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Gedanken zum Mordfall Marwa al-Sherbini PDF Drucken E-Mail
Blog - Sonstiges
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Donnerstag, den 12. November 2009 um 12:37 Uhr

Nun ist der Prozeß also vorbei - Alex W., der Mörder von Marwa al-Sherbini wurde unter großer Anteilnahme einer weltweiten Öffentlichkeit zur Höchststrafe verurteilt, lebenslänglich ohne die Möglichkeit, daß eine Begnadigung schon nach 15 Jahren geprüft werden kann.

Daß hier nicht auf Totschlag, sondern auf Mord erkannt, die besondere Schwere der Schuld festgestellt und das vom Gesetz vorgegebene Höchstmaß ausgeschöpft wurde, ist zu begrüßen. Dieses Urteil entspricht den Tatumständen und der Schwere der Tat.

Manch einer wird sich fragen, ob im umgekehrten Fall - ein muslimischer Deutschägypter ermordet eine deutsche Christin aus "deutsch- und christenfeindlichen Motiven" - ein vergleichbares Urteil gefällt worden wäre. Eine solche "was wäre, wenn"-Frage führt aber freilich nicht weiter.

Man wird sich aber mit der islamischen Forderung sowohl nach einer harten Strafe für Alex W. als auch einem radikalen Vorgehen gegen "Islam-Kritik" beschäftigen müssen - und vor allem mit der Instrumentalisierung des Mordes an Marwa al-Sherbini duch Muslime in Deutschland, Ägypten und anderswo.

Es war der ägyptische Botschafter in Deutschland, Ramzy Ezzeldin Ramzy, der sich sehr zufrieden über das Urteil äußerte: Man habe die Höchststrafe gefordert und die Höchststrafe bekommen, erklärte er nach der Urteilsverkündung. Es ist gewiß nicht die Sache eines ägyptischen Botschafters oder auch eines muslimischen Verbandes, eine Strafe zu fordern. Und auch das "Bekommen" ist kein Wort, das mich unberührt läßt. Im besten Falle eine sehr unglückliche Äußerung des Botschafters, im schlimmsten Fall eine Unverschämtheit und alles andere als gut für das Verhältnis zwischen Ägypten und Deutschland.

Wohlgemerkt, als Deutscher begrüße ich das Urteil gegen Alex W. Jedes andere Urteil wäre für Deutschland eine Unmöglichkeit, im Namen des Volkes mußte so und nicht anders geurteilt werden.

Dennoch bleibt ein bitterer Nachgeschmack - nicht wegen der Tat und des Urteils, sondern wegen des Verhaltens vieler Muslime in diesem Zusammenhang. Da wirft man den Deutschen weithin "Islamophobie" vor, da protestiert man vor dem Gerichtsgebäude, um die "geforderte" Höchststrafe zu "bekommen", was trotz aller gegenteiligen Beteuerungen den Geschmack der Einflußnahme aufweist - da sieht man ganz deutlich den Splitter im Auge der Deutschen, doch den Balken im eigenen Auge will man nicht sehen. Wäre ich Ägypter und/oder Muslim, wäre ich sehr viel stiller gewesen; denn sowohl das Ägyptische als das Muslimische sitzt hier im Glashaus und sollte besser nicht anfangen, die Deutschen zu "steinigen". 

Es ist freilich nicht so, daß es in Deutschland keine Islamophobie geben würde, keine Ausländerfeindlichkeit, keine Feindlichkeit, die sich gerade gegen muslimische Frauen mit oder ohne Kopftuch oder gar Gesichtsschleier richtet. Nein, der Hinweis auf gewisse Probleme hier in Deutschland ist gerechtfertigt. Und nachdem so mancher "Ehrenmord" an einer muslimischen Frau zu einer doch sehr geringen Strafe geführt hat, war schon ein gewisser Argwohn angebracht, ob das Gericht nicht auch hier sehr milde urteilen würde - in manchen Fällen urteilen deutsche Gerichte für das Empfinden nicht nur des Volkes, in dessen Namen die Urteile gesprochen werden, zu milde. Gerade Taten, denen muslimische Frauen zum Opfer fallen - bis hin zu den "Ehrenmorden" - sind hier zu nennen. Die deutsche Justiz ist mit Sicherheit auf einem Auge etwas fehlsichtig, manchmal sogar fast blind, je nach Täter und Tätergesinnung und Opfer und Opferstatus. Es mag gute Gründe geben, im Falle eines "Ehrenmordes" milder zu urteilen als im Falle eines Verbrechens mit ausländerfeindlichem Hintergrund, auch wenn das Opfer in beiden Fällen eine muslimische, Kopftuch tragende Frau ist - ein bitterer Nachgeschmack bleibt aber trotzdem.

Halten wir also fest: In Deutschland steht nicht alles zum Besten, wenn es um Ausländer, Muslime, Kopftuch oder Schleier tragende Frauen geht. Dabei spielt es keine Rolle, daß die Täter nicht immer nur (Rußland-) Deutsche sind, ja, daß "Islamophobie" nicht immer nur von Deutschen ausgeht. Gerade weil bei uns nicht alles zum Besten steht, ist die Höchststrafe für einen Täter wie Alex W. notwendig.

Doch zugleich darf man nicht vergessen, daß nach Aussagen von Fachleuten jedes Jahr in Deutschland etwa fünf Muslime ermordet werden, ehemalige Muslime, die zum christlichen Glauben konvertiert sind. Tausende von Ex-Muslimen werden benachteiligt, diskriminiert, verfolgt - mitten in Deutschland, wo es für Muslime gefährlich ist, den Islam zu verlassen, sich einer anderen Religion zuzuwenden. Der richtige Ausdruck hierfür ist "Apostophobie" - und die wiederum geht mit einer regelrechten "Missiophobie" einher, einer gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit gegen christliche Missionare, die nur ihr Recht auf Religionsfreiheit wahrnehmen. Zwei deutsche Bibelschülerinnen, die nach allem, was wir wissen, gar nicht missioniert - im Sinne von "überzeugen wollen" - haben, wurden in diesem Jahr im Jemen ermordet. Überhaupt sind die Christen in vielen islamischen Ländern Opfer einer schweren Christenverfolgung, auch in Ägypten, das in der Liste derjenigen Länder, in denen Christen wegen ihres Glaubens verfolgt werden, an 21. Stelle steht. Von den 20 Ländern, die den Index vor Ägypten anführen, sind 14 islamisch geprägt, vor allem Saudi-Arabien, der Iran und Afghanistan. In zahlreichen islamischen Ländern werden Christen wegen ihres Glaubens zu Hunderttausenden benachteiligt, diskriminiert und verfolgt und jedes Jahr zu Hunderten ermordet. 

Das freilich betrifft weder den Islam an und für sich, noch kann es eine Entschuldigung für die Tat des Alex W. oder irgend eines anderen Verbrechens gegen Muslime sein, es darf auch nicht zu milderen Strafen führen. Die "Täterseite" ist hiervon nicht betroffen, und auch Marwa al-Sherbini hatte mit Sicherheit nichts mit der Christenverfolgung etwa in Ägypten zu tun. Keine Entschuldigung also für ausländer- oder islamfeindliche Täter, keine Relativierung des Leidens der muslimischen Opfer von Männern und Frauen wie Alex W., kein Alibi für "Politically Incorrect", "Akte Islam", "Pax Europa", "Pro Köln" und wie diese rassistischen, islamophoben und zum Teil rechtsextremistischen Organisationen alle heißen, die mit Alex W. auf der Anklagebank saßen - leider nur im übertragenen Sinn.

Und doch wirft es einen Schatten auf die Proteste der Muslime in Deutschland und darüber hinaus, vor allem in Ägypten, wo die Christen seit langem nur Bürger zweiter Klasse sind, wo viele Christen - Kopten, Katholiken, Protestanten, Evangelikale - ermordet und die muslimischen Täter oftmals, wenn überhaupt, extrem milde bestraft wurden.

All das Schweigen zur Christenverfolgung in den Ländern der islamischen Welt, all das Schweigen zu den Morden an Christen - nicht nur an Christen aus Deutschland wie jüngst in der Türkei und im Jemen - es ist um so beredter, seitdem die islamische Welt so lautstark Anteil nimmt am Mordprozeß gegen Alex W. 

Doch auch das Schweigen zu den zahlreichen "Ehrenmorden" oder auch nur Diskriminierungen muslimischer Frauen, die nur nach ihren eigenen Vorstellungen leben wollten, spricht Bände.

Das Entsetzen der Muslime in Deutschland, in Ägypten und darüber hinaus, das nach dem Mord an Marwa al-Sherbini einsetzte und den Prozeß gegen Alex W. begleitet, ist verständlich - doch die damit verbundene Doppelmoral verhöhnt das Opfer von Dresden, weil sie in einer Weise instrumentalisiert wird, die erschreckend ist. 

Marwa al-Sherbini ist nicht nur ein Opfer des ausländerfeindlichen Rußlanddeutschen Alex W., sondern auch der Doppelmoral vieler Muslime. Sie ist nicht nur ein Opfer der Ausländerfeindlichkeit in Deutschland, sondern steht wegen dieser Doppelmoral derer, die ihren Tod instrumentalisieren, in einer Reihe mit den Opfern von Ehrenmorden, von Christenverfolgungen usw.

Ich habe schon früher gesagt, daß der Mord an Marwa al-Sherbini auch ein "Ehrenmord" ist - und ich stehe weiterhin zu dieser Aussage, auch wenn das Gericht sich wohl nicht in dieser Weise geäußert hat. Für mich ist Alex W. Teil einer der islamischen Welt hierin nicht unähnlichen "Schamkultur" mit einem vom deutschen Wertekanon abweichenden Verständnis von "Ehre", die er durch Marwa al-Sherbini mehrfach verletzt gesehen hat - sowohl durch ihre bloße Existent als Ausländerin und Muslima, durch ihr Auftreten auf jenem Kinderspielplatz als auch durch ihre Anzeige gegen ihn - und die er nur durch einen Mord wieder herstellen zu können glaubte. So wenig dieses krude "Ehrverständnis" die Tat des Alex W. entschuldigen kann, ist dies in irgend einem "Ehrenmord" angebracht. 

Zuletzt bleibt nun also die Erleichterung, daß der Mord an Marwa al-Sherbini angemessen bestraft werden wird - aber auch der Schatten, daß die Doppelmoral vieler Muslime (etwa in der Gestalt des ägyptischen Botschafters) und die Instrumentalisierung und Politisierung der Tat das Andenken dieser jungen (werdenden) Mutter und Ehefrau in den Schmutz zieht.

Es wäre besser gewesen, man hätte angesichts nicht der Taten einer Minderheit radikaler Muslime, sondern angesichts des Schweigens der weltweiten muslimischen Mehrheit hierzu Zurückhaltung geübt und den Deutschen keine schwerewiegenden Vorwürfe gemacht und den Prozeß nicht mit einer solch extremen Selbstgerechtigkeit und unverhohlenen Ausnutzung der Opferrolle begleitet. 

Man kann nicht einerseits die Taten radikaler Muslime als "Einzelfälle" darstellen, aber andererseits die Tat des Alex W. nicht als einen solchen sehen. Ein solches Ungleichgewicht belastet das Verhältnis zwischen den Deutschen und den Muslimen sowohl im Lande als auch darüber hinaus mehr als so manch andere Unstimmigkeit.

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 26. Februar 2010 um 18:08 Uhr
 

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