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Muslime und Integration PDF Drucken E-Mail
Blog - Sonstiges
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Sonntag, den 02. August 2009 um 15:09 Uhr

Allen Unkenrufen zum Trotz halte ich die Deutschen für ein Volk, das beim Integrieren von Zugewanderten hervorragende Arbeit leistet, trotz politischer und auch kirchlicher Versäumnisse.  

Integration, das bedeutet natürlich nicht Assimilation: Daß alle Migranten innerlich und äußerlich "deutsch" werden. Integration bedeutet etwa in bezug auf Migranten muslimischen Hintergrundes nicht, daß sie ihre Religion wechseln, daß die Frauen Köpftücher oder wenigstens den Schleier ablegen, daß man auf den Bau von Moscheen verzichtet, daß man die Religion nicht in der Öffentlichkeit, sondern nur im "Stillen Kämmerlein" praktiziert. Integration bedeutet, daß man die Externer Link freiheitlich-demokratische Grundordnung anerkennt, das Gewaltmonopol des Staates akzeptiert und sich zur multikulturellen Gesellschaft bekennt - einschließlich des Rechtes auf Religionswechsel und Toleranz gegenüber Menschen, deren Lebensweise von der Religion, den Sitten und Gebräuchen des "islamischen Weges"  abweicht. 

Integration erfordert:

  • Erwerb sprachlicher Fähigkeiten
  • Kenntnis der Freiheitlich-demokratischen Grundordnung sowie des staatlichen Gewaltmonopoles und Zustimmung
  • Kenntnis über soziale Regeln der Mehrheitsgesellschaft und Zustimmung
  • Kenntnis der Kultur der Mehrheitsgesellschaft, Zustimmung und Teilnahme
  • Billigung des sozialen Umgangs auch von Frauen und Kindern mit entsprechenden Personen aus der Mehrheitsgesellschaft, auch mit Nichtangehörigen der eigenen Religion
  • Billigung der Co-Edukation (Gemischte Erziehung und Ausbildung von Mädchen und Jungen)
  • Toleranz gegenüber anderen Weltanschauungen (keine Vorurteile, keine Diskriminierungen, kein ethnischer/kultureller/religiöser... Rassismus)
  • Zugehörigkeitsgefühl zur Mehrheitsgesellschaft

Wo dieser Erfordernisse abgelehnt werden, kann von einer Integration keine Rede sein. 

Integration ist natürlich keine Einbahnstraße, sie stellt nicht nur Forderungen an die Migranten, sondern auch an die Mehrheitsgesellschaft. Zur Mehrheitsgesellschaft zugehörige Christen haben eine besondere Verantwortung in diesem Bereich - nicht nur auf offizieller Ebene (Dialog mit Migranten, Anwälte der Migranten...) sondern vor allem auch auf privater Ebene (Freundschaften). Das Bemühen der Christen um die Integration von Migranten darf dabei nicht für die Evangelisation instrumentalisiert werden.

Die sogenannte "Xenophobia" betrifft nur eine Minderheit der Deutschen (meist am "rechten" Rand), eine andere Minderheit weist Anzeichen einer "Xenophilia" auf, einer Vorliebe für alles Exotische, die zum Teil mit einer Abwertung alles "Deutschen" einhergeht (meist am "linken" Rand: "Laßt uns nicht mit den Deutschen allein"). Beides ist problematisch, aber eben nur bei jeweils einer randständigen Minderheit anzutreffen.

Seit 1945 haben die Deutschen größtenteils erfolgreich viele Millionen Migranten integriert, und auch viele der Menschen, die in den letzten Jahren eingewandert sind, wurden problemlos integriert.

Das ist freilich nicht nur den Deutschen als Verdienst anzurechnen - viele Millionen Migranten haben sich integriert, zum Teil gegen manche Widerstände, die ihnen nicht nur von Deutschen entgegengebracht wurden. Der Verdienst von Migranten, die sich Widerständen aus der eigenen Herkunfts-Community zum Trotz integriert haben, kann gar nicht hoch genug bewertet werden.

Gerade auch die Bemühungen, muslimische Migranten zu integrieren, sind beachtlich, wenn man die Auswirkungen des "real existierenden Islam" in Form von Christenverfolgung, Terrorismus, Steinigung von "Ehebrecherinnen", Folter und Ermordnung von Homosexuellen, Integrationsverweigerungen usw. usf. wie auch in Form des  Umgangs der islamischen Verbände mit diesen Vorkommnissen - "Einzelfälle, die nichts mit dem Islam zu tun haben, der Westen und die Christen sind auch nicht besser" - auf die Moral der Mehrheitsgesellschaft bedenkt. Die Deutschen kommen gerade den muslimischen Migranten sehr weit entgegen und sind zu weit mehr Zugeständnissen bereit als bei anderen Migrantengruppen. 

Auch hier gilt: Migranten mit muslimischem Hintergrund, die sich Widerständen aus der eigenen Community zum Trotz und auch gegen so manchen Widerstand, der ihnen von Deutschen entgegengebracht wurde, integriert haben, gehören zur Elite unserer Gesellschaft. Leider werden sie oft von allen Seiten eher abwertend behandelt: Sie haben ihre Herkunft verraten, sie haben sich aus der für die "Xenophilen" so wichtigen Opfer-Rolle befreit, sie leben nicht so, wie der "typische Migrant" es nach Meinung zu vieler Personen tun sollte. Für alle Vorkommnisse im "real existierenden Islam" müssen sie sich rechtfertigen. Es reicht nicht, daß sie sich einmal integriert haben - sie müssen sich immer wieder integrieren, ihre Integration immer und immer wieder unter Beweis stellen - das gilt sogar für Christen mit islamischem Hintergrund. 

Die Integrationsleistung in Deutschland jedenfalls ist auf beiden Seiten, auch im internationalen Vergleich, beachtlich. Viele Millionen Menschen wurden in den vergangenen fast 65 Jahren erfolgreich integriert - aber eben nicht alle, die zu uns kamen, konnten integriert werden, und eine Gruppe von Zuwanderern, bei denen die Integration stockt, und das teils mehr in der zweiten und dritten Generation denn in der ersten, sind die Migranten muslimischen Hintergrundes. Zwar sind viele Migranten mit muslimischem Hintergrund integriert - aber nirgendwo sonst gibt es so viele schwerwiegende Probleme, die auf besondere Probleme im Integrationsprozeß schließen lassen - bis hin zum gewaltbereiten islamischen Extremismus, der längst auch in Deutschland eine Heimat gefunden hat, sowohl bei Migranten mit muslimischem Hintergrund wie auch bei Konvertiten zum Islam, die - nicht selten mit einem links- oder rechtsextremen Hintergrund - oftmals von extremistischen Muslimen "missioniert" worden sind.

Was läuft hier schief?

Das erste Problem besteht darin, daß die Deutschen sich mit Regeln schwer tun. Regeln sind aber für eine erfolgreiche Integration erforderlich.

Das deutsche Verhältnis zu Regeln ist zwiegespalten. Wie Deutschen sind sowohl ein traditionell ordnungsliebendes und auch nach Uniformität strebendes Volk, andererseits stehen wir - gerade geprägt von Seiten der "Linken" - Regeln eher ablehnend gegenüber.

Als ordnungsliebendes Volk erwarten wir, daß man sich an bestimmte Regeln hält. Eine Regel besteht etwa darin, daß Religion nicht in die Öffentlichkeit gehört, sondern in's "Stille Kämmerlein". Aus dem bekommt die Religion in Gestalt der Volkskirchen nur zu genau festgelegten Anlässen Ausgang: Volkstümliche Prozessionen etwa oder buntschillernde Feste, bei denen die Religion einen folkloristischen Beitrag liefern darf, der freilich nicht etwa "missionarisch" ausfallen oder nichtkirchliche Teile der Bevölkerung benachteiligen darf.

Seit den "68ern" freilich und dank der "Linken" - vor allem in Politik, Medien und Kirchen - hat der Umgang mit Regeln eine neue Bedeutung erfahren: Regeln sind nur dann gut, wenn sie dazu dienen, Übeltäter in ihre Schranken zu weisen. Man braucht sie für den "Kampf gegen rechts", aber auch, um mißliebige Christen - vor allem Evangelikale und konservative Katholiken - zurechtzuweisen. Die Regel "Religion gehört in's 'Stille Kämmerlein'" kommt vielen "Linken" gar nicht so ungelegen und hat darum auch in diesen Kreisen überlebt. Darüber hinaus aber werden Regeln als Werkzeug der Unterdrückung gesehen und also abgelehnt. Wer Regeln unterworfen ist, der ist ein "Opfer", und er muß von diesen Regeln befreit werden. Die "Linke" hat sich den Kampf gegen unterdrückerische Regeln auf die Fahnen geschrieben. In Bezug auf so manche Regel ist das auch zu begrüßen. Nur leider geht es dabei nicht immer um die jeweiligen Opfer, sondern oft genug darum, was im Kampf gegen die "Feinde" instrumentalisiert werden kann.

Und so fordern nun die einen - die "Rechten" - verbindliche Regeln für die Migranten, und die anderen - die "Linken" - bekämpfen diese Forderung nachdrücklich. Der Leidtragende in diesem Fall ist der Migrant. Die für die Integration erforderlichen Regeln gelten als "rechts", und die "Linken" haben es sich zur Aufgabe gemacht, diese Regeln abzuschaffen (samt allem, was nach Uniformität riecht). Nur wer sich von allein an gewisse Regeln des Zusammenlebens hält, die ihm seine Kultur vorschreiben, hat hier eine Chance auf Integration. Die anderen werden allein gelassen, man erwartet von ihnen, daß sie alleine herausfinden, was von ihnen erwartet wird. Daß man sie dabei oft genug im Glauben läßt, sie könnten ihre Kultur, Tradition und Religion ganz genau so leben wie in ihrer Heimat, dabei aber freilich immer ein falsches Bild eben dieser Realitäten vor Augen - gefiltert durch eine christlich-humanisatisch gefärbte Brille - hat, ist mehr als verhängnisvoll.

Statt Regeln für die Integration aufzustellen, bombardieren gerade die "Linken" die der "Xenophobia" und "Islamophobia" verdächtige, weil latent "rechte" Mehrheitsgesellschaft mit Regeln für eine erfolgreiche Integration: Du sollst den Migranten bzw. den Muslimen keine Regeln für die Integration geben! Du sollst keine Muhammad-Karikaturen zeichnen! Du sollst keine Witze über den Islam machen! Du sollst die Muslime nicht provozieren! Du sollst den Islam nicht kritisieren! Du sollst die Schuld für Mängel in der Integration nicht bei den Muslimen suchen! Du sollst nichts Negatives über den Islam äußern! Du sollst eine Quote neutraler bzw. positiver Berichterstattung über den Islam einhalten! Das Heer an Regeln, die angeblich einer erfolgreichen Integration diesen sollen, ist geradezu unüberschaubar, und die Zahl steigt fortlaufend an - doch Regeln, an die sich die Migranten halten können, fehlen. Dies wird dann auch früher oder später zu Frustrationen bei der Mehrheitsgesellschaft führen, die sich ungerecht behandelt fühlt.

Das zweite Problem besteht darin, daß wir glauben, Integration ist ein Selbstläufer, geschieht ganz automatisch. Wer hier lebt, der paßt sich früher oder später von selbst unseren Werten an (auch ohne daß man ihm irgend welche Regeln zur Orientierung gibt). Mit Entgegenkommen (böse Zungen sprechen von "Appeasement" oder "Dhimmitude") kann man den Integrationsprozeß fördern; wenn dabei desintegrative Nischen entstehen, so ist das ein vorübergehender Zustand, der sich von selbst beheben wird, das müssen wir aushalten.

Wir sind sehr von unserer Gesellschaft überzeugt - und davon, daß jeder, der zu uns kommt, früher oder später ihre Vorzüge erkennt und sich integriert. Wir glauben an das Gute im Menschen, auch an seinen Willen zur Integration - vor allem, wenn es um die Integration in eine so wertvolle Gemeinschaft wie der unseren geht. 

Aber wenn ich es richtig sehe, dann ist die Integration von Zuwanderern kein Selbstläufer - außer in den Fällen, wo Integration ohnehin einen hohen kulturellen Stellenwert besitzt, wo sie eine Frage der Ehre ist. Nur weil Nenschen aus Nord, Ost, Süd und West zu uns nach Europa, nach Deutschkland kommen, integrieren sie sich nicht automatisch früher oder später. Der Muslim aus der Türkei oder aus arabischen Ländern wird nicht von selbst ein Euro-Muslim, es gibt keine latente Sehnsucht nach einer uns genehmen "Reformation" des Islam, die von selbst Aufklärung und Humanismus hervorbringen würde (es ist ohnehin problematisch, daß wir im Westen zu wissen glauben, was der "wahre" Islam sei und wir dafür den richtigen Rahmen bieten könnten - das geht gewaltig in Richtung Religionsrassismus, wenn wir uns hier eine Deutungshoheit anmaßen).

Nicht der Ausländer, nicht der Muslim ist zur automatischen Integration unfähig - es ist eine allgemein menschliche Eigenart, daß wir in einer unüberschaubaren und/oder fremden Gruppe eher zur Desintegration neigen. Durch Kultur kann man diese Eigenart verstärken oder abschwächen, aber je nach der Situation, in der sich ein Mensch befindet, der etwa in ein anderes Land wandert oder im eigenem Land zu einer ethnischen, religiösen, kulturellen, politischen... Minderheit gehört, prägt diese Eigenart unsere Lebensweise. Statt uns in die große Masse zu integrieren, suchen wir die Geborgenheit und die Sicherheit einer kleineren Gruppe, der wir uneingeschränkt Vertrauen entgegenbringen können. Im Laufe der Evolution hat sich diese Strategie als die sicherste erwiesen - nur der eigene Clan bietet mir wirklich Schutz, nur der Clan, der die gleichen Werte und Überzeugungen teilt. Von Natur aus integriert sich der Mensch also nur in den eigenen Clan, die eigene Sippe, die eigene Wertegemeinschaft. Und die muß gegen alle tatsächlichen oder vermeintlichen Angriffe verteidigt werden - und das beginnt mit der Desintegration von allen Clans, die als feindlich gesonnen eingestuft werden. An diesem Punkt blühen dann Paranoia ("die Deutschen sind islamophob"), Verschwörungsglauben, Verschwörungstheorien - und auch Extremismus. An diesem Punkt stehen wir heute bei der Integration vieler Muslime. Was wir verharmlosend als "Parallelgesellschaft" bezeichnen, ist in Wirklichkeit das Nebeneinander von verschiedenen Gesellschaften, von denen sich wenigstens eine nur darum bemüht, die eigenen Werte und Überzeugungen politischer und religiöser Natur um jeden Preis festzuschreiben und gegen jede Veränderung zu schützen. Man fordert Entgegenkommen und Toleranz, man beklagt die eigene "Opferrolle", einen "Zwang zur Assimilation" und fehlende Toleranz, und jedes Vorkommnis, das sich auch nur halbwegs dafür anbietet, wird benutzt, um die Gegenseite massiv unter Druck zu setzen - zuletzt wurde so der schreckliche Mord an Marwa al-Sherbini im Landgericht Dresden instrumentalisiert.

Noch einmal: Das ist kein speziell islamisches Problem. Es hat nichts mit "dem Islam" oder mit "den Muslimen" zu tun. Es ist unser aller Natur. Der Deutsche selbst neigt im Ausland ebenfalls zur Desintegration (und oft genug auch hierzulande, wenn er sich als "Minderheit" fühlt, etwa von einer "Islamisierung" seiner Umgebung bedroht). Oft genug aber verbinden sich diese menschliche Eigenart und die kulturelle, politische und/oder religiöse Prägung zu einer gefährlichen Mischung, die jede Hoffnung auf erfolgreiche Integration zunichte machen.

Wo es Muslimen hierzulande nicht gelingt, sich in die Gesellschaft zu integrieren, da sind sie nicht als "Täter" zu betrachten, sondern eher als Opfer. Es ist nicht der Vorsatz oder auch nur die Fahrlässigkeit der muslimischen Migranten, sondern die "real existierende islamisch-orientalische Kultur", die dazu führt, daß man zwar körperlich in Deutschland lebt, aber vom Gefühl her im orientalischen Dorf, das Schutz und Sicherheit und Geborgenheit verspricht. Um sich herum baut man dieses "Dorf" auf, mit allem, was dazu gehört. Dieses "Dorf" verläßt man weder noch öffnet man es für andere; man trägt es immerzu mit sich herum. Gerade das Kopftuch oder der Schleier muslimischer Frauen symbolisiert häufig genug das "Dorf".

Diese Kultur, dieses "Dorf im Kopf" durch "Appeasement" und falsche Rücksichtnahme zu stärken ist die eigentliche Tat wider die erfolgreiche Integration und zu Lasten der Migranten, es führt in die Desintegration. Das bedeutet nun natürlich nicht, daß wir das Tragen von Kopftüchern oder Schleiern, den Bau von Moscheen usw. usf. verhindern - nicht nur wegen der vom Grundgesetz garantierten Religionsfreiheit, sondern auch, weil wir damit die Desintegration nur fördern würden. 

Das dritte Problem ist, daß, obwohl es auf der Hand liegen sollte, daß es kein Patentrezept für die Integration von Migranten geben kann, der zu integrierende Migrant immer mehr auf den religiösen Muslim reduziert wird, ein "edler Wilder" (der direkt aus einem Karl-May-Roman stammen könnte), der, wenn man ihm nur gegenügend entgegenkommt und ihm die Vorteile unserer aufgeklärt-humanistischen Gesellschaft aufzeigt, sich von selbst integriert - eine Art Hadschi Halef Omar. Wer kein religiöser Muslim ist, hat eher schlechte Karten, ist auch weniger "edel", dafür etwas "wilder". So gerät die Integrationsdebatte immer mehr in eine Schieflage. Um jeden Preis wollen wir die selbstablaufende Integration des Muslimen, dem wir also in nahezu jedem Punkt entgegenkommen, worin unsere Integrationspolitik hauptsächlich besteht. Erfolgreiche Integrationspolitik erfordert aber, daß man nicht alle Migranten über einen Kamm schert, sondern daß differenziert wird. Die Integration der rußlanddeutschen Spätaussiedler stellt andere Anforderungen an die zu Integrierenden und an die Mehrheitsgesellschaft als die Integration eines türkischen, arabischen, iranischen oder pakistanischen Migranten mit muslimischem Hintergrund, und wer das nicht berücksichtigt, bekommt keine Integration, sondern Desintegration. Daß dabei vor allem solche Migranten desintegrieren, auf die fast alle Integrationsbemühungen abzielen, religiöse muslimische Männer, zeigt das Chaos unserer Integrationspolitik. 

Als Christen können wir es uns nicht leisten, ein wie auch immer geartetes Pauschalurteil über Migranten mit muslimischem Hintergrund zu pflegen. Jeder von ihnen hat ein Anrecht, als Individuum behandelt zu werden - frei von Vorurteilen und Verdächtigungen. Das gilt auch bei "Fundamentsliaten", also Muslimen mit Bart oder Muslimas mit Schleier. Das einzige Vorurteil, das wir uns erlauben können: Jeder Muslim ist ein von Gott geliebter Mensch, den zu lieben und dessen Lasten mitzutragen wir aufgefordert sind. Gerade die Nächstenliebe und das Mittragen seiner Lasten muß dahin führen, daß wir differenzieren.

Das vierte Problem ist, daß bei weitem nicht alle Muslime, die nach Deutschland gekommen sind, die hier in zweiter oder dritter Generation leben oder die noch kommen werden, dieses Land als so zivilisiert betrachten, wie wir selbst es tun, unsere Werte als so erstrebenswert. Wir halten unsere Gesellschaft ja für besonders fortschrittlich, schließlich haben wir ja die Aufklärung hinter uns, stehen auf dem Fundament des Humanismus, wir glauben, daß jeder von selbst danach strebt, Teil dieser aufgeklärt-humanistischen Gesellschaft zu werden. Wir glauben, daß es den religiösen Muslimen reicht, die Religion im "Stillen Kämmerlein" zu praktizieren und in der Öffentlichkeit den Humanismus. Wir glauben, daß jeder Mensch, der die Vorzüge einer "Schuldkultur" mit ihrem System von individuellen Rechten und Pflichten kennengelernt hat, einer orientalischen "Schamkultur" im Allgemeinen und ihrer muslimischen Variante im Besonderen vorziehen wird. Für viele Muslime trifft all dies aber nicht zu. Das mag zum Teil daran liegen, daß sie vielfach nur eine Karikatur unserer Gesellschaft kennenlernen, aber es liegt auch daran, daß in unserer Gesellschaft tatsächlich nicht alles zum Besten steht - zumindest nicht aus Sicht muslimischer Migranten. 

An dieser Stelle sind meines Erachtens gerade die Christen aufgefordert, durch ihr Vorbild freundschaftlich Werbung für unsere Werte, für unsere Kultur zu machen. Dabei dürfen wir aber nicht zu einer "frommdeutschen Karikatur" verkommen.

Das fünfte Problem ist, daß sich bei weitem nicht jeder Muslim, der in dieses Land kommt, auch integrieren will. Es gibt Muslime, die mit dem Willen zur eigenen Desintegration und mit der Bereitschaft zur entsprechenden Mission wider die Integration in dieses Land kommen. "Integration ist Assimilation!" predigen sie, "Integration ist Verrat am Islam!" Für sie ist Integration ein Ausdruck von "Islamophobia". Mit noch so viel Entgegenkommen kann man diese Extremisten nicht vom Wert der Integration überzeugen, auch nicht, wenn man sie Moscheen bauen läßt, ihnen den Religionsunterricht an öffentlichen Schulen gestattet usw. 

Auch hier brauchen wir meines Erachtens christliche Vorbilder - weniger um diese "Missionare" der Desintegration zu überzeugen, sondern um ihre Zuhörer mit einem Gegenbeispiel auszustatten. Es kann nicht angehen, daß sich Christen aus der Öffentlichkeit in ihre "Kuschelclubs der Erretteten" zurückziehen - es ist erschreckend, daß es immer noch viele Muslime in diesem Land gibt, die nie einem gläubigen Christen, der das Evangelium und das Gesetz Christi ernst nimmt, begegnet sind. 

Das sechste Problem ist, daß gerade Muslime das in unserer christlich geprägten Kultur so wichtige Element des Entgegenkommens, den hohen Wert der Großzügigkeit, die Bedeutung des Beschwichtigens oftmals falsch verstehen. Wir wollen damit Frieden stiften, viele Muslime aber verstehen es als eine Geste der Unterwerfung, als Zeichen von Schwäche. Damit erscheint ihnen unsere Gesellschaft nicht gerade als bevorzugtes Ziel der Integration. Es gelingt uns oft nicht, unsere Beweggründe für Entgegenkommen, für Großzügigkeit, für Beschwichtigen glaubhaft darzulegen.Warum sich einer Gesellschaft, die Schwäche und Unterwerfung signalisiert, durch Integration anschließen?

Der christliche Glaube basiert auf der Herablassung Gottes: Gott hat sich in einem Kind in der Krippe, in einem Dulder am Kreuz offenbart. Diese Kondeszendenz muß immer wieder Thema unserer Verkündigung sein - daß in der vermeintlichen Schwäche und Dummheit der Herablassung und Erniedrigung eine Stärke verborgen ist, ein göttliches Geheimnis. 

Gerade gegenüber Muslimen kann die Kondeszendenz gar nicht oft und ausführlich genug erklärt und zur Nachahmung (Philipper 2,5ff) empfohlen werden.

Das siebte Problem besteht darin, wie Muslime und Mehrheitsgesellschaft sich selbst und die "andere" Gesellschaft sehen: Glaubt man den islamischen Verbänden, dann grassiert in Deutschland die "Islamophobia" in jeder nur denkbaren Form, die Medien sind voll von negativen Berichten über den Islam, überall werden Muslime ausgegrenzt, der rechtliche Umgang mit den Muslimen gleicht den Nürnberger Rassegesetzen und überhaupt sind die Muslime die "neuen Juden". Der Islam dagegen sei die "Religion des Friedens", Gewalt läge ihm ferner als jeder anderen Religion - hier darf ein Verweis auf die Kreuzzüge, die Politik aus dem Bible Belt und das Nazi-Regime nicht fehlen -, und alles, was da an Gewalt im Namen des Islam geschehe, sei ein Einzelfall und habe mit dem Islam nicht das Geringste tun. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft dagegen vermag auf den ersten Blick nicht zu erkennen, wo sie sich dem Islam gegenüber falsch verhalte. Auf den zweiten aber auch nicht. Und warum die Taten einzelner Deutsche gegen Muslime nicht auch nur Einzelfälle seien, die mit der deutschen Gesellschaft nichts zu tun haben, mag sie auch nicht so recht einsehen. Daß zudem Linksaußen das antiwestliche (und nicht zu vergessen antisemitische) Bild vieler Muslime übernimmt und für den eigenen Kampf instrumentalisiert, hilft auch nicht gerade, weil diese Allianz nicht jedem schmeckt. Eine Mehrehitsgesellschaft, die sich ständig auf der Anklagebank befindet, hat verständlicherweise ein stetig abnehmendes Interesse an der Integration des Klägers, dem man seit Jahrzehnten in jeder nur denkbaren Frage und Forderung entgegenkommt und der sich hier möglicherweise nicht so diskriminiert und verfolgt fühlt, daß er Hals über Kopf das Weite sucht, um etwa in einem islamischen Land zu wohnen.

Christen sind aufgefordert, das Bild, das die eine Seite von der jeweils anderen hat, durch Wort und Tat zurechtzurücken - nicht mit Verweisen auf die jeweilige Schuld, sondern mit Verweisen auf das Gute, mit Zeichen der Hoffnung.

Zum Schluß ist zu sagen, daß sich natürlich nicht jeder Muslim, der in dieses Land einwandert, der Integration verweigert. Gerade sakuläre, westlich orientierte Muslime sind Musterbeispiele gelungener Integration. Auch manchen religiösen Muslimen ist die Integration gelungen. Im Großen und Ganzen sind viele Muslime gut integriert - aber diejenigen, die es nicht sind, verursachen eine Menge Probleme im Zusammenleben. 

Würden wir nicht erwarten, daß die Integration ein Selbstläufer ist, wäre schon viel gewonnen. Würden wir allgemeinverbindliche Regeln und Tugenden formulieren und den Migranten mitteilen, kämen wir noch ein Stück weiter. Dann würde es noch wichtig sein, daß wir bei der Integration nicht nach einem Patentrezept vorgehen, sondern differenzieren.

Der wichtigste Punkt ist aber, daß wir Deutschen - und hier spreche ich vor allem uns Christen an - auf die Migranten zugehen und Kontakte knüpfen, Beziehungen pflegen, Freundschaften leben. Besonders gilt dies in bezug auf die Migranten mit muslimischem Hintergrund, und hier ist auch das Vorbild von Paulus zu bedenken, der "den Juden wie ein Jude, den Griechen wie ein Grieche" wurde. Nach dem Maßstab, den Jesus Christus gesetzt hat, der nicht als Gott, sondern als Mensch in die Welt der Menschen kam, in "Knechtsgestalt", nicht um sich dienen zu lassen, sondern um selbst zu dienen, haben auch wir eine Aufgabe, die wir nur wahrnehmen können, wenn wir uns senden lassen, wenn wir losgehen - und wenn wir es schaffen, unsere Motive glaubwürdig zu kommunizieren. 

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 26. Februar 2010 um 18:14 Uhr
 

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