Predigt über
Kolosser 1,28
mit Schwerpunkt „vor Gott stehen in der Vollkommenheit“
Gehalten am 22.01.2006 in der Martin-Luther-King-Kirche (Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde – Baptisten) in Stuttgart-Zuffenhausen.
Anlaß: Kolosser 1,28 ist die Jahreslosung der Martin-Luther-King-Kirche in 2006. Die Gemeindeleitung bat mich um eine Predigt zu diesem Vers.
Predigttext
Diesen Christus verkünden wir.
Und wir hören nicht auf, jeden einzelnen in der Gemeinde zu ermahnen und jedem einzelnen in der Gemeinde den Weg zu zeigen, den uns Christus gewiesen hat.
Das tun wir mit der ganzen Weisheit, die uns gegeben ist.
Denn wir möchten jeden und jede in der Gemeinde dahin bringen, daß sie vor Gott dastehen in der Vollkommenheit, die aus der Verbindung mit Christus erwächst.
(Gute Nachricht Bibel)
Predigt
Liebe Gemeinde,
unsere Jahreslosung für 2006 steht im Brief des Paulus an die Kolossäer, und er gehört zu einem Abschnitt, in dem Paulus seinen Dienst als Apostel beschreibt. Er gehört also in eine apostolische Stellenbeschreibung. Diese Stellenbeschreibung beginnt im 24. Vers des ersten Kapitels mit den Worten, „ich freue mich, daß ich jetzt für euch leiden darf“. Das deckt sich mit dem, was der Herr Jesus bei der Berufung des Paulus – des früheren Christenverfolgers – zu Ananias gesagt hat: „Ich will ihm zeigen, wieviel nun er für das Bekenntnis zu meinem Namen leiden muß“ (
Apg 9,16
).
Paulus hat diesen Brief wohl um das Jahr 60 geschrieben, vermutlich in Rom, wo er in Gefangenschaft war. Kolossä war eine große, reiche Stadt, eine der berühmtesten Städte Kleinasiens – die allerdings etwa zur gleichen Zeit, da dieser Brief geschrieben wurde, von einem Erdbeben schwer getroffen wurde, eine Katastrophe, von der sich diese Stadt nie wieder erholt hat.
Paulus hat Kolossä, soweit wir wissen, nie besucht. Die Gründung der Gemeinde geht auf einen engen Mitarbeiter des Paulus mit Namen Epaphras zurück. Wenn auch Paulus diese Gemeinde nie besucht hat, so lag sie ihm doch am Herzen, und so schrieb er diesen Brief an die Gemeinde in Kolossä, weil er während eines Besuchs von Epaphras von Irrlehren gehört hatte, die in der Gemeinde einzogen und sie bedrohten. Versucht man, den Inhalt und die Herkunft dieser Irrlehren aus dem Kolosserbrief zu entschlüsseln, so stößt man sowohl auf judenchristliche, das jüdische Gesetz in den Mittelpunkt stellende Einflüsse als auch auf Einflüsse einer frühen Form der Gnosis, die eine höhere Erkenntnis in den Mittelpunkt stellte.
Beide Strömungen versprachen Vollkommenheit: Die einen sagten den Christen in Kolossä, daß sie vollkommen seien, wenn sie das Gesetz des Mose hielten, mitsamt der Beschneidung, dem Halten des Sabbat, dem feierliche Begehen jüdischer Feste und der Beachtung von gewissen Reinheitsvorschriften, und die anderen sagten ihnen, sie seien vollkommen, wenn sie nach Erkenntnis, Weisheit strebten, gewisse asketische Vorschriften beachteten, danach trachteten, Gesichte und Visionen zu schauen und innere Stimmen zu hören. Beiden Strömungen ging es letztlich um Selbsterlösung. Die Lehre des Paulus und seiner Mitarbeiter müsse ergänzt werden, ja, der Erlösungstod Jesu am Kreuz müsse ergänzt werden. Was Jesus am Kreuz getan hat und was Paulus darüber und über das christliche Leben gelehrt hat, sei nicht vollkommen.
Paulus geht es nun in seinem Brief – vor allem in seiner ersten Hälfte – darum, die Gemeinde in Kolossä vor diesen gefährlichen Irrlehren zu warnen und ihnen die wahre Lehre zu vermitteln.
Von besonderer Bedeutung in diesem Brief ist die Christologie des Paulus, seine Lehre von Christus, dem Herrn. Paulus zeigt in seinem Brief auf,
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daß Christus das Ebenbild Gottes ist (1,15),
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daß er der Schöpfer aller Wesen ist und
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daß in ihm alles sein letztes Ziel findet (V. 16),
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daß alles durch ihn besteht (V. 17),
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daß er eine absolute Vorrangstellung einnimmt (V. 18),
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daß er die Fülle der Gottheit ist (V. 19) und
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daß alles durch ihn Versöhnung erlangt (V. 20).
Die Verkündigung dieser Lehre von Christus, also das Evangelium, führt bei denen, die es hören und danach handeln, zu einer umfassenden Lebenswende (Vv. 21-23), zu einem herrlichen Reichtum und einer sicheren Hoffnung, daß Gott Anteil gibt an seiner Herrlichkeit (V. 27) und dazu, daß sie vor Gott vollkommen sind.
Nach dieser eindrücklichen Christologie, in der Paulus darlegt, was wir Christen an dem Herrn Jesus haben, gibt Paulus dann seine apostolische Stellenbeschreibung, zu der auch unsere Jahreslosung gehört. Diese Stellenbeschreibung unterbricht den Redefluß des Apostels – er hat seinen Brief ja einem Schreiber diktiert –; und deutlich spürt man, wie wichtig es dem Paulus ist, nach seiner eloquenten Christologie an das Vorrecht erinnert zu werden und seine Leser an das Vorrecht zu erinnern, daß er, Paulus, ein Diener dieses Christus ist. Und diese Erinnerung setzt mit den Worten ein, „ich freue mich, daß ich jetzt für euch leiden darf. An den Leiden von Christus würde noch etwas fehlen, wenn ich sie nicht durch das, was ich selbst körperlich leide, ergänzen würde – seinem Leib zugute, der Gemeinde“ (V. 24).
Und wir, als Leser, gerade als evangelische Christen, halten bei dieser Bibelstelle den Atem an. Etwas fehlen an den Leiden von Christus? Sie müssen ergänzt werden? Ist es nicht eine Grundüberzeugung evangelischen Glaubens, daß der Tod Jesu am Kreuz vollkommen ist? Daß er keine Ergänzung braucht?
Es ist jetzt wichtig, den Zusammenhang nicht aus den Augen zu verlieren. Die Christen in Kolossä waren in Kontakt gekommen mit Lehren, die sagten: Christus allein – das ist nicht genug.
Christus am Kreuz – und der Sabbat, die Beschneidung, die Neumonde, die Reinheitsvorschriften. So lehrten es einige Judenchristen, die am Gesetz des Mose festhielten.
Christus am Kreuz – und das Streben nach Erkenntnis, eine asketische Lebensweise, Gesichte und Visionen, innere Stimmen. So lehrten es christliche Gnostiker.
Und Paulus nun: Christus am Kreuz – und ich, der ich für seinen Leib leide, der Gemeinde zugute.
Gibt es einen Unterschied zwischen den Irrlehren der gesetzlichen Judenchristen sowie der Gnostiker auf der einen und der Lehre des Paulus auf der anderen Seite? Bringt Paulus nicht nur einfach einen dritten Weg ins Gespräch, der ebenso vom „Christus allein“ wegführt?
Was die Gnostiker den Christen in Kolossä predigten, war Schwärmertum. Neben dem Kreuzestod des Erlösergottes sollten die Gläubigen nach Gesichten und Visionen streben, dabei asketisch leben, um so in Kontakt mit Engeln und Geistmächten zu treten.
Was die gesetzesfrommen Judenchristen den Gläubigen in Kolossä predigten, war Perfektionismus. Neben dem Kreuzestod des Erlösergottes sollten die Gläubigen nach sittlicher Perfektion streben, ein moralisches Reformangebot für eine Welt, die ethisch bankrott war.
Beides ist bis heute ein Feind des Christentums geblieben. Schwärmerei und Perfektionismus setzen der Kirche bis heute in erheblichem Maße zu. Darum ist der Kolosserbrief auch heute aktuell.
Paulus setzte nun der Schwärmerei und dem Perfektionismus das entgegen, was bis beute das einzig wirksame Gegenmittel ist: Sich an dem Herrn Jesus orientieren, seinem Willen für unser Leben folgen.
Paulus greift das heraus, was für seinen Weg in der Nachfolge Jesu prägend geworden ist, seitdem der Herr Jesus zu dem Jünger Ananias gesagt hat: „Ich will ihm zeigen, wieviel nun er für das Bekenntnis zu meinem Namen leiden muß“.
Die gesetzestreuen Judenchristen zeigen ihr Streben nach sittlicher Vollkommenheit, die Gnostiker nach geistiger Vollkommenheit – und Paulus setzt dem etwas entgegen, was so völlig anders ist, und zeigt es den Kolossäern: Ich kann euch nicht zeigen, wie ich die Reinheitsvorschriften halte, wie ich auf die jüdischen Festzeiten achte, wie ich den Sabbat halte, ich kann euch auch nicht zeigen, daß ich Gesichter und Visionen habe und innere Stimmen höre, und ich lebe auch nicht asketisch. Aber ich zeige euch, wie ich dem Herrn Jesus nachfolge: Weil er am Kreuz für mich gestorben ist, werde ich mein Kreuz auf mich nehmen und werde ich die Leiden tragen, die der Herr Jesus mir zugedacht hat und werde ich den Weg gehen, auf dem der Herr Jesus mich führt. Und dabei werde ich mich an den Herrn Jesus hängen, werde ich ganz von ihm abhängig sein.
Damit stellt Paulus nicht etwas neben das Kreuz Jesu, sondern vielmehr erhöht er damit das Kreuz Jesu. Er macht es zur einzigen Größe, die für ihn zählt. Die Botschaft vom Kreuz ist vollkommen, darum ist er es zufrieden, wenn er leiden darf, wie auch der Herr Jesus am Kreuz gelitten hat.
Paulus ist freilich kein Masochist. Wenn er hier gerade vom Leiden spricht, so tut er das, um seine Botschaft noch eindringlicher zu machen. Leiden ist auch für den Apostel kein Selbstzweck, sondern gewissermaßen der Ausweis für seine Jesus-Nachfolge, das Siegel dafür, daß der Gläubige keinen anderen Glauben braucht als den an den Gekreuzigten, daß ein solcher Glaube vollkommen ist.
Paulus hätte sicherlich gerne auf die Leiden verzichtet. Aber für ihn wäre es noch schlimmer, auf gnostische Schwärmereien oder gesetzestreuen Perfektionismus zu vertrauen. Damit zeigt er, wie wenig er von beidem hält. Besser, für die Gemeinde zu leiden als auf Gesichte und Visionen und innere Stimmen zu bauen oder nach sittlicher Perfektion zu streben. Leiden ist allemal näher an dem Herrn Jesus und an seinem Weg dran.
Liebe Gemeinde,
kommen wir nun zu unserer Jahreslosung:
Diesen Christus verkünden wir.
Und wir hören nicht auf, jeden einzelnen in der Gemeinde zu ermahnen und jedem einzelnen in der Gemeinde den Weg zu zeigen, den uns Christus gewiesen hat.
Das tun wir mit der ganzen Weisheit, die uns gegeben ist.
Denn wir möchten jeden und jede in der Gemeinde dahin bringen, daß sie vor Gott dastehen in der Vollkommenheit, die aus der Verbindung mit Christus erwächst.
Viele Bibelleser stoßen sich sehr an dem Wort „Vollkommenheit“, das hier in unserem Predigttext vorkommt, aber auch anderswo in der Bibel. Der Herr Jesus fordert etwa in der Bergpredigt auf, daß wir vollkommen sein sollen, wie auch unser himmlischer Vater vollkommen ist (
Mt 5,48
), und einem reichen jungen Mann sagt er, er solle, wenn er vollkommen sein will, seine Habe verkaufen (
Matthäus 19,21
).
Manche Bibelübersetzungen mildern die Aussage des Paulus denn auch ab. „Ihr sollt einfach starke, reife Christen werden [durch das, was Christus für euch hat]“, überträgt etwa die ganz neue Volxbibel, und die Übertragung der Hoffnung für alle lautet, „der Einzelne [soll] durch die Verbindung mit Christus reif und mündig“ werden. Der Heidelberger Neutestamentler Klaus Berger und seine Frau Christiane Nord übertragen, „[wir ...] versuchen, alle Menschen durch Mahnung und weise Belehrung zu vervollkommnen“.
Für die Irrlehrer, die in Kolossä am Wirken waren, war der Begriff „Vollkommenheit“ von großer Bedeutung. Sie lehrten, je nach ihrer Herkunft, Gnostizismus oder Gesetzesfrömmigkeit als Weg zur Vollkommenheit im Glauben. Sie lehrten damit einen mehrstufigen Heilsweg. Bis heute gefährden schwärmerische und perfektionistische Irrlehren die christliche Kirche und die Gläubigen mit einem mehrstufigen Heilsweg.
Wenn nun Paulus von den Christen erwartet, vollkommen zu sein, geht es ihm dann nicht auch um einen mehrstufigen Heilsweg?
Was bedeutet der Begriff „Vollkommenheit“ überhaupt? Der hier im Bibel-Griechischen stehende Begriff teleios bezeichnet ursprünglich einen Erwachsenen. Sowohl im ethischen als auch im religiösen Sprachgebrauch kann dieser Begriff jedoch auch eine andere Bedeutung haben: Das von sittlichen Gesetzen oder religiösen Vorschriften gesetzte Ziel erreicht haben. Für die judenchristlichen Gesetzesfrommen war dies ein Mann, der das Gesetz vollkommen hielt, für die gnostischen Schwärmer ein Mann, der asketisch lebte und Gesichte und Visionen hatte und innere Stimmen hörte und somit ein Eingeweihter in Mysterien war, ein Vertrauter von Engel- und Geistwesen.
Paulus aber hängt die Vollkommenheit weder an sittliche noch an religiöse Vorgaben, sondern an die Verbindung mit Christus: Die Verbindung mit dem Herrn Jesus ist das Ziel des Glaubens. Vollkommen im ethischen wie im religiösen Sinn ist, wer an dem Herrn Jesus hängt. Anders als die Gesetzesfrommen und die Gnostiker wollte er nicht immer mehr neben Jesus, sondern im Gegenteil allen Ballast abwerfen, und würde der sich noch so fromm darstellen, und das „allein Jesus“ in immer größerem Maße.
Das Griechische kennt, was für uns nicht so leicht nachzuvollziehen ist, für den Begriff teleios keine feste Bezugsgröße. Wer erwachsen, vollkommen ist, kann als Erwachsener oder Vollkommener doch immer noch neue Ziele erreichen. Einmal vollkommen sein, bedeutet nicht, daß einem bereits jeder verfügbare Lohn, jede verfügbare Gnade zugeteilt worden ist. Es ist kein statischer Zustand. Der Gesetzesfromme soll in Glauben und Leben immer vollkommener werden, seine Gesetzestreue auf immer mehr Bereiche seines Daseins ausdehnen. Der Gnostiker soll in seiner Askese immer neue Ziele erreichen, um noch tiefer in die Mysterien einzudringen, um selbst den Engel- und Geistwesen, mit denen er Kontakt pflegt, immer ähnlicher zu werden. Und der mit dem Herrn Jesus verbundene Christ soll diese Verbindung pflegen, um dem Herrn Jesus immer ähnlicher zu werden – und dabei allen unnötigen Ballast abwerfen.
Der Gesetzesfromme und der Gnostiker werden auf ihrem Weg der Vervollkommnung immer mehr von dem Herrn Jesus wegkommen. Für den Gesetzesfrommen ist der Herr Jesus bald nur noch das Gegenüber des Gesetzes, der Buchhalter über erfüllte und nicht erfüllte Gesetze. Für den Gnostiker, den Schwärmer ist der Herr Jesus bald nur noch ein Geistwesen unter vielen.
Paulus sagt dagegen: Bleibt beim Herrn Jesus. Bleibt in der Verbindung mit ihm, wachst in der Verbindung mit ihm.
Liebe Gemeinde,
wie können wir nun vollkommen sein? Wie können wir im Glauben, wie in der Verbindung mit dem Herrn Jesus wachsen?
Erst einmal müssen wir uns darüber im Klaren sein, wer der Herr Jesus eigentlich ist, wer und was er für uns ist, was wir an ihm haben. Darum steht im Brief des Paulus an die Kolossäer auch die große Christologie.
Dann müssen wir uns darüber im Klaren sein, was der Herr Jesus für uns getan hat. Wie hat er uns berufen? Welchen Weg ist er seitdem mit uns gegangen? Wie sieht seine Beziehung zu uns aus? Darum hat Paulus an seinen Dienst als Apostel erinnert.
Die Gemeinde hat darum die Aufgabe, in Lehre und Verkündigung, in der Seelsorge, in Musik und Lobpreis, in Gebet und Anbetung, in Gottesdiensten, Bibelkreisen und Hauskreisen und überall sonst diese beiden Bereiche immer wieder aufzugreifen.
Paulus schreibt, er und seine Mitarbeiter würden nicht aufhören, jeden einzelnen in der Gemeinde zu ermahnen und jedem einzelnen in der Gemeinde den Weg zu zeigen, den uns Christus gewiesen hat, mit aller Weisheit. Das „Ermahnen“ ist im Bibel-Griechischen ein ziemlich starkes Wort. Es bedeutet, jemanden Anweisungen zu geben, zu warnen, zurechtzuweisen, nötigenfalls auch durch Tadel oder Schelten, bis die Ermahnung in Herz und Verstand angekommen ist.
Warum diese strenge Anweisung? Paulus und seine Mitarbeiter möchten jeden und jede in der Gemeinde dazu bringen, daß sie vor Gott dastehen in der Vollkommenheit. Jede und jeden. In der Gemeinde soll es keine kleine elitäre Schar vollkommener Christen geben, umgeben vom Großen Fußvolk der Unvollkommenen. Jede und jeder soll vor Gott dastehen in der Vollkommenheit. Jede und jeder soll allen Ballast abwerfen, sich von religiösem Perfektionismus und frommer Schwärmerei fern halten und an dem Herrn Jesus kleben.
Liebe Gemeinde,
wie können wir nun aber vollkommen sein? Ich denke, es ist schon klar geworden, daß es gerade nicht um Perfektionismus geht, und ebenso wenig um Schwärmerei.
Es geht darum, ganz auf den Herrn Jesus zu vertrauen. Er ist der Vollkommene, und er wirkt in uns Vollkommenheit.
Jesus in uns, das ist das Motto. Jesus lebt in uns, und er bewirkt unsere Vollkommenheit, ja, er ist unsere Vollkommenheit.
Das heißt nun nicht, daß wir uns einfach zurücklehnen und sagen: Gott ist meine Vollkommenheit, also muß ich gar nichts tun. Ich darf auch gar nichts tun. Jesus allein soll mein Leben zum Ziel führen. Jesus, mache du es ohne mich. - Diese fromme Passivität ist wieder nichts als Schwärmerei. Mit Jesus verbunden zu sein, an ihm zu hängen, das hat nichts mit Passivität zu tun. Adolf Schlatter, der große Bibellehrer, nennt eine solche Passivität das Denken des lieblosen Sinnes. Er sagt, Paulus sei von der Liebe Christi umfaßt, darum denke er in entgegengesetzter Weise. Weil das Wirken Gottes sich kräftig in ihm erweise, darum sei ihm keine Mühe zu groß, keine Anstrengung zu hart. In dieser Weise verbinde die Liebe unser Wirken und das Wirken Gottes.
„Jesus in mir“ heißt also nicht, „ohne mich“. Weil der Herr in mir wirkt, kann ich wirken. Dabei geht es freilich auch nicht um einen falschen geistlichen Druck. Ich muß alles und jedes bewirken, weil der Herr in mir wirkt. Bin ich unwirksam, dann habe ich nicht genug Glauben. Dann vertraue ich Gott nicht genug. Dann beachte ich Jesu Regeln nicht genug. Da kommen wir wieder zum Perfektionismus.
Es geht also nicht darum, daß ich, weil Jesus in mir lebt und in mir wirkt, jederzeit, an jedem Ort und bei jeder Gelegenheit und in jeder Verfassung alles kann, und daß nichts scheitern darf, weil ich mit jedem Scheitern Gott verraten würde. Mit dieser Einstellung wäre ich sehr, sehr weit weg von der Vollkommenheit, die der Herr Jesus von mir will.
Der Herr Jesus will nicht mehr, als daß ich jederzeit ganz bei ihm bin. Daß ich mich ganz auf ihn werfe, mich ihm ganz anvertraue. Mehr will er nicht von mir, aber er wird sich auch nicht mit weniger zufrieden geben. Und ganz und gar nicht will er Schwärmerei oder Perfektionismus.
Liebe Gemeinde,
uns auf Jesus zu werfen, uns ihm ganz anzuvertrauen verlangt uns wenig ab. Ich will nur einige Stichworte nennen, die Liste ist nicht vollständig. Welchen Schwerpunkt diese Dinge jeweils in unserem Leben mit Jesus einnehmen, ist sehr unterschiedlich.
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Liebe Gott, den Vater. Übe Nächstenliebe. Setze dich für deinen Nächsten ein, für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Umwelt.
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Liebe den Herrn Jesus. Nimm teil am Leben deiner Gemeinde, versäume die Gottesdienste nicht. Bete und lies die Bibel. Richte dein Leben am Beispiel Jesu aus. Laß dein Leben ein Zeugnis sein.
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Liebe den Heiligen Geist. Such die Gemeinschaft, sei ein Friedensstifter. Sei offen für das Wirken des Geistes, auch für die Gaben.
Du mußt in keinem dieser Dinge perfekt sein. Du sollst nicht nach Perfektion streben. Gerade evangelikale Christen stehen oft in der Gefahr, für den Herrn Jesus perfekt sein zu wollen. Wenn du das Streben nach Perfektionismus kennst und darunter leidest, dann gib es Jesus hin, bitte ihn um Vergebung und bitte ihn, dich weniger perfekt und dafür vollkommen zu machen, indem er dich von allem Ballast befreit, den religiöse Traditionen oder moralinsaure Gesetze auf dich gelegt haben.
Glaube aber auch nicht, daß das alles von alleine kommt. Es ist richtig, daß Gott nicht in dir wirken kann, solange du aus eigener Kraft nach Perfektion strebst. Gott kann nur dann in dir wirken, wenn du deine eigenen Anstrengungen aufgibst und dich ganz dem Herrn Jesus hingibst. Und doch mußt du selbst auf deinen Nächsten zugehen. Du mußt dir die Zeit zum Bibellesen und Beten nehmen.
Jesus allein, das ist der Schlüssel, um vollkommen vor Gott zu stehen.
Zum Schluß möchte ich noch einmal ausdrücklich sagen, daß der Hinweis auf „Jesus allein“ die Gemeinde nicht ausschließt. Die Gemeinde ist der Leib Jesu. Wir können Jesus nicht haben, ohne uns an die Gemeinde zu halten. Es gibt keine Vollkommenheit im christlichen Leben ohne die Gemeinde.
Amen.
Segen (Kolosser 2,6-7.9-10a;3,15;4,18b)
Ihr habt Jesus Christus als den Herrn angenommen; darum lebt nun auch in der Gemeinschaft mit ihm und nach seiner Art. Seid in ihm verwurzelt und baut euer Leben ganz auf ihn. Bleibt im Glauben fest und laßt euch nicht von dem abbringen, was euch gelehrt worden ist. Hört nicht auf zu danken für das, was Gott euch geschenkt hat.
In Christus allein wohnt wirklich und wahrhaftig die Heilsmacht Gottes in ihrer ganzen Fülle, und durch ihn allein wird euch die Fülle des Heils zuteil.
Der Frieden, den Christus schenkt, soll euer ganzes Denken und Tun bestimmen. In diesen Frieden hat Gott euch alle miteinander gerufen, denn ihr seid ja durch Christus ein Leib.
Die Gnade sei mit euch!
Amen.
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