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Der Antisemitismus von Dresden PDF Drucken E-Mail
Blog - Sonstiges
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Montag, den 23. November 2009 um 20:01 Uhr

Es ist immer ein Problem, über einen Vorfall zu schreiben, bei dem der oder die Täter von vornherein feststehen, es dann aber doch nicht die erwarteten Rechtsextremisten waren, sondern die "Guten". Darüber zu schreiben, führt leicht zu der Annahme, man wolle den Rechtsextremismus verharmlosen. 

Als am 7. November 2009 die Außenmauer der Dresdner Synagoge unter anderem mit einem spiegelverkehrten Hakenkreuz, einem Gleichheitszeichen und einem Davidsstern beschmiert wurden - eine Zusammenstellung, die allerdings nicht unbedingt für einen rechtsextremistischen Hintergrund der Tat spricht, weswegen wohl meist auch nur das Hakenkreuz erwähnt wurde -, standen für viele die Täter von vornherein fest: Unbekannte, wohl jugendliche Rechtsextremisten.

Islam.de, die Home Page des ZMD, etwa brachte den Vorfall mit Rassismus und der NPD in Verbindung - und mit dem Mord an Marwa al-Sherbini (ufuq.de/newsblog/596--el-sherbini-kommentare-zur-medienberichterstattung). 

Charlotte Knobloch vom Zentralrat der Juden spricht von latentem Antisemitismus in Deutschland (www.br-online.de/studio-franken/aktuelles-aus-franken/charlotte-knobloch-interview-2009-kw47-ID1258465752048.xml), womit sie allerdings Recht behalten soll - obwohl sie vermutlich eher an einen latenten Antisemitismus bei Deutschen dachte, etwa bei Rechtsextremisten: Knobloch zufolge zeigten die Schmiereien an der Synagoge, daß "Antisemitismus und Volksverhetzung in Deutschland nach wie vor ein ernst zu nehmendes Problem" seien; braunes Gedankengut sei "längst in alle Bereiche der Gesellschaft eingesickert" (www.stern.de/politik/deutschland/charlotte-knobloch-pogromnacht-darf-nicht-vergessen-werden-1520654.html). Der SWR zitiert Knobloch: "Deshalb sei es von besonderer Bedeutung, die junge Generation in ihrem Demokratiebewußtsein zu stärken - auch durch das Gedenken an die Vergangenheit" (www.swr.de/nachrichten/-/id=396/nid=396/did=5598692/19vds4i/). Ich schätze, in Deutschland kann nicht nur die "junge Generation" eine Stärkung ihres Demokratiebewußtseins vertragen. 

SZ-Online spricht im Zusammenhang mit der Aufstockung der "Soko Rex" (Sonderkommission Rechtsextremismus) von "Fremdenfeindlickeit" und "rechten Schmierereien an der Dresdner Synagoge" (www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=2312392). 

Der ZEIT-Blog "Störungsmelder" weist im Zusammenhang mit den Schmierereien auf "antisemitische und neonazistische Aktivitäten" hin und erwähnt und zeigt, wie viele andere Medien auch, nur das Hakenkreuz, läßt aber Gleichheitszeichen und Davidstern unkommentiert außer Acht (blog.zeit.de/stoerungsmelder/2009/11/11/antisemitische-und-neonazistische-aktivitaten-am-%E2%80%9Eder-tag-der-deutschen%E2%80%9C_1878).

Im Übrigen kann man fast schon dankbar sein, wenn in Bezug auf das Hakenkreuz von "unter anderem" geschrieben wurde (wie etwa hier: derstandard.at/1256744302100/Dresden-Einzeltaeter-beschmierte-Synagoge), wobei man sich fragen muß, wie man einen Davidstern im Zusammenhang mit einem Hakenkreuz als "unter anderem" verorten kann. Das hat schon eine gewisse Ironie, wenn man eines der wichtigsten Symbole Israels dem Symbol der Nazis auf diese Weise gleichstellt. Wobei "Ironie" vielleicht nicht ganz der korrekte Ausdruck ist, der einem latenten Philosemiten an dieser Stelle einfällt. 

Der Desdner Bischof Joachim Reinelt sprach im Zusammenhang mit der Tat von einem unglaublichen Frevel: "Es sei unfaßbar, wie feige, schändlich und verabscheuungswürdig (...) die Gefühle (...) besonders der jüdischen Mitbürger verletzt worden seien" (sic! - www.kathweb.at/content/site/nachrichten/database/29220.html). Man kann nur hoffen, daß der Bischof auch jetzt noch von Feigheit, Schändlichkeit und Verabschauungswürdigkeit spricht und seine Haltung zu diesem Verbrechen nicht ändert. 

Der MDR Sachsen spricht von "Nazi-Schmierereien". Die Dresdner Oberbürgermeisterin Helma Orosz habe dazu aufgerufen, "dem Anstieg rechtsextremistischer und fremdenfeindlicher Straftaten nicht tatenlos zu sehen" (sic). Eva Rietze vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde erklärte, die Gemeinde habe eine Anfeindung in dieser Schärfe noch nicht erlebt (www.mdr.de/sachsen/6842491.html). 

Für die Grünen im Sächsischen Landtag standen die Verursacher natürlich fest: "Offensichtlich" Neofaschisten (www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=2309409).

Die "Freie Presse" weist immerhin unter Berufung auf den Dresdner Verein Bürger.Courage darauf hin, daß vorschnelle Urteile über die möglichen Täter unangebracht wären (www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/REGIONALES/1621291.php).

Soweit nun also die vorschnellen Urteile, ehe der mutmaßliche Täter ermittelt werden konnte. Kein Jugendlicher, sondern 39 Jahre alt. Und natürlich können auch Menschen mit Migrationshintergrund Neonazis sein, Alex W., der rußland-deutsche Mörder von Marwa al-Sherbini, beweist dies. Allerdings paßt ein algerischer Staatsbürher nicht so recht in das Profil "Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit, Neofaschismus", aber es könnte sich natürlich um einen evangelikalen Missionar aus Algerien handeln, aber so richtig wahrscheinlich ist das wohl dann doch nicht.

Nicht daß ich jetzt falsch verstanden werde: Weder will ich den rechtsextremistischen Antisemitismus verharmlosen oder den Neonazis einen Gefallen tun, noch will ich allen Muslimen Antisemitismus vorwerfen. 

Mir geht es um etwas anderes: Das vorschnelle Urteil "Antisemitismus gleich Rechtsextremismus" geht nicht immer auf. Und dieses Schubladendenken ist in höchstem Maße gefährlich, es relativiert den Frevel des Judenhasses. Ich befürchte zudem, daß man jetzt, nachdem der mutmaßliche Täter ermittelt ist, gewaltige Anstrengungen unternehmen wird, um diesen antisemitischen Vorfall zu relativieren, weil er eben nicht von typischen Neonazis begangen wurde, sondern von einem Algerier. 

Man wird ziemlich schnell zu dem Schluß kommen, daß hier nur ein Mann seinem Entsetzen über die israelische Palästina-Politik Raum gegeben hat, die Tat sei an sich nicht antisemitisch, was ja auch die Verwendung von "Hakenkreuz gleich Davidstern" zeige. Dann habe das Hakenkreuz, das ja zudem spiegelverkehrt angebracht worden sei, mit den Nazis eigentlich nichts zu tun. Und so weiter und so fort. Letzten Endes wird der Eindruck bleiben, daß die Juden - Entschuldigung, die Israelis - selbst Schuld seien. So wie sie die Muslime in Palästina behandeln, muß es ja zu solchen Vorfällen kommen, wer will das verurteilen?

Ein kleiner Vorgeschmack: "Menschenverachtende Losungen und anti-israelische Parolen haben im Freistaat Sachsen nichts zu suchen", erklärte Sachsens Innenminister Markus Ulbig (www.lvz-online.de/aktuell/content/117650.html). Kein Wort mehr von Fremdenfeindlichkeit oder gar Antisemitismus. 

Der Zentralrat der Muslime, mit dem ich oben den Reigen der vorschnellen Verurteilungen eröffnet habe, hat sich bisher auf der Home Page Islam.de noch nicht zur Verhaftung des Algeriers geäußert - oder zum Thema "Antisemitismus unter Muslimen". 

Antisemitismus ist ein Problem, das tatsächlich in alle Bereiche der Gesellschaft eingesickert ist. Es gibt rechtsextremistische Antisemiten und linksextremistische, christliche und muslimische und aheistische, es gibt sie bei den Linken, bei den Grünen, in der SPD, in CDU/CSU und der FDP (und natürlich in der NPD), es gilt sie bei Alten und Jungen und auch denen, die mitten im Leben stehen. Manchmal tarnt sich der Antisemitismus als Anti-Israelismus oder Antizionismus, aber schon Dr. Martin Luther King Jr. hat zurecht darauf hingewiesen, daß Antizionismus nichts anderes als Antisemitismus ist. Ein Satz, den "Israel-Kritiker" meiner Erfahrung freilich nicht gerne hören ("sollte er wirklich gesagt haben..?"), der aber bis heute seine Gültigkeit nicht eingebüßt hat.

Wer bei antisemitischen Vorfällen wie der Schmiererei von Dresden vorschnell die Schublade "Rechtsextremismus" aufzieht, verharmlost damit den Antisemitismus in all den anderen Bereichen unserer insgesamt latent judenfeindlichen Gesellschaft. Wer nun, da der mutmaßliche Täter ermittelt ist, nicht länger von "Antisemitismus" spricht, sondern von "anti-israelischen Parolen", relativiert den Antisemitismus jenseits des Rechtsextremismus, nutzt damit vor allem dem Antisemitismus.

Wie war das doch gleich: Eva Rietze vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde hatte doch gesagt, die Gemeinde habe eine Anfeindung in dieser Schärfe noch nicht erlebt. Als sie das sagte, galt noch das vorschnelle Urteil "Rechtsextremismus". Hat die Anfeindung nun, da dieses Urteil wohl zurückgenommen werden muß, an Schärfe verloren? Was bestimmt die Schärfe einer Anfeindung - die Tat oder der Täter? Ist die Schärfe einer Anfeindung abhängig von der Gesinnung der Täter und um so schärfer, je weiter der Täter im Rechtsextremismus verortet werden muß und um so weniger scharf, wenn der Täter nicht im Verdacht steht, eine rechtsextremistische Gesinnung zu haben?

Zum Schluß noch ein Verweis auf den Rechtsextremismus. Natürlich haben es sich Neonazis nicht nehmen lassen, die Tat für ihren üblen Antisemitismus zu instrumentalisieren, indem sie in Gestalt der NPD von einem "Protest gegen die jahrzehntelange Unterdrückung des Palästinenservolkes durch den Zionistenstaat" spricht (endstation-rechts.de/index.php?option=com_k2&view=item&id=4057:tatverd%C3%A4chtiger-im-fall-dresdner-synagoge-ermittelt&Itemid=584). Und damit hat die antisemitische Schmiererei von Dresden endlich auch ihren rechtsextremistischen Stempel bekommen - den vermutlich aber auch manch ein Linksextremist und manch ein Islamist wird akzeptieren können, eben viele Menschen in allen Bereichen einer Gesellschaft, die latent antisemitisch ist, weit über den Rechtsextremismus hinaus. 

Wer die Schmierereien an der Synagoge von Dresden mit Israel in Verbindung bringt, in welcher Form auch immer, beweist damit nur, daß er zwischen "den Juden" und Israel nicht unterscheidet, daß also auch hinter dem "harmlosen Antizionisten" ein lupenreiner Antisemit steckt.

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 26. Februar 2010 um 18:02 Uhr
 

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