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Stehen Glaube und Wissenschaft auf verschiedenen Seiten, schließen sie einander aus?
Sowohl kreationistische Evangelikale wie auch Neue Atheisten betonen häufig die Unvereinbarkeit von "Glaube" und "Wissen". Für die eine Seite ist die Wissenschaft - vor allem die Evolutionstheorie - geradezu vom Teufel, für die andere Seite habe die Wissenschaft - und wieder vor allem die Evolutionstheorie - bewiesen, daß kein Gott existiert.
So wie ich die Bibel und die Traditionen des christlichen Glaubens verstehe, ist die Natur eine Offenbarung Gottes, und Christen sind angehalten, die Natur zu studieren. Dazu dient die Naturwissenschaft - und ich glaube, wir Christen brauchen viel mehr kompetente Naturwissenschaftler. Viele Christen ziehen ja Berufe wie Pastor/Missionar, Arzt/Krankenpfleger, Lehrer/Erzieher vor, aber wir brauchen auch Physiker, Biologen, Geologen, Evolutionsbiologen, Astrophysiker, Quantenphysiker...
Ich schätze, was viele Christen vor der Naturwissenschaft zurückschrecken läßt, ist die Notwendigkeit, einen methodischen Atheismus zugrunde zu legen - ohne den Naturwissenschaft nun einmal nicht funktioniert.
Der methodische Atheismus, den so viele gläubige Christen fürchten, hat nichts mit dem ideologischen Atheismus zu tun, ist keine Weltanschauung, sondern ein Werkzeug. Der methodische Atheismus, ohne den die Naturwissenschaft nicht auskommt, erfordert weder einen ideologischen Atheismus als Grundlage noch führt er zu einem ideologischen Atheismus als naturgemäße Weltanschauung. Der Begriff "Atheismus" wird hier für zwei völlig verschiedene Dinge gemeint, die man nicht miteinander vermischen darf.
Methodischer Atheismus bedeutet nicht die Einbeziehung einer Weltanschauung in die Naturwissenschaft, man muß den Glauben nicht an der Garderobe abgeben, ehe man das Labor oder das Studierzimmer betritt.
Methodischer Atheismus bedeutet, daß man, egal ob man an Gott glaubt oder nicht, die naturwissenschaftlichen Modelle so aufbaut, daß die naturwissenschaftlich nicht zu beschreibende Größe "Gott" außen vor bleibt, wie das bei jeder naturwissenschaftlich nicht zu beschreibenden Größe der Fall sein muß.Damit wird freilich nicht ihre Nichtexistenz "bewiesen".
Für die Metaphysik - die Frage nach Gott - ist die Naturwissenschaft einfach nicht zuständig. Sie nimmt "Gott" darum weder in die eigenen Modelle auf noch macht sie Aussagen über Gott. Natürlich darf ein Naturwissenschaftler, der Christ oder Atheist oder was sonst ist, als Naturwissenschaftler über die Metaphysik sprechen, er darf sich stets auf beide Bereiche zielen - muß aber sauber zwischen Naturwissenschaft und Metaphysik unterscheiden, zwischen dem, was er aufgrund naturwissenschaftlicher Modelle weiß und dem, was er glaubt.
Umgekehrt - für die Naturwissenschaft ist die Bibelexegese einfach nicht zuständig (versucht sie es doch, wird sie zudem nahezu zwangsläufig zur Eisegese - man liest etwas hinein, was der Text gar nicht hergibt, was ihm oft sogar widerspricht). Natürlich darf aber auch ein Theologe über die Naturwissensschaft sprechen, auch er darf stets auf beide Bereiche zielen - muß aber ebenso zwischen Naturwissenschaft und Theologie unterscheiden.
Beide Bereiche haben als erkenntnisorientierte Sichtweisen ihre Berechtigung, aber zu manchen Fragen ist nur eine der beiden Sichtweisen berechtigt, Antworten zu geben. Hier ist einfach so etwas wie ein "methodischer Laizismus" gefragt, der aber nicht zu einer Ideologie verkommen darf.
Von Theologen wünsche ich mir eine große Offenheit für Modelle der Naturwissenschaft - die Ergebnisse der Naturwissenschaft gehören einfach in die christliche Verkündigung hinein, wodurch sich freilich die christliche Verkündigung mit dem Fortschritt naturwissenschaftlicher Erkenntnis verändert, fortschreitet. Die größte Gefahr dabei ist wohl, Naturwissenschaft und Theologie über etwaige Lücken in der naturwissenschaftlichen Erkenntnis verbinden zu wollen, quasi einen "Lückenbüßer-Gott" zu erschaffen. Sobald sich die Lücken, in die man Gott gesteckt hat, durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse schließen, steht die christliche Gottesverkündigung natürlich dumm da. Die theologischen Modelle suchen sich keine Lücken in der Naturwissenschaft, sondern knüpfen an das allgemein anerkannte Wissen an.
Christen tun sich manchmal schwer, Naturwissenschaftlern (vor allem den Atheisten unter ihnen) und ihren Erkenntnissen zu trauen. Ich plädiere aber dafür, genau das zu tun. Genau wie wir in einen Fahrstuhl steigen und darauf vertrauen, daß er vernünftig konstruiert und gewartet worden ist, also den zuständigen Ingenieuren Glauben schenken, so können wir auch den Naturwissenschaftlern, egal ob sie nun Christen, Atheisten oder was sonst sind, Glauben schenken. Natürlich - manche Naturwissenschaftler vermischen Wissenschaft und Metaphysik, und es ist wichtig, für diese Grenzüberschreitungen sensibel zu sein, jeden Mißbrauch der Naturwissenschaft durch christliche, atheistische oder sonst eine Weltanschauung aufzudecken, aber das darf nicht dazu führen, daß wir Christen die Naturwissenschaft unter einen Generalverdacht stellen, ausdrücklich auch nicht die Evolutionsbiologie, auch wenn gerade sie von manchen fundamentalistischen Atheisten ideologisch mißbraucht wird. Dieser Mißbrauch ist aufzudecken, aber das Kind darf nicht mit dem Bade ausgeschüttet werden.
Christlicher Glaube und Naturwissenschaft schließen einander nicht nur nicht aus, sondern gehören zusammen. Ein methodischer Atheismus ist dafür unverzichtbare Voraussetzung. Christliche Theologen sollten offen sein für naturwissenschaftliche Modelle und christliche Naturwissenschaftler sollten fähig sein, naturwissenschaftliche Erkenntnisse auf der Kanzel mit ihrem Glauben zu verbinden, aber auch zu erkennen, welche Fragen nur naturwissenschaftlich zu beantworten sind und welche nur theologisch.
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"Naturwissenschaft und Glaube im Gespräch - 2 Wege, die Welt zu entdecken" von Dr. Thomas Millack (Oncken Verlag, Kassel, 2009)
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