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Freier Wille PDF Drucken E-Mail
Christlicher Glaube - FAQ
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Donnerstag, den 23. Juli 2009 um 11:50 Uhr

Ist der Wille des Menschen frei oder nicht? Gibt es eine Vorherbestimmung (Prädestination)?

Diese Frage ist eine der schwersten, mit denen sich christliche Theologen beschäftigt haben. Warum sie wichtig ist, kann man in Luthers Verteidigungsschrift über den unfreien ("geknechteten") Willen "De servo arbitrio" nachlesen: Wenn wir allein aus Gnaden gerettet werden, dann darf nicht einmal der freie Wille des Menschen hier mitzuwirken; denn dann wäre die Errettung doch wieder eine Werkgerechtigkeit, wenn auch "nur" durch unser freiwilliges "Ja" zum Angebot Gottes, uns von ihm retten zu lassen. "Sola gratia", allein aus Gnaden, schließt den freien Willen logisch zwingend aus.

Auf Seiten der Willensfreiheit stehen vor allem die katholische Kirche und die meisten evangelikalen Protestanten, auf Seiten der Prädestination der Kirchenvater Augustinus, die Reformatoren (vor allem Luther und noch weiter gehend als dieser Calvin) und ein kleinerer Teil der evangelikalen Protestanten.

Die moderne Hirnforschung hat Hinweise dafür gefunden, daß der Mensch überhaupt keinen freien Willen besitzt - sein freier Wille sei eine Illusion. Aber die Forschung ist in diesem Bereich noch lange nicht zu endgültigen Modellen gelangt, hier sind noch einige Überraschungen zu erwarten.

Wenn Christen von Willensfreiheit sprechen, dann meinen sie nicht oder höchstens zu einem kleinen Teil die Freiheit des Willens in den Aktivitäten des täglichen Lebens - Luther sinngemäß: "von allem, was dem Menschen gleich oder ihm untertan sei" -, sondern die Freiheit des Willens, ob ich das von Gott in seiner Gande angebotene Heil durch den Glauben annehme. Bin ich frei dazu, dies zu tun, kann ich dieses Angebot auch ablehnen? Die katholische Kirche und die meisten Evangelikalen bejahen dies, Augustinus, die Reformatoren und andere verneinen dies. Weil die meisten Evangelikalen die Willensfreiheit des Menschen bejahen, ist in ihrer Theologie die "Entscheidung für Jesus", die "Wiedergeburt" so wichtig. Viele können das Datum ihrer "Entscheidung" nennen, manche sogar die Uhrzeit. 

Ich kann an dieser Stelle nur meine eigene Schau anbieten; sie setzt sich daraus zusammen, daß ich zum einen an die Allversöhnung glaube und zum anderen an die (doppelte) Vorherbestimmung:

Durch den Sündenfall sind alle Menschen zur ewigen Verdammnis vorherbestimmt, aber weil Jesus, der uns zwar in allen Dingen gleich, doch ohne Sünde war, die Sünde aller Menschen am Kreuz auf sich genommen, die Gottverlassenheit ertragen und durch den Tod in das ewige Leben eingegangen ist, haben wir gewissermaßen die Plätze getauscht; Jesus hat die Verdammnis auf sich genommen (und überwunden), und wir sind nun alle zum ewigen Leben vorherbestimmt.

Diese Sichtweise hat eine wichtige Konsequenz: Ich sehe jeden Menschen als ein Kind Gottes, und so habe ich ihn auch zu behandeln. Es ist also eine sehr humanistische Auffassung, auch wenn der Humanismus - wie bei Luthers Zeitgenossen Erasmus von Rotterdam - ansonsten eher zur Betonung des freien Willens neigt.

Vielleicht verhält es sich aber auch anders: Gott hat seinen Willen mit dem freien Willen der Menschen verbunden, also in gewisser Weise die Vorherbestimmung in den freien Willen hineingegeben. Diese Theorie speist sich aus der Christologie: Gott ist in Christo, in ihm ist die Fülle der Gottheit leibhaftig; doch die Offenbarung Gottes in Jesus Christus geschieht in Knechtsgestalt. Der Christologie folgend, wäre die Vorherbestimmung, die im Willen Gottes verankert ist, ein Knecht unseres freien Willen. Gott nimmt es auf sich, daß durch unseren freien Willen sein Plan nicht auf geradem Weg zu seiner Erfüllung kommt, weil wir krumme Linien ziehen. Auf diesen krummen Linien muß Gott dann gerade schreiben, um zum Ziel zu kommen.

Diese Deutung von Vorherbestimmung und freiem Willen spricht mich persönlich wegen ihrer Verbindung mit der so wichtigen Christologie an, aber sie läßt natürlich viele Fragen offen, ist nicht so leicht zu händeln wie eine Theologie des freien Willens oder eine der Vorherbestimmung. So gilt auch hier, daß die eingangs erwähnte "Errettung allein aus Gnaden" dem freien Willen entgegensteht.

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 02. März 2010 um 10:53 Uhr
 
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