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Scheinheiligkeit PDF Drucken E-Mail
Blog - Sonstiges
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Donnerstag, den 09. September 2010 um 14:52 Uhr

Was die westliche Berichterstattung über die geplante Koran-Verbrennung durch die Sekte Dove World Outreach Center betrifft, so muß man sich fragen, wie scheinheilig etliche Journalisten, Politiker und Kirchenvertreter eigentlich sind.

Es ist noch gar nicht so lange her (Dezember 2007), da brannte in Deutschland eine Bibel. Nicht irgendwo, sondern im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, in einer Sendung über oder besser gesagt gegen evangelikale Christen (HR: "Hardliner des Herrn"). Die Kritik daran hielt sich in Grenzen und wurde gerne auch einmal "frömmelnden Hardlinern" zugeschrieben. Viele von denen, die jetzt voller Empörung über die geplante Koran-Verbrennung berichten, haben damals geschwiegen oder nur am Rande davon berichtet.

Weitgehend ignoriert wurde auch die Verbrennung von einigen Hunderten Bibeln im Iran, die für dortige Christen bestimmt ware und vom Mullah-Regime aus dem Verkehr gezogen worden waren (Juni 2010). 

Ich irre mich wohlnicht, wenn ich vermute, wenn 90 % der jetzigen Proteste im Westen auf zwei Gründe zurückzuführen sind, die in unterschiedlichen Zusammensetzungen bei Politikern, Militärs, Journalisten und Kirchenführern zum Tragen kommen.

Das erste ist die Tatsache, daß in unseren Köpfen die Mehrheit der Muslime als "Wilde" gelten, die sich leicht empören lassen und dann zu grenzenloser Gewalt fähig sind, einschließlich der Gewalt gegen Menschen, die auch zum Tod von Unschuldiogen führen kann (man hat noch die mindestens 100 Toten als Folge der Muhammad-Karikaturen im Hinterkopf)

Brennt etwa eine Bibel, so muß man allenfalls mit einer leichten Empörung der Christen rechnen. Aber es gibt garantiert keine Gewalt. Es brennen keine Flaggen, keine Puppen, keine Botschaften, keine Menschen. Niemand kommtr zu Schaden. Am ehesten sind evangelikale Christen empört, und die sind ohnehin nur "frömmelnde Hardliner", und ihre Empörung läßt sich perfekt ausschlachten.

Das zweite ist die Evangelikalophobie in vielen Kreisen hierzulande, der Haß auf evangelikale Christen.

Terry Jones und sein Dove World Outreach Center gelten als Evangelikale und geben damit eine hervorragende Projektionsfläche für evangelkalophobe Äußerungen in den Medien ab. Man muß ja etwa nicht berichten, daß sich evangelikale Christen weltweit von der Koran-Verbrennung distanziert haben, so auch in den USA die National Association of Evangelicals, die rund 30 Millionen evangelikale Amerikaner vertritt, und in Deutschland die Deutsche Evangelische Allianz.

Die jetzige Kritik an der geplanten Koran-Verbrennung ist zu 90 % nichts anderes als Scheinheiligkeit.

Wie viel weniger Kritik gäbe es wohl von Seiten der Journalisten, Politiker, Militärs und Kirchenleute, wenn erstens Terry Jones kein evangelikaler Christ und vor allem der real existierende Islam zweitens nicht für eine gewisse Gewaltbereitschaft gefürchtet wäre?

Die brennende Bibel im TV hat mehr oder weniger die gleiche Motivation gehabt wie heute die von Terry Jones geplante Koran-Verbrennung, nur daß es dem HR m.E. um evangelikale Christen und deren "Bibelfundamentalismus" ging. Die Macher von damals könnten Terry Jones wohl gute Tipps geben.

Die brennenden Bibeln im Iran haben freilich unvergleichlich schwerer gequalmt, weil hier nicht nur Bibeln gebrannt haben, sondern Christen daran gehindert wurden, die Bibel lesen zu können. Hier wurde die freie und ungestörte Ausübung der Religion behindert - und im Westen stört es fast niemanden. Oder wer erinnert sich noch an die Bibel-Verbrennung, die schließlich erst vor drei Monaten im Westen bekannt wurden? Auch da haben sich aus Sicht gewisser Kreise wieder nur die "Hardliner des Herrn" empört. Als schlimmer muß schließlich die mit der Bibel-Verbrennung einhergehende Umweltverschmutzung gelten.

Was wäre nun also, wenn erstens der Islam nicht als gewaltbereit gefürchtet und Terry Jones zweitens nicht zu den evangelikalen Christen gerechnet würde? Nun, dann würden sich vermutlich, abgesehen vom Protest der Muslime, vor allem die "Hardliner des Herrn" zu Wort melden, die evangelikalen Christen (jedenfalls hoffe ich, daß sie wegen ihres Einsatzes für die Religionsfreiheit gegen eine Koran-Verbrennung protestieren würden). Ansonsten gäbe es keinen Aufschrei in Medien, Politik, Militär und Kirchen. Es wäre eine Randnotiz, mehr nicht.

Und damit zerplatzt hoffentlich das Selbstbild des Westens als ach so tolerant und am guten Zusammenleben interessiert. Toleranz heißt hierzulande Gleichgültigkeit, und wir sind nur empört, wenn Intoleranz Gewaltbereitschaft hervorzurufen droht.

 

Kommentare  

 
# Bibel-Verbrennung in AfghanistanMichael Molthagen 2010-09-10 07:50
Es sei der Vollständigkeit halber noch auf eine dritte Bibel-Verbrennung hingewiesen, über die hierzulande ebenfalls wenig bekannt geworden ist (allenfalls, um auf die angebliche Gefährung durch missionierende US-Soldaten hinzuweisen).

Um Protesten radikaler Muslime vorzubeugen, hatte das US-Militär vor einiger Zeit in Afghanistan etliche Bibeln in afghanischen Sprachen verbrannt, die US-Soldaten mit sich geführt hatten, um sie interessierten Afghanen zu überreichen, die Interesse an der Bibel äußern.
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# Koran-Verbrennung 2008Michael Molthagen 2010-09-15 09:09
Dank Jörg Lau bin ich darauf aufmerksam geworden, daß es 2008 schon einmal eine Koran-Verbrennung gegeben hat - die damals freilich niemanden auch nur die Bohne interessiert hat, obwohl sogar ein Video davon existiert.

Der Koran wurde damals in der "Westboro Baptist Church" verbrannt, jener 2-Familien-Mini-Gemeinde, die wie auch Terry Jones' DWOC keinem Kirchenbund angehört und sich vor allem durch ihre Homophobie hervortut.

Korrekterweise haben die Medien die Koran-Verbrennung damals also völlig ignoriert (obwohl die WBC sonst in den Medien durchaus häufig vorkommt, wenn es etwa um Justin Bieber, Lady Gaga oder eben Schwule und Lesben geht).

Das fehlende Interesse an dieser Koranverbrennun g ist freilich interessant...
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