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Freikirchen - Eine Einführung PDF Drucken E-Mail
Christlicher Glaube - Freikirchen
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Mittwoch, den 25. Februar 2009 um 19:56 Uhr
Eine kurze Einführung in das Thema "Evangelische Freikirchen": Entstehung, Kirchenbegriff, Lehre und Praxis, Freikirchen in Deutschland und international.

1.  Prolog

In Deutschland kennt man vor allem die evangelische und die katholische Kirche - dabei gibt es auf evangelischer Seite nicht nur die evangelische Kirche, sondern neben den in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zusammengeschlossenen lutherischen, reformierten und unierten Kirchen auch mehrere evangelische Freikirchen, von denen sich derzeit 14 zur Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) zusammengeschlossen haben.

Zugleich gibt es verschiedene Berührungspunkte zwischen den Gliedkirchen der EKD und den evangelischen Freikirchen, etwa bei „Brot für die Welt“, der Deutschen Bibelgesellschaft, dem Diakonischen Werk usw., an denen sich eben auch die Freikirchen beteiligen. Weitere Berührungspunkte sind sowohl die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirche (ACK) - fünf Freikirchen (u.a. Baptisten, Methodisten, Mennoniten) gehörten zu den Gründungskirchen - als auch die Deutsche Evangelische Allianz (EAD), in der Protestanten aus Landes- und Freikirchen zusammenarbeiten (die Freikirchler machen etwa die Hälfte der in der Allianz vertretenen Protestanten aus).

Eine häufige Falschwahrnehmung in der Öffentlichkeit ist die Gleichsetzung von freikirchlichen Christen und Evangelikalen. Weder sind alle Evangelikalen Freikirchler (sondern rund die Hälfte), noch sind alle Freikirchler evangelikal (ohnehin kann und darf man die Evangelikalen nicht als einen einheitlichen Block betrachten - hier gibt es eine große Bandbreite von Strömungen und am „linken“ neo-evangelikalen Rand viele Überschneidungen mit „liberalen“ Protestanten).

Überhaupt verbietet sich die Wahrnehmung der freikirchlichen Christen und ihrer Kirchen und Gemeinden als ein monolithischer Block - hinter dem Begriff „Freikirchen“ und auch unter dem Dach der Vereinigung Evangelischer Freikirchen versammeln sich sehr verschiedene Strömungen des Protestantismus.

Im Freikirchentum sind drei Strömungen zu unterscheiden - die traditionellen bzw. prinzipiellen Freikirchen (Betonung der Religionsfreiheit, der Trennung von Staat und Kirche und der freiwilligen Kirchenmitgliedschaft), die aus einer innerkirchlichen Erneuerungsbewegung heraus entstandenen Freikirchen (pietistische und methodistische Bewegung) und die konfessionellen Freikirchen (Abtrennung aufgrund eines Bekenntnisnotstandes). Nicht immer ist eine sichere Trennung zwischen diesen drei Strömungen möglich.

2.  Entstehung der Freikirchen

Es gibt nicht den einen Anfangspunkt, auf den alle Freikirchen zurückgeführt werden könnten. Bei den Waldensern liegen die Anfänge deutlich vor der Reformation, bei den Mennoniten liegen die Anfänge bald nach Beginn der Schweizer Reformation.

Ein wichtiger Anfangspunkt vieler Freikirchen (auch solcher, die eigentlich erst später entstanden sind) liegt im England und Schottland des 17. Jahrhunderts - aus der Abspaltung calvinistisch-reformierter Christen von der Anglikanischen Kirche entstanden die Puritaner, Presbyterianer, Kongregationalisten, Baptisten usw. Nicht alle diese Freikirchen blieben auch Freikirchen - in Schottland etwa wurden die Presbyterianer zur Staatskirche, die schottischen Anglikaner damit aber zur Freikirche, während ein Patronatsstreit schließlich zur Abspaltung immer noch presbyterianischer Christen von der „Church of Scotland“ zur Gründung der „Free Churches“ (1843-1900/1929) führte, die sich dann aber bis auf wenige Ausnahmen 1929 wieder mit der „Church of Scotland“ vereinigt haben. In Massachusetts übernahmen die Puritaner die Rolle der Staatskirche, in Rhode Island dagegen schuf der Baptismus in der Mitte des 17. Jahrhunderts das erste Gemeinwesen, in dem Kirche und Staat völlig getrennt voneinander waren.

Ein weiterer Anfangspunkt ist der deutsche Pietismus, aus dem die Herrnhuter Brüdergemeine (heute sowohl Gliedkirche der EKD als auch Gastmitglied der VEF) hervorgegangen ist, der aber auch viele andere Freikirchen stark geprägt hat. Nur wenig später folgte von England ausgehend die Erweckungs-, Reform- und Heiligungsbewegung, vor allem ist hier die methodistische Bewegung zu nennen. Zuerst mit der anglikanischen Kirche verbunden, entstanden ab 1784 mehrere methodistische Freikirchengründungen in den USA und England. Die Erweckungs-, Reform- und Heiligungsbewegung hat nicht nur methodistische Freikirchen stark geprägt, sondern auch viele andere Freikirchen, die Impulse aus dieser Bewegung übernommen haben.

Recht spät entwickelte sich zuerst in England, später auch in Deutschland aus den Wurzeln der englisch-schottischen Freikirchenbewegung (Presbyterianer, Baptisten...) die Brüderbewegung bzw. der Darbysmus. Ein Teil der Brüderbewegung bildet seit 1942 in Deutschland zusammen mit den Baptisten (und im Westen bis 1945, in der DDR bis 1989 mit den Elim-Gemeinden) den Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden. In diesem Bund gibt es heute neben Baptisten- und Brüdergemeinden (und ganz wenigen Elim-Gemeinden) auch einige „unierte“ Gemeinden, in denen Baptisten und Brüder zu einer Gemeindeversammlung zusammengefunden haben.

Nicht zu den eigentlichen Anfängen der Freikirchen zählen indes die Anfänge der Pfingstbewegung. Die Anfänge der Freikirchen und der Pfingstbewegung (Heiligungs- und Erweckungsbewegung) sind zwar bei den Pfingstfreikirchen ineinander verzahnt, sollten aber nicht miteinander vermischt werden. Zudem war etwa die ursprüngliche deutsche Pfingstbewegung (Gemeinschaftsverband Mülheim/Ruhr ab 1909) keine Freikirche, sondern eine landeskirchliche Gemeinschaft. Ihr Nachfolgeverband (Mülheimer Verband Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden) ist heute zwar eine Freikirche, gehört aber nicht mehr zur Pfingstbewegung.

Neben diesen traditionellen Freikirchen, die ganz bewußt Frei- und Freiwilligenkirchen (im Gegensatz zu Staats- und Volkskirchen) sein wollen, haben sich immer wieder auch konfessionelle Freikirchen etabliert, die aber eher „Freikirchen wider Willen“ sind. In ihnen sammeln sich Christen als Landes- bzw. Volkskirchen, die Reformen ihrer Kirche nicht mitmachen wollen, sondern weiterhin den alten konfessionellen Leitbildern folgen wollen (Bekenntnisnotstand). Hier sind etwa die Altlutheraner und die Altreformierten zu nennen.

[Ein Sonderfall ist die altkatholische Kirche. Nach ihrem Selbstverständnis ist sie keine Freikirche, da sie sich nicht wegen eines Bekenntnisnotstandes von der Römisch-Katholischen Kirche getrennt habe, sondern Rom habe sich durch das Erste Vatikanische Konzil von ihr getrennt (und wäre damit die eigentliche Freikirche).]

Der Umbruch von der Moderne zur Postmoderne hat auch zur Gründung einiger Freikirchen geführt - ein Prozeß, der sich derzeit fortsetzt und vor allem „postevangelikale Christen“ betrifft, die sich weder in Landes- noch Freikirchen (ganz gleich, welcher der drei Strömungen letztere angehören mögen) sammeln. Hier spricht man dann von unabhängigen oder nondenominationellen oder auch postkonfessionellen Freikirchen.

3.  Der Kirchenbegriff der Freikirchen

Mit Ausnahme der altkonfessionellen Freikirchen (Altlutheraner, Altreformierte) suchen die evangelischen Freikirchen eine Alternative zum Staats- und Kirchenbegriff der Reformation. Als Alternative werden die Staats- und Kirchenbegriffe des Neuen Testamentes verstanden; Freikirchen wollen Gemeinden nach neutestamentlichem Vorbild sein. Im Mittelpunkt steht dabei der Wunsch, eine Gemeinde zu sein, die „Gott mehr gehorche als den Menschen“ und dem „Kaiser“ nur das gäbe, was ihm von der Bibel her zustehe. Hieraus folgt die Forderung nach der völligen Trennung von Staat und Kirche (Laizismus). Dieser Staats- und Kirchenbegriff wurde in seiner baptistischen Ausprägung maßgeblich für die Verfassung von Rhode Island und später auch zur Grundlage der Verfassung der USA mit ihrer völligen Trennung von Staat und Kirche.

In vielen Ländern - an manchen Orten zum Teil bis heute - brachte dieser Staats- und Kirchenbegriff die Freikirchler immer wieder in einen starken Gegensatz zu Staat und Staatskirche, was auch zum Märtyrium freikirchlicher Christen geführt hat. Besonders diese Erfahrung hat viele freikirchliche Christen zu Vorkämpfern allgemeiner Religionsfreiheit gemacht (z.B. den Baptisten Julius Köbner, der bereits 1848 vom deutschen Volk ausdrücklich Religionsfreiheit fordert „für jeden Menschen, der den Boden des Vaterlandes bewohnt, wir fordern sie in völlig gleichem Maße für alle, seien sie Christen, Juden, Mohammedaner oder was sonst“).

Viele Freikirchen betonen, daß die Kirche „Gemeinschaft der Gläubigen“ sein solle. Nicht nur diejenigen Freikirchen, die ausschließlich Erwachsene taufen, sondern auch jene, die ebenfalls Kinder taufen, machen die Kirchenmitgliedschaft ausschließlich an einer bewußten Entscheidung fest. Während die Volkskirchen heute insofern, daß in der Regel jederzeit der Aus- und Eintritt möglich ist, ebenfalls Freiwilligkeitskirchen sind, geht bei den Freikirchen dieser Aspekt jedoch noch darüber hinaus, als daß ein unfreiwilliger Eintritt - etwa im Zusammenhang mit der Taufe eines Säuglings, der zudem bei den Volkskirchen die meisten Mitgliedschaften begründet - völlig ausgeschlossen ist. Darüber hinaus erwarten viele Freikirchen von ihren Mitgliedern ein gewisses Maß an Teilnahme am gemeindlichen Leben, vor allem am Gottesdienst. Wo dies nicht mehr gegeben ist und ein Austausch nicht mehr stattfindet, endet die Mitgliedschaft für gewöhnlich, weil der Wille zur Fortsetzung der Mitgliedschaft nicht mehr zu erkennen ist.

Zwischen „bekenntnisverwandten“ Gemeinden (z.B. Baptistengemeinden, Pfingstgemeinden, Freien Evangelischen Gemeinden usw.) ist in der Regel ein informeller Wechsel der Gemeindemitglieder möglich, etwa bei einem Umzug. So können etwa Mitglieder einer Freien Evangelischen Gemeinde eines Ortes an eine Baptistengemeinde eines anderen Ortes „überwiesen“ werden. Innerhalb der Gemeinden der VEF ist der gegenseitige Gottesdienstbesuch möglich und etwa bei Aufenthalten an Urlaubsorten auch gewünscht.

4.  Freikirchliche Lehre und Praxis

Es gibt keine einheitliche Lehre und Praxis der Freikirchen. Traditionelle Freikirchen wie die Baptisten sind kongregationalistisch verfaßt, die Ortsgemeinde ist selbständig. Daneben gibt es konnexionalistische Kirchen wie etwa die Methodisten, wo die Gemeinden in einem Verbundsystem vernetzt sind.

Die Freikirchen in der Vereinigung Evangelischer Freikirchen stehen auf dem Boden der Reformation, sie haben keine Sonderlehren, durch die sie sich von anderen Kirchen unterscheiden. Sie verzichten auf Kirchensteuern, statt dessen finanzieren sie sich selbst.

In einer Selbstdarstellung der VEF heißt es, „Freikirchen verstehen sich nicht als die allein wahre Gestalt von Kirche. Sie bemühen sich, durch intensive Mitarbeit in zwischenkirchlichen Einrichtungen zur Einheit der Christen und zum glaubwürdigen Zeugnis der Kirchen beizutragen“.

4.1  Gottesdienst

Bei vielen Freikirchen wird der Gottesdienst in eher freien Formen gefeiert, geleitet von einem „Moderator“, die Predigt wird manchmal als „Ansprache“ bezeichnet. Anstelle einer Orgel findet man regelmäßig Klavier, Gitarren, Schlagzeug usw. In vielen evangelikalen und charismatischen Freikirchen nimmt der „Lobpreis“ eine zentrale Rolle ein, meist kurze, mehrmals wiederholte Lieder, oft mehr oder weniger frei aus dem Englischen übersetzt, oft von einer Band begleitet.

Viele Freikirchen versuchen mit ihren Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen Außenstehende zu erreichen, man möchte „kulturell kompetent“ sein.

4.2  Abendmahl

Die meisten Gemeinden feiern das Abendmahl, die Baptisten etwa einmal im Monat, Brüdergemeinden jeden Sonntag.Bei manchen Gemeinden sind auch Nichtmitglieder der Gemeinde zum Abendmahl eingeladen, so sie denn gläubig sind, in anderen ist das Abendmahl auf Mitglieder der eigenen Gemeinde beschränkt (und findet dann manchmal in einer eigenen „Mahlfeier“ vor oder nach dem Gottesdienst statt). 

4.3  Taufe

Viele Freikirchen taufen nur Erwachsene, andere auch Kinder. Manche Freikirchen taufen gar nicht. Keine Freikirche in der VEF praktiziert eine „Wiedertaufe“. Die Freikirchen, die nur Erwachsene taufen, erkennen die entsprechenden Taufen anderer Kirchen an, es gibt also keine spezielle baptistische, pfingstlerische, katholische oder lutherische Taufe. Für gewöhnlich wird die Taufe nicht als „heilsnotwendig“ betrachtet.

Die meisten Freikirchen setzen eine Taufe voraus, damit man Mitglied werden kann. Manche Freikirchen akzeptieren nur die Erwachsenentaufe, manche auch die Kindertaufe.

Die Freikirchen in der VEF, die nur die Erwachsenentaufe kennen, gestehen Kindern, die nicht getauft sind, keinen geringeren Status in Bezug auf das „Seelenheil“ zu.

4.4  Theologische Ausbildung

Es gibt keine einheitliche Ausbildung für die Theologen. Viele Freikirchen haben ihre eigenen Ausbildungsstätten (z.B. Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden, Evangelisch-methodistische Kirche), andere nehmen Absolventen von Bibelschulen oder anderen theologischen Ausbildungsstätten. Bei mehreren Freikirchen besteht auch eine Verbindung zu den theologischen Fakultäten der Hochschulen.

Viele Freikirchen kennen außerdem die Laienpredigt, manche sogar ausschließlich.

4.5  Solidargemeinschaften

Sich auch im Alltag gegenseitig zu unterstützen, spielt bei den meisten Freikirchen eine große Rolle. Starke Solidargemeinschaften nach dem Vorbild des Neuen Testamentes sind gewünscht. Viele Freikirchen arbeiten im Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche mit und betreiben eigene diakonische Einrichtungen.

4.6  Keine geistliche Elite

Freikirchen wollen keine „geistliche Elite“ sein, sondern in aller Demut das Volk Gottes (E. Geldbach). Sie wissen, daß sie als Gemeinschaft sowie in Lehre und Praxis nicht „besser“ als die Volks- und Staatskirchen sind, daß sie zwar eine „Gemeinschaft der Heiligen“ bilden, aber doch gerechtferigte Sünder sind und somit nicht „besser“ als die Menschen außerhalb der freikirchlichen Gemeinde.

5.  Freikirchen in Deutschland

Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland rund 580.000 Mitglieder freikirchlicher Gemeinden, 285.000 in den Freikirchen innerhalb der VEF, rund 300.000 in Freikirchen außerhalb der VEF. Diese Zahlen können nicht direkt mit den Mitgliedszahlen der Volkskirchen vergleichen werden, weil nur die erwachsenen Mitglieder erfaßt werden, nicht aber z.B. die Kinder, Angehörige usw.

Um zu vergleichbaren Zahlen zu kommen, kann man von rund 627.000 freikirchlichen Christen in Gemeinden der VEF aus (2,36 % der Protestanten in Deutschland) und von rund 660.000 freikirchlichen Christen in unabhängigen Gemeinden (2,48 %) ausgehen. Alle evangelischen Freikirchler in Deutschland kommen also gerade einmal auf 4,84 % der Protestanten in Deutschland.

5.1  Vereinigung  Evangelischer Freikirchen

5.1.1 Mitgliedskirchen

In Deutschland wurde 1926 die Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) gegründet.

Ihr gehören als Mitglieder an:

* die Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland K.d.ö.R.,

* der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland K.d.ö.R.,

* der Bund Freier evangelischer Gemeinden in Deutschland K.d.ö.R.,

* der Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden K.d.ö.R.,

* die Evangelisch-methodistische Kirche K.d.ö.R.,

* die Heilsarmee in Deutschland K.d.ö.R.,

* die Kirche des Nazareners e.V.,

* der Mülheimer Verband Freikirchlich-Evangelischer Gemeinden GmbH und

* die Gemeinde Gottes e.V.,

sowie als Gastmitglieder:

* die Evangelische Brüder-Unität K.d.ö.R. (Herrnhuter Brüdergemeine),

* der Freikirchliche Bund der Gemeinde Gottes e.V.,

* das Freikirchliche Evangelische Gemeindewerk e.V.,

* die Anskar-Kirche und

* die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland K.d.ö.R.

5.1.2 Statistiken

Zu den mehr als 3.100 Gemeinden gehören in Deutschland 285.000 Mitglieder. Weltweit gehören zu den in der VEF vertretenen Freikirchen mehr als 340 Millionen Mitglieder, die Mitglieder deutscher Freikirchen machen also nur - großzügig aufgerundet - 0,09 % der Mitglieder der entsprechenden Freikirchen weltweit aus. Das weltweite Freikirchentum findet also in Deutschland keine vergleichbar starke Entsprechung.

5.1.3 Ziele und verbindende Elemente der VEF-Freikirchen

Ziel der VEF ist gemäß einer Selbstdarstellung die Förderung gemeinsamer Aufgaben, die Vertiefung zwischenkirchlicher (ökumenischer) Beziehungen und die Vertretung gemeinsamer Belange nach außen.

Als verbindende Elemente für alle Freikirchen innerhalb der VEF gelten laut Selbstdarstellung folgende Kennzeichen:

    * „Sie erkennen in der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments Gottes Wort als Grundlage und alleinige Richtschnur ihrer Verkündigung, ihrer Lehre und ihres Lebens.

    * Sie bekennen Jesus Christus als Haupt der Gemeinde sowie als Herrn und Heil der Welt. Mit allen Kirchen der Reformation bezeugen sie die Errettung der Sünder um Jesu Christi willen aus Gottes freier Gnade allein durch den Glauben.

    * Sie verstehen die Kirche bzw. Gemeinde Jesu Christi als Gemeinschaft der Gläubigen, geschaffen durch das Wort Gottes und gestaltet als Lebens- und Dienstgemeinschaft im Sinne des Priestertums aller Gläubigen.

    * Sie erwarten von den Gliedern ihrer Gemeinden ein Bekenntnis des persönlichen Glaubens an Jesus Christus sowie die ernsthafte Bereitschaft, ihr Leben dem Willen Gottes entsprechend zu führen.

    * Sie halten an der rechtlichen und organisatorischen Unabhängigkeit vom Staat fest und finanzieren ihre Arbeit durch freiwillige Beiträge der Mitglieder.

    * Sie treten ein für Menschenrechte, insbesondere für Glaubens- und Gewissensfreiheit, und übernehmen ein ihren Möglichkeiten entsprechendes Maß an Verantwortung für alle Menschen.

    * Ihre Hauptaufgabe sehen sie darin, das Evangelium von der Liebe Gottes zu allen Menschen in Wort und Tat zu verkündigen.“

5.2  Weitere Freikirchen in Deutschland

Es ist davon auszugehen, daß in Deutschland mehr freikirchliche Christen außerhalb der VEF-Kirchen zu finden sind als innerhalb. Rund 300.000 Christen gehören zu unabhängigen freikirchlichen Gemeinden, zu Gemeinden mit Migrationshintergrund usw. Amerikanische Missionsgesellschaften beispielsweise haben in Deutschland unabhängige freikirchliche Gemeinden gegründet, die zum Teil nicht einmal in Kontakt zu bekenntnisgleichen oder -verwandten Freikirchen stehen. Die meisten dieser Missionsgemeinden sind evangelikal oder charismatisch geprägt. Daneben gibt es auch noch sog. Milieu-Kirchen wie z.B. die „Jesus Freaks“ oder die „Metropolitan Community Church“.

6.  Freikirchen weltweit

Die weltweite Zahl der freikirchlichen Christen ist nur schwer zu ermitteln. Zu den Kirchen, die in Deutschland in der Vereinigung Evangelischer Freikirchen vertreten sind, gehören weltweit rund 340 Millionen Mitglieder - die drei großen Freikirchen sind dabei die Pfingstler (250 Millionen), die Methodisten (UMC/EMK 10,2 Millionen) und die Baptisten (47,5 Millionen inkl. SBC, 31,5 Millionen ohne SBC).

Doch wie auch in Deutschland nicht alle Freikirchen zur VEF gehören, gibt es auch weltweit mehr als diese 340 Millionen Mitglieder freikirchlicher Gemeinden. Eine exakte Zahl kann aber nicht ermittelt werden - die Schätzungen schwanken insgesamt zwischen 400 und 700 Millionen Christen, die zu einer Freikirche gehören. Die große Unsicherheit hat verschiedene Ursachen:  Einige Kirchen wie z.B. die United Church of Canada“, die vereinigte „Church of Australia“ oder die „United Church of Christ“ sind multikonfessionelle Mischkirchen, in denen Volks- und Freikirchen aufgegangen sind. In jüngerer Zeit werden immer mehr nondenominationelle Gemeinden gegründet, die keinem kirchlichen Bund angehören, immer mehr Christen bleiben auch gleich ganz ohne jede kirchliche Bindung und besuchen nur unverbindliche Gemeinschaften. Zuletzt gibt es viele Christen, die in mehr als nur einer Kirche oder Gemeinde Mitglied sind. Außerdem gibt es in Ländern der islamischen Welt, aber auch in Nordkorea, China usw. viele heimliche Christen, die oftmals freikirchlich geprägt sind.

Sicher ist jedenfalls, daß es etwa 70 Millionen Methodisten weltweit gibt, von denen 10,2 Millionen zur United Methodist Church (der Evangelisch-methodistischen Kirche) gehören. Viele Baptisten gehören einer unabhängigen Baptistenkirche an, viele Pfingstler einer unabhängigen Pfingstkirche.

In den USA stellt die „Southern Baptist Convention“ die größte protestantische Denomination dar (16 Millionen Mitglieder), gefolgt von der „United Methodist Church“ (8,3 Millionen) - Zum Vergleich: Zur Römisch-Katholischen Kirche gehören in den USA 63,2 Millionen Mitglieder, zur Evangelisch-Lutherischen Kirche 4,8 Millionen Mitglieder; 52 % der Amerikaner bezeichnen sich als protestantisch, 24,5 % als römisch-katholisch.

Zur Pfingstbewegung gehören in Kenia 33 %, in Guatemala 20 %, in Brasilien 15 % der jeweiligen Bevölkerung.

Auch wenn man keine exakten Zahlen besitzt, wird doch deutlich, daß das, was in Deutschland Minderheitskirchen sind, im internationalen Maßstab ganz anders aufgestellt ist. Wer, wie es ab und an geschieht, Freikirchen mit Minderheitskirchen gleich stellt, kann die Pfingstler, Baptisten, Methodisten usw. nicht wirklich als Freikirchen begreifen, weil sie es im Weltmaßstab nicht sind, sondern hier zum Teil sogar Mehrheitskirchen.

7.  Fazit

Deutschland ist Volkskirchenland - mit rund 1,3 Millionen Christen spielen die evangelischen Freikirchen nur eine untergeordnete Rolle im Land. Das sind etwa 4,8 % der Protestanten im Land, weniger als 2,4 % aller Christen im Land, gerade einmal 1,6 % der Deutschen insgesamt.

Etwas anders sieht es beim Gottesdienstbesuch aus. Man schätzt, daß die Gottesdienste freikirchlicher Gemeinden regelmäßig von rund 900.000 Christen besucht werden - während Gottesdienste der EKD rund 1 Million regelmäßige Gottesdienstbesucher haben und katholische Gottesdienste rund 3,6 Millionen regelmäßige Gottesdienstbesucher. Fast jeder sechste Besucher eines christlichen Gottesdienstes steuert also regelmäßig ein freikirchliches Gotteshaus an.

Doch keine dieser Zahlen sagt wirklich etwas über das Leben der freikirchlichen Christen in Deutschland aus. Hier sehen wir nur eine kleine Schar, die einerseits in der schieren Masse der Deutschen, der Christen, der Protestanten nahezu völlig untergeht, andererseits das gottesdienstliche Leben unseres Landes nicht unerheblich mitprägt.

Wie viel Gewicht haben die Freikirchen in Deutschland? Sie haben die ACK mitgeprägt, fünf Freikirchen gehörten 1948 zu den Gründungsmitgliedern. Acht Freikirchen der VEF gehören heute aktuell zur ACK, außerdem weitere evangelische Freikirchen. Etwa die Hälfte der Christen in der Evangelischen Allianz kommen aus Freikirchen.

Doch die freikirchlichen Christen sind immer wieder die „Stillen im Land“. Und das ist letztendlich ihr großes Manko - sie agieren viel zu oft im Verborgenen.

Im 3. Reich gab es aus den Freikirchen nicht viel Widerstand gegen die Nazis. Auch dort, wo heute gegen die Menschenrechte verstoßen wird, hört man zu selten freikirchliche Stimmen, die sich für Verfolgte, Bedrohte, Benachteiligte, Vertriebene, Diskriminierte... einsetzen (z.B. Kopftuch-Streit, Moschee-Bau).

In anderen Ländern ist es freikirchlichen Christen viel besser gelungen, sich politisch einzubringen - die Verfassung des Staates Rhode Island wie auch die der USA sind von freikirchlichen Überzeugungen durchzogen. Martin Luther King war ein Freikirchler. Die Liste von Freikirchlern, die sich für ihre Ideale einsetzen, ist groß - Namen aus Deutschland allerdings findet man dort kaum.

Sind die Freikirchler die Stillen im Land, weil sie so wenige sind - oder sind sie so wenige, weil sie die Stillen im Land sind?

Eine andere Problematik für die Freikirchen im Land ist ihre unkritische Gleichsetzung nicht nur mit den Evangelikalen, sondern auch mit Fundamentalisten in den USA. Die Freikirchen gelten fälschlich als die „amerikanischen Kirchen“ und sind damit mehr oder weniger verdächtig oder gar vorverurteilt - daran ändert auch die Tatsache nichts, daß sich viele deutsche Freikirchen vom Irak-Krieg distanziert haben, daß auch der US-Kreationismus bzw. das „Intelligent Design“ im deutschen Freikirchentum nur eine Minderheit für sich hat gewinnen können, daß die deutschen Freikirchen tatsächlich in keiner Weise eine „Filialkirche“ der USA sind mit dem Auftrag, das Christentum in Deutschland zu „amerikanisieren“.

8.  Hinweise

Diese Abhandlung ist eine kurze Einführung in die Freikirchen - keine wissenschaftliche Abhandlung. Ich habe sie nach bestem Wissen und Gewissen erstellt und dabei hauptsächlich Informationen aus dem Internet verwendet, vor allem aus der Wikipedia (www.wikipedia.org) und von der Home Page der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (www.vef.info).

Ich habe auch zwei Bücher zum Thema Freikirchen zu Rate gezogen, die aber möglicherweise nicht mehr erhältlich sind:

* Erich Geldbach, Freikirchen - Erbe, Gestalt und Wirkung“, Bensheimer Hefte Nr. 70, Göttingen 1989

* VEF Freikirchenhandbuch - Informationen, Anschriften, Texte, Berichte“, Wuppertal 2004

Das Geldbach-Buch gibt wissenschaftlich fundiert einen gut aufbereiteten Einblick in das Thema „Freikirchen“. Ich kann es sehr empfehlen.

Die in meiner Abhandlung verwendeten Zahlenangaben (besonders etwaige Prozentangaben) beruhen zum Teil auf Schätzungen und sind manchmal nur Annäherungswerte. Sie wollen vor allem die ungefähren Größenverhältnisse, Maßstäbe und Verhältnisse vor Augen führen, sind aber zum einen ungenau, zum anderen zum Teil erheblichen Schwankungen unterworfen. Dennoch sind diese Zahlenangaben wichtig, unter anderem um aufzuzeigen, daß die Gleichsetzung „Freikirche gleich Minderheitskirche“ zumindest problematisch ist. In Deutschland herrschen vollkommen andere Verhältnisse als im weltweiten Vergleich; die deutschen Verhältnisse sind eigentlich von den internationalen Daseinsformen und mehr noch Entwicklungen des Christentums abgekoppelt und regelrecht „exotisch“.

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 02. März 2010 um 12:45 Uhr
 
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