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Was meinen die Christen eigentlich, wenn sie vom "Glauben" sprechen?
Für viele Leute ist "Glauben" das Gegenteil von "Wissen" bzw. "Vernunft". Für sie ist "Glauben" die mit Unsicherheit behaftete Feststellung von etwas, das vielleicht ist, vielleicht aber auch nicht, das in der Regel nicht bewiesen werden kann und oft sogar gegen alle Vernunft geglaubt wird. Man sieht darin die meist mit Versprechungen und/oder Drohungen verbundene Verpflichtung, etwas für wahr zu halten, das man nicht sehen kann, oder aber man definiert Glaube als eine Art "verminderte Naturwissenschaft", die abnehmen und zuletzt verschwinden muß, je mehr die Menschen Wissen besitzen, in gewisser Weise in den "Lücken" der Naturwissenschaft verortet ist.
Für Christen stellt sich der Glaube allerdings anders dar - oder sollte es zumindest tun.
- Glaube ist die Antwort auf Beweisgründe
- Glaube gründet auf Beziehungen, Vertrauen und Liebe
Antwort auf Beweisgründe
Wenn ich die Bibel richtig verstehe, dann ist der Glaube die Antwort auf physische und metaphysische Beweise.
Das bedeutet, daß Glauben sowohl eine Auslegung der naturwissenschaftlichen Modelle als auch eine Auslegung metaphysischer Modelle darstellt.
Der christliche Glaube greift die physischen und metaphysischen Beweisgründe auf und verknüpft sie mit dem Evangelium. Mit dem Fortschreiten insbesondere der naturwissenschaftlichen Modelle (z.B. Evolutionstheorie, Quantenphysik etc.) ändert sich auch die Auslegung und Verkündigung des Evangeliums.
Soweit es die metaphysischen Beweise betrifft, die für den christlichen Glauben maßgeblich sind, geht der christliche Glaube allerdings davon aus, daß ihre eigentliche Offenbarung abgeschlossen ist und in der Bibel vollumfänglich vorliegt. Allerdings schreitet die geisteswissenschaftliche Deutung der Offenbarungen, die etwa von Theologen vorgenommen wird, fort, und somit entstehen auch hier laufend neue Modelle, womit sich die Auslegung und Verkündigung des Evangeliums ändert.
Das Evangelium, das mit den Modellen verknüpft wird, ist der Glaube, daß in Jesus Christus Gott selbst in Knechtsgestalt unter die Menschen gekommen ist, ein Kind in der Krippe und ein Dulder am Kreuz, der bittet: Laßt euch versöhnen mit Gott, und laßt euch miteinander versöhnen.
Soweit es um die Physik geht (also jener Bereich, der den Naturwissenschaften zugänglich ist), beruht der christliche Glaube auf der naturwissenschaftlichen Methodik, nämlich auf Beobachtung, Modellbildung, Verifikation und Vorhersage. Worauf der Glaube in diesem Bereich beruht, soll objektiv, wiederholbar und formal beschreibbar.
Soweit es um die Metaphysik geht (also jener Bereich, der den Geisteswissenschaften zugänglich ist), beruht der christliche Glaube erstens auf Zeugnissen aus Geschichte und Gegenwart - hierzu zählen vor allem die Bibel, sodann die kirchlichen Traditionen und das kirchliche Lehramt -, zweitens auf Erfahrungen und Wahrnehmungen, drittens auf Überzeugungen und viertens auf Schlußfolgerungen. Hierüber wird jeweils gründlich nachgedacht (Reflexion), besser zu mehreren als allein, und was dann als folgerichtig (vernünftig) erscheint und anderen gesicherten Erkenntnissen nicht widerspricht, wird für wahr gehalten und als Beweis anerkannt.
Grundsätzlich dürfen die Lücken der naturwissenschaftlichen Erkenntnis nicht mißbraucht werden, um etwas für wahr halten zu dürfen (man darf Gott und sein Handeln nicht in den Lücken der Naturwissenschaft verorten) oder um physische Modelle mit metyphysischen Modellen zu vermischen (wie etwa häufig beim "Intelligenten Design").
Überhaupt gilt für den christlichen Glauben, daß die physische Ebene und die metaphysische Ebene untrennbar miteinander verbunden, aber nicht miteinander vermischt werden. Glaube ist immer wahrhaft physisch und wahrhaft metaphysisch.
Beziehungen, Vertrauen und Liebe
Glauben bedeutet nicht, "ich glaube, daß...", sondern "ich glaube dir, daß..."; das heißt, der christliche Glaube entsteht aus Beziehungen heraus, die man zu vertrauenswürdigen Personen hat (Gott eingeschlossen), gründet auf dem Fundament der Liebe - und darum darf der Glaubende von einer Wirklichkeit des Erhofften ausgehen, darf er auch überzeugt sein von dem, was er nicht sieht.
Für Christen ist der Glauben an Personen und deren Handeln gebunden, in erster Linie an den dreieinigen Gott und sein dreifältiges Handeln im physischen wie im metaphysischen Bereich, sodann an die Schwester bzw. den Bruder in Christo, aber auch an den "Nächsten", den "Anderen" und an den "Feind".
Der christliche Glaube erklärt: "Ich traue dir, ich vertraue dir, ich baue auf dich, ich habe eine Gewißheit, die nicht aus Experimenten und Berechnungen kommt, sondern aus der Liebe, mit der ich geliebt werde."
Glaube ohne Beziehungen, Vertrauen und Liebe ist tot. Zur Liebe gehört freilich auch, daß der Glaubende liebt - Gott, seine Schwester und seinen Bruder in Christo, seinen Nächsten, den "Anderen", ja selbst den "Feind". Er glaubt an das Liebenswerte im jeweils anderen.
Die lehrmäßigen Inhalte des christlichen Glaubens (Dogmen) sind hierbei eine Art Leitplanke, die das Denken, Reden und Handeln der Christen in geordnete Bahnen lenken. Glaubensinhalte und Glaubensakte gehören untrennbar zusammen, aber die Glaubensinhalte wurden für die Menschen formuliert, nicht der Mensch für die Dogmen geschaffen.
Die Glaubensinhalte müssen sich darum immer auch an der Not der Menschen orientieren, die "Leitplanke" darf den Glauben nicht von den Menschen weg, sondern muß ihn zu den Menschen hin lenken. Wenn das, was ich glaube, mich von den Menschen entfernt, gerade auch von den "Sündern, Huren und Zöllnern", dann ist der Glaube in sich tot. Lebendiger Glaube zeigt sich darin, wie der Gläubige liebt und mit wem er Gemeinschaft hat (siehe
Matthäus 9,10ff
;
Matthäus 11,19
).
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