringt euch den Tod. Wenn ihr von diesem Baum eßt, dann müßt ihr sterben, weil ihr alle vernünftigen Grenzen überschreitet und eure Umwelt zerstört. Wie ein roter Faden zieht es sich durch die Bibel, daß Gott selbst für uns sorgen will, daß er uns bewahren will. Er will uns bewahren, unsere Grenzen zu überschreiten, er will uns bewahren, uns selbst und unsere Umwelt zu zerstören.

Doch es ist geradezu die Ursünde der Menschen, nicht aus dieser Fürsorge, Bewahrung und Führung leben zu wollen. Wir vertrauen Gott nicht, daß er es gut mit uns meint, daß er uns tatsächlich führt und bewahrt und für uns sorgt. Wir fürchten: Vielleicht kann er es nicht, wir argwöhnen: Vielleicht will er es nicht – und es geht hier doch um mein Leben, also nehme ich die Planung meines Alltags und meine Zukunftssicherung selbst in die Hand, sehe selbst zu, wie ich meine Grenzen bestmöglich erweitern kann, übernehme ich die Verantwortung für mich und meine Umwelt selbst. Dazu aber muß ich wissen, was gut und böse ist, was nützlich und was schädlich ist. Ich trachte danach, alle Dinge, mit denen ich es zu tun bekomme, in positiv und negativ einzuteilen, komme damit einer Art „Allwissenheit“ so nahe wie nur irgend möglich, der Kontrolle über alle Dinge, betreffen sie nun ethische Fragen, das Alltagsleben oder was sonst.

Für die Weltanschauungen und Religionen ist es geradezu typisch, daß sie umfassend Antworten auf die Fragen nach „gut und böse“ anbieten.

Die erste Kategorie von Antworten, die Religionen für gewöhnlich geben, umfassen das sittlich Gute und das Verwerfliche. Uns sind hier vor allem drei Religionen bekannt: Das Judentum, das Christentum und der Islam. Typisch sind hier eher restriktive Moralgesetze, die vor allem drei Bereiche betreffen: Den Umgang mit Geld, das Verhältnis zur Sexualität und die Beziehung zur Macht.

Die zweite Kategorie von Antworten, die man von einer Religion in der Regel erhält, drehen sich um die Ausgestaltung des Alltags: Was nützt, was schadet? Wie gehen wir mit unseren Grenzen um, mit unserer Umwelt? Hier unterscheidet die religiöse Gesetzgebung etwa zwischen „rein und unrein“.

Zuletzt die dritte Kategorie von Antworten, die eine Religion üblicherweise zu bieten hat: Antworten auf die Frage, was die Zukunft bereithält, was bringt sie Gutes, was Schlechtes, wie kann ich es durch mein Verhalten – etwa durch Opfer oder gute Taten – beeinflussen, daß es mir in Zukunft gut ergeht? Hier sind Propheten gefragt, die das Leben des Gläubigen in Beziehung zu einem göttlichen Plan setzen. Auch ein Geheimwissen kann angeboten werden, das dem Eingeweihten besondere Macht verspricht. Schamanen oder Priester können am Positiven partizipieren, als Heiler etwa oder Wundertäter.

Gottes erste Antwort auf den Sündenfall besteht nicht darin, daß er ihnen ein Gesetz in die Hände gibt, das sie nun zu befolgen hätten, um zu wissen, was gut und böse ist. Das, so vermute ich, hätte der Satan gerne gesehen. Statt dessen beweist Gott seine Güte und Barmherzigkeit: Gott tötet für die Menschen ein Tier, macht ihnen daraus Kleider und zieht sie ihnen an. Gott sorgt für seine Menschen, er bewahrt sie, er nimmt sie unter seine Obhut, umgibt sie mit seinem Schutz. Barmherzigkeit ist besser als Gesetz, Liebe ist besser als Sittlichkeit, Fürsorge ist besser als jedes Wissen um die Zukunft.

Für das mosaische Gesetz, das Gott seinem Volk Israel gibt, gilt vor allem, was Gott durch die Propheten sagt: Barmherzigkeit ist besser als Opfer. Die heute oft unverständlichen Vorschriften wollen die Hartherzigkeit der Menschen abfangen – so sagt Jesus zur Scheidung, daß sie wegen der Hartherzigkeit der Menschen erlaubt wurde; denn es ist besser, ein Mann läßt sich scheiden, als daß er ihren Schädel an einem Stein zertrümmert. Die mosaischen Gesetze und die Worte der Propheten ordnen das Leben der Menschen so, daß Hartherzigkeit einerseits und Barmherzigkeit, Liebe und Fürsorge andererseits sich die Waage halten, so daß das Leben gelingen kann.

Liebe Gemeinde,

heute ist es so, daß gerade die Religionen und Gemeinden großen Zulauf haben, die den Menschen griffige Antworten auf die vielfältigen Fragen nach „gut und böse“ anbieten können. Besonders großen Zulauf haben heute zum einen Religionsgemeinschaften und Weltanschauungen mit permissiven, libertinären Antworten, die also mit Erlaubnissen und Toleranz und Dialog nicht geizen. Sünde ist hier ein selten gehörtes Wort, Gericht aus dem Wortschatz der Prediger weitgehend gestrichen. Mehr Zulauf aber – dem Zeitgeist zum Trotz – haben die Religionsgemeinschaften mit restriktiven, konservativen Antworten auf die Fragen nach Nützlichkeit und Schädlichkeit, Sittlichkeit und Verwerflichkeit und nach dem, wie die Vergangenheit und Gegenwart erklärt und was die Zukunft Gläubigen und Ungläubigen je und je zu bringen hat.

So haben etwa fundamentalistische christliche Gemeinden und der Islam etwa gleich viel Zulauf von Menschen, die nach Orientierung suchen. Sowohl evangelikal-konservative Christen als auch strenggläubige Muslime haben einfach zu verstehende Antworten auf all die Fragen des Lebens im Gepäck:

  1. Was nützt mir, was schadet mir? Wie kann ich meinen Alltag so gestalten, daß mein Leben gelingt? Wie kann ich meine persönlichen Grenzen nicht nur sichern, sondern möglichst auch erweitern? Was kann den Alltag der Menschen um mich herum, auch meiner Glaubensgeschwister in Nah oder Fern verbessern? Wie kann ich die Umwelt kontrollieren?

  2. Was ist sittlich gut, was ist verwerflich? Wie kann ich den Herausforderungen begegnen, die Geld, Sexualität und Macht an mich stellen? Wie kann ich mein Geld am besten einsetzen, wie kann ich eine erfüllte Sexualität erleben, wie gehe ich mit der Macht um, die andere über mich ausüben, sei es in Gemeinde oder Gesellschaft, wie gehe ich mit Macht um, die mir anvertraut ist? Wie gehe ich mit denen um, die unrechtmäßige Herrscher sind, Tyrannen, wie helfe ich denen, die machtlos und entrechtet sind?

  3. Wie kann ich mir die Vergangenheit erklären, wie die Gegenwart? Was wird mir die Zukunft bringen? Welchen Mächten und Gewalten bin ich ausgesetzt, wie kann ich sie so beeinflussen, daß sie mir nicht nur nicht schaden, sondern am besten nützen? Werde ich für meine Frömmigkeit und für meine guten Taten belohnt werden, werden meine Feinde bestraft werden?

Dies sind Fragen, die die Menschen bewegen. Diese Fragen zu kennen und darauf leicht verständliche Antworten geben zu können – die sich am besten auch noch in einem Rahmen bewegen, den ein Mensch für gewöhnlich zwar nicht ohne Anstrengung, aber doch mit einer gewissen Hoffnung bewältigen kann –, das macht oft die Anziehungskraft einer Religionsgemeinschaft auf suchende Menschen aus.

Wir leben in einer Zeit, in der sich viele unserer Mitbürger gar nicht so sehr nach Permissivität sehnen, sondern durchaus bereit sind, sich restriktiven Ordnungen zu unterwerfen, wenn sie dafür Antworten bekommen, die nachvollziehbar sind. Permissive, libertinäre Antworten haben sich schon zu oft als nicht tragfähig erwiesen. Viele unserer Mitbürger trauen ihnen nicht mehr. Was Permissivität gebracht hat, ist ernüchternd. Zudem erweist sich der Umgang mit Freiheit als komplex; denn Freiheiten neigen dazu, miteinander zu konkurrieren – und letztlich setzt sich der Stärkste durch. Eine permissive Gesellschaft bringt letztlich vor allem dem Vorteile, der die stärksten Ellenbogen, die besten Beziehungen, aber auch die größte Dreistigkeit besitzt. Wer in einer permissiven Gesellschaft scheitert, sucht sein Heil in einer restriktiven Welt des Glaubens und Lebens. Der setzt auf strenge Gesetze, auf eine konservative Moral, auf Schwarz-Weiß-Denken, auf Fundamentalismus.

Liebe Gemeinde,

wie sollen wir damit umgehen? Ist es gut, sich aus solchen Fragen herauszuhalten, mit Antworten zurückhaltend zu sein? Ist es gut, sich nur auf Fragen der richtigen Frömmigkeit zu konzentrieren, uns in einen theologischen Elfenbeinturm zurückzuziehen, Kirche für Menschen zu sein, die keine Fragen haben oder Antworten fürchten? Geht es nicht ohnehin vor allem darum, Menschen für Jesus zu erreichen – und alles andere, Moral etwa und Lebensführung, ist Sache des Einzelnen, solange er nicht über die Stränge schlägt?

Oder ist es besser, permissiv zu sein? Ist es besser, alles zu erlauben, solange es Dritten nicht schadet und anderer Leute Freiheiten nicht beeinträchtigt? Hat uns nicht der Herr Jesus Vollmacht über alle Dinge gegeben? Ist uns nicht alles erlaubt? Wo das Gesetz aufgehoben ist, haben wir da nicht Handlungsfreiheit in allen Dingen, freie Verfügungsgewalt über alles, weil nach der Erhöhung Christ nichts mehr unter der Herrschaft irgend welcher Mächte steht? Sind wir nicht in jedweder Beziehung zur Freiheit berufen?

Oder ist es andererseits besser, restriktiv zu sein, konservativ? Haben wir nicht gesehen, was Permissivität anrichtet? Gehen nicht all die großen Katastrophen des 20. und 21. Jahrhunderts darauf zurück, daß die Menschen sich nichts mehr sagen lassen, daß sie sich keinem höheren Gesetz mehr verpflichtet wissen? Haben nicht Libertinität und Permissivität zum Niedergang des abendländischen Christentums geführt?

Liebe Gemeinde,

sicherlich ist es die vorrangige Aufgabe der Kirche Jesu Christi, daß wir die Verlorenen finden, daß wir von dem, was der Herr Jesus für die Menschen getan hat, Zeugnis ablegen, daß wir zum Glauben an Gott einladen. Sicherlich müssen wir die Vollmacht zur Freiheit betonen, die wir als Glaubende haben. Sicherlich hat Permissivität dazu geführt, daß in unserer Gesellschaft und auch in den christlichen Kirchen viele Dinge aus dem Ruder gelaufen sind.

Die Verlorenen haben nicht nur ein Anrecht darauf, daß sie gefunden werden. Sie haben ein Anrecht darauf, daß ihre Fragen beantwortet werden – ausdrücklich auch die vielen Fragen nach gut und böse. Die Freien haben ein Anrecht darauf, daß wir sie nachdrücklich darauf hinweisen, daß das Werk Gottes noch nicht zum Abschluß gekommen ist, weder am einzelnen Christen noch an den Strukturen dieser Welt, daß wir immer noch an das Fleisch des alten Adam gebunden und dem schwachen Gewissen der Schwester und des Bruders verpflichtet sind. Die Strengen haben ein Anrecht darauf, in der Predigt zu hören, daß Vollmacht, griechisch exousia, vor allem Freiheit bedeutet; denn wir sind Gottes Kinder und nicht seine Knechte.

Liebe Gemeinde,

es ist meine Überzeugung, daß es im Umgang mit der Frage nach gut und böse, danach, was nützlich und was schädlich ist, nach Recht und Unrecht keine leichten, einfachen Antworten gibt, die für uns alle gelten, ungeachtet von Zeit und Ort und Situation, ohne Berücksichtigung unserer Herkunft und all der anderen Dinge, die uns zu dem machen, was wir sind.

Viele Prediger verkünden lauthals, sie hätten die Antworten parat. Sie präsentieren den Fragenden Antworten, die logisch und verständlich klingen, deren Forderungen an unseren Lebenswandel mit mehr oder weniger Mühe bewältigt werden können. Sie bauen ihre Religionsgemeinschaften und Kirchen und Gemeinden um diese Antworten auf die Fragen nach gut und böse herum, stellen Moralgesetze und Katechismen und Leitlinien für das Leben und Führer durch die Zeiten auf den Altar.

Solche Prediger verzeichnen Zulauf, und für uns Christen ist die Versuchung groß, es ihnen gleichzutun. Die Leute fragen nach gut und böse, also geben wir ihnen Antworten! Wer am lautesten ruft, bekommt den meisten Zulauf. Paulus hat für seine Antwort wohl keinen großen Zulauf bekommen. In seinem Brief an die christliche Gemeinde in Rom schrieb er: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene“ ( Römer 12,2 ).

Hier haben wir ihn wieder, diesen Dreisatz auf die Frage nach gut und böse.

Das Gute, griechisch agathos, meint tüchtig, brauchbar, nämlich für den Alltag. Was ist nützlich? Womit können wir Schaden abwenden? Wir sollen wesenhaft gut sein, nicht ausschließlich, aber auch zum Vorteil anderer.

Das Wohlgefällige, griechisch euarestos, meint das sittlich Gute, das dem Willen Gottes entspricht – Barmherzigkeit, Liebe, Fürsorge.

Das Vollkommene, griechisch teleios, meint schließlich das Vollkommene, das sein von Gott gesetztes Ziel erreicht hat, daß wir nämlich in Gott geborgen sind, in ihm unsere Ruhe finden. An unserer Verbindung mit Gott fehlt nichts mehr, und wir wissen unsere Zeit, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, in Gottes Hand.

Was bei Paulus auf diese Forderung folgt, ist eine Darstellung der Gnadengaben im Dienst der Gemeinde.

Erstens, die Antworten auf die Fragen nach gut und böse mit all ihren buntschillernden Fazetten zu bekommen, ist eine Gnadengabe Gottes. Das ist ein Werk des Heiligen Geistes, durch die Gaben des Heiligen Geistes.

Zweitens, die Antworten auf diese Fragen gibt es nur in der Gemeinde, nicht für Einzelkämpfer.

Liebe Gemeinde,

ich bin überzeugt, daß gerade diejenigen, die laut posaunen, daß sie Antworten auf die Frage nach gut und böse haben, tatsächlich nichts wissen, schon gar nicht, was gut, wohlgefällig und vollkommen ist.

Menschen, die das wissen, sind in der Regel stille Gläubige, die nicht mit den Antworten hausieren gehen. Gott kennt sie, und wem der Heilige Geist einen Wink gibt, diese Gläubigen aufzusuchen.

Diese Menschen wissen auch, daß es, wenn überhaupt, nur sehr wenige Antworten auf die Fragen nach gut und böse gibt, die für alle Menschen zu allen Zeiten an allen Orten und in allen Situationen gelten, während die meisten Antworten auf eine bestimmte Person zugeschnitten sind, für eine bestimmte Situation gelten, an einen bestimmten Ort und an eine bestimmte Zeit gebunden sind.

Der christliche Glauben – genauer gesagt: der Heilige Geist – widersetzt sich dem Bestreben der Menschen, allgemeingültige Antworten auf all die vielen Fragen nach gut und böse zu finden und diese in Form von Gesetzen festzuschreiben. Ebenso widersetzt er sich dem Bestreben, die Frage nach gut und böse, nach sittlich gut und verwerflich, wegen dem Vorrang der Rettung von Menschen in ein privates Kämmerlein abzuschieben.

Der Heilige Geist drängt danach, daß in der Gemeinde durch die Gnadengaben nach diesen Antworten gesucht wird, so daß jeder einzelne von uns weiß, was gut, wohlgefällig und vollkommen ist. Und wenn dies auch vorrangig durch Gnadengaben geschieht, so soll dabei der Verstand nicht an der Kirchentür abgegeben werden, sondern wir alle gebrauchen dabei unseren Verstand. Und wenn dies auch allein in der Gemeinde geschehen kann, so soll dabei nicht ein gleichförmiger Gemeindemensch entstehen, sondern in der Gemeinde nehmen wir die Verschiedenheit der Menschen ernst, scheren wir nicht alle über einen Kamm.

Dabei gilt: Diejenigen, die Angst vor den Fragen nach Gut und Böse haben, ermuntern wir, sich diesen Fragen zu stellen. Diejenigen, die zu permissiv sind, erinnern wir daran, daß wir noch an das Fleisch des alten Adam gebunden und dem schwachen Gewissen der Schwester und des Bruders verpflichtet sind. Diejenigen, die zu restriktiv, zu permissiv sind, erinnern wir daran, daß wir nicht Knechte, sondern Kinder Gottes sind, zur Freiheit berufen.

Liebe Gemeinde,

zu einer missionarischen Gemeinde gehört es, daß sie sich mit den Fragen nach gut und böse auseinandersetzt und bereit ist, nach Antworten zu suchen. Ich bin überzeugt davon, daß eine Gemeinde, die damit verantwortungsvoll umzugehen weiß, wie eine Stadt auf dem Berg ist, hell erleuchtet. Auch wenn sie die Antworten nicht laut herausposaunt – es spricht sich bei den Menschen doch herum; denn die vielfältigen Fragen nach gut und böse beschäftigen die Menschheit seit jeher, dies sind die zentralen Fragen des Lebens. Der Teufel versucht gerade an diesem Punkt, die Menschen zu verführen; denn er weiß, wie sehr wir auf die Früchte vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen schielen, wie gut davon zu essen wäre, daß er eine Lust für die Augen ist und verlockend, weil er klug macht. Und er weiß – und will nicht, daß wir es ebenfalls wissen –, daß diese Frucht tödlich ist, egal ob es nun die süße Frucht der Permissivität ist oder die bittere der Restriktivität.

Demgegenüber steht der Baum des Lebens, das Kreuz. Paulus bezeichnet das Kreuz gegenüber der Christengemeinde in Korinth als eine „Gotteskraft“, und der Apostel hilt es für richtig, unter den Korinthern – und wohl auch überall sonst – nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten. Bei den Korinthern – mit all ihren Fragen – war Paulus in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern, und sein Wort und seine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit der Glaube der Korinther nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft ( 1. Korinther 1,14 ; 1. Korinther 2,2-5 ).

Wo wir nach den Antworten auf die vielfältigen Fragen nach gut und böse suchen, da muß es zuerst und zuletzt um Jesus Christus, den Gekreuzigten, gehen. Denn in all diesen Fragen ist Jesus der, der mit uns mittendrin war und ist. Er kennt die Fragen – und er hat die Antworten. Doch ohne Kreuz sind sie nicht zu haben: Wir müssen das Kreuz auf uns nehmen. Wir müssen von ihm lernen, wir müssen sein Joch auf uns nehmen. So wie Paulus' Verkündigung in Schwachheit, Furcht und mit großem Zittern geschah, müssen auch wir lernen, ganz von Gott abhängig zu sein. Es geht nicht um menschliche Überredungskraft, sondern um die Kraft des Heiligen Geistes.

Amen.

Literatur

Stuttgarter Erklärungsbibel, Stuttgart 2005 (Kommentare zu 1. Mose 2,17 u.a.)

Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament, o.O. 2005 (Erklärungen zu „gut/böse“, „Kraft/Macht“ - hier „exousia, Vollmacht“ - u.a.)

Elberfelder Studienbibel mit Sprachschlüssel Neues Testament, Wuppertal 1994 (zu Römer 12,2 u.a.)

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 01. März 2010 um 19:32 Uhr
 
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