Startseite Blog Sonstiges Terrorismus und Religion

Social Bookmarks

Add to: Mr. Wong Add to: Webnews Add to: Icio Add to: Oneview Add to:  FAV!T Social Bookmarking Add to: Favoriten.de Add to: Seekxl Add to: Social Bookmark Portal Add to: BoniTrust Add to: Power-Oldie Add to: Bookmarks.cc Add to: Newskick Add to: Newsider Add to: Linksilo Add to: Readster Add to: Yigg Add to: Linkarena Add to: Simpy Add to: Netvouz Add to: Folkd Add to: Spurl Add to: Google Add to: Blinklist Information
Social Bookmarking
714534
Terrorismus und Religion PDF Drucken E-Mail
Blog - Sonstiges
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Samstag, den 30. Juli 2011 um 11:11 Uhr

Wenn es einen Terroranschlag mit vermeintlichem oder tatsächlichem religiösen Hintergrund gibt, dann gibt es vor allem zwei Reaktionen. Die eine lautet, "das hat mit der Religion nichts zu tun, das ist Mißbrauch der Religion", die andere: "das ist typisch Religion, so ist diese Religion, so sind die Religionen eben".

Beides ist so einfach, wie es zugleich verkehrt ist.

Selbstverständlich gibt es die Religion nicht, es gibt nicht den Islam, das Christentum, den Buddhismus, den Hinduismus, den Atheismus.

Jede Religion existiert in sehr unterschiedlichen Formen und Gestalten. Das gilt auch für religiöse Strömungen wie die Salafiyya, den Islamismus, den Evangeikalismus, das Freikirchentum - sie alle gibt es nicht in Form der einen eindeutig beschreibbaren Glaubenslehre.

Es kann auch keinen Mißbrauch der Religion geben; denn Religion ist keine fest definierte Größe, sondern das, was Menschen daraus machen. Darum ist Religion auch nicht immer autpomatisch "gut" oder "schlecht" - sie muß auch nicht "gut" sein, um tatsächlich als Religion durchgehen zu können. Was Menschen aus der Religion machen, steht unter dem Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, unter dem Recht auf freie Meinungsäußerung und unter dem Recht auf freie und ungestörte Ausübung der Religion.

Und "die Religion" ist hier eben nicht das, was Theologen oder Religionswissenschaftler oder Kirchen oder Staaten oder wer sonst daraus machen, sondern was der jeweils Glaubende daraus macht.

Mißbrauch der Religion findet tatsächlich dort statt, wo man Menschen vorschreibt, was sie zu glauben haben, wie sie zu glauben haben, was falscher Glaube wäre und worin der richtige Glaube bestehe. Wir müssen es zulassen, daß Menschen nicht das glauben, was Kirchenvertreter, Islamwissenschaftler, die Mehrheitsgesellschaft, die Medien, Richter oder wer sonst ihnen vorschreiben wollen. Alles andere ist eine Verletzung der Würde des Menschen.

Darum darf weder die Evangelische Kirche in Deutschland, die Vereinigung Evangelischer Freikirchen, der Zentralrat der Muslime in Deutschland oder irgend eine andere Institution den Christen oder Muslimen vorschreiben, was sie zu glauben haben oder was der richtige Glaube wäre - und was der mißbrauchte, der falsche Glaube. Jede dieser Institutionen kann allenfalls für die eigenen Mitglieder verbindliche Lehren formulieren, was der rechte Glaube sei und was nicht. Jenseits der Mitgliederkartei endet die Deutungshoheit über die jeweilige Religion.

Erst recht haben Theologen, Islamwissenschaftler, Islamkritiker, Politiker, Journalisten usw. keine Deutungshoheit über Religion, sei es die rechte oder die mißbräuchliche Verwendung. Weder darf man sagen, al-Qaida mißbrauche die Religion, noch darf man wie die Islamophoben sagen, allein al-Qaida würde den Islam richtig interpretieren.

Was nun ein Christ oder ein Muslim tut, darf niemand als rechten oder falschen Gebrauch der Lehre beurteilen. Wir können beurteilen: "Das war gut, das war schlecht" (und dort, wo es justiziabel ist, muß dann eben die Justiz einschreiten, endet das Recht auf Religionsfreiheit). Wir können auch sagen: "Mit meinem Verständnis dieser Religion verträgt sich das nicht." Aber wir könnmen nicht sagen: "Das war Mißbrauch der Religion. Das hat mit dieser oder jener Religion nichts zu tun."

Der Reflex, Terroranschläge von einer damit in Verbindung stehenden Religion lösen zu wollen, ist verständlich, aber kurzsichtig. Selbstverständlich sind "der Islam" einerseits und al-Qaifda, Taliban, Hamas & Co. andererseits nicht deckungsgleich. Selbstverständlich sind "das Christentum" einerseits Terroristen wie Anders Behring Breivik, christliche Mörder von Abtreibungsärzten, Kreuzzügler wie G.W. Bush  usw. andererseits nicht deckungsgleich (auch nicht mit "christlichen Fundamentalisten" bzw. evangelikalen oder freikirchlichen Christen). Aber es gibt Überschneidungen, es gibt einen Bereich, wo al-Qaida eben islamisch ist, wo Breivik eben Christ ist.

Diese Bereiche müssen angesprochen werden. Wir dürfen weder jede Überschneidung leugnen noch eine völlige Deckung annehmen. Wir müssen aber schauen, wo liegt das spezifisch Christliche in dem, was Breivik getan hat? Wo liegt das Christliche in seinem Weltbild, in seiner Weltanschauung? Wo liegt das spezifisch Islamische im Weltbild der Taliban, der al-Qaida-Anhänger, der Hamas-Leute usw.?

Nur wenn wir sachlich und objektiv an diese Fragen herangehen, bekommen wir die Gelegenheit zu einer erfolgreichen Auseinandersetzung mit problematischen Bereichen. Ansonsten droht die Gefahr, daß solche Bereiche der Religion in ein Ghetto abgedrängt werden und dort unberechenbar werden. Ansonsten droht die Gefahr, daß solche Bereiche in den Händen der Kritiker einer Religion zur unberechenbaren Waffe werden.

Wir brauchen den Dialog über das, was bei manchen Menschen im Hinblick auf deren Religion schief läuft und wo das Berührungspunkte mit unserer Religion aufweist, und in diesem Dialog kann man die Religion eben nicht ausklammern. Es ist entwaffnend, wenn Christen sagen können, daß Anders Behring Breivik ein Christ ist, der aus christlichen Motiven heraus gehandelt hat. Es entwaffnet die Fundamentalisten an allen Fronten. Es bildet die Grundlage für die Verkündigung eines Christentums, das Frieden predigt. Ohne diese Grundlage wäre "Christentum ist Frieden" nur eine hohle Phrase.

Es gibt Dinge im Christentum, die kann ein Christ so verstehen, daß er deswegen womöglich eine Wahnsinnstat begeht wie Anders Behring Breivik, daß er Abtreibungsärzte ermordet, daß er zum Muslimenhasser wird. Zu sagen, das habe mit dem Christentum nichts zu tun, kehrt die Probleme unter den Teppich, wo sie dann ein unberechenbares Eigenleben entwickeln werden. Zu sagen, "wir Christen haben alle lieb, piep, piep, piep" ist keine angemessene Antwort auf den christlichen Terror des Anders Behring Breivik.

Ich werde jedem widersprechen, sei er selbst Christ oder nicht, der behauptet, Breivik sei kein Christ, seine Tat habe mit dem Christentum nichts zu tun. Denn damit belügen wir nus uns selbst und andere. (Ich werde auch jedem widersprechen, der die Tat Breiviks allen Christen oder "christlichen Fundamentalisten" in die Schuhe schieben will, der nicght zu differenzieren bereit ist.)

Geht es um Terror mit einem vermeintlich oder tatsächlich religiösen Hintergrund, dann helfen Vereinfachungen nicht. Dann hilft es nicht, auf der einen oder auf der anderen Seite vom Pferd zu fallen. Die einzige richtige Reaktion auf solche Anschläge besteht darin, sich mit dem religkösen Element sachlich und objektiv auseinanderzusetzen und dort, wo es Not tut, auch Kritik zu üben.

Auch wenn Breivik kein typischer Evangelikaler ist, so ist doch vieles von dem, was sein Weltbild bestimmt, in teilweise erschreckend ähnlicher Form auch bei evangelikalen bzw. freikirchlichen Christen zu finden. Das ist anzusprechen, das ist bis auf die Fundamente offenzulegen, daß muß in einem kritischen, aber respektvollen Dialog besprochen werden.

Ich fürchte, daß dort, wo man schnell und vehement jede Verantwortung zurückweist, wo man die Zugehörigkeit eines Täters zur eigenen Religion abstreiten will, da sagt das mehr über einen selbst aus als über den Täter. Es ist ein zwischen den Zeilen verstecktes Einverständnis, daß die eigene Religion eben doch gewisse Problembereiche hat, die mir unangenehm sind. Noch deutlicher wird es freilich dort, wo man angesichts einer solchen Tat mit dem Finger auf andere zeigt - wie jeder weiß, zeigen dann drei Finger auf einen selbst.

Tun wir bitte nicht so, als gäbe es im Bereich der Religion - der Atheismus ist ausdrücklich mitgemeint - keine problematischen Bereiche. Das ist ebenso falsch wie die Behauptung, Religion sei per se schlecht und anfällig für Gewalt.

Wo Menschen religiös sind, da gibt es Licht und Schatten. Und meistens treten die hellen und die dunklen Bereiche nicht vereinzelt auf, auch wenn nur Einzelne oder Wenige besonders hell auffallen wie Martin Luther King oder besonders dunkel wie Anders Behring Breivik.

Es gibt viele Christen, deren Weltbild dem von Anders Behring Breivik ähnlich ist. Und auch wenn nur die wenigsten je zu einer solchen Tat schreiten werden wie Breivik, muß doch ans Licht, wo deren Christentum das Zusammenleben der Menschen durch Worte oder Taten gefährdet.

Erst wenn wir uns mit den dunklen Seiten der Religion - unserer Religion - beschätigen und ihre Existenz anerkennen, werden wir auch das Recht haben, uns mit den hellen Seiten zu beschäftigen und die dann auch als "christlich" zu beschreiben.

Und erst wenn wir schauen, wie viel von einem Anders Behring Breivik in uns steckt, können und dürfen wir auch schauen, wie viel von einem Martin Luther King in uns steckt.

Natürlich ist es nicht angenehm, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was von einem Anders Behring Breivik in uns steckt. Lieber wollen wir sehen, wo wir anders sind, wo wir uns von ihm unterscheiden. Es ist angenehmer, sich damit zu beschäftigen, was von einem Martin Luther KIng in uns steckt. 

Wenn jemand eine Verletzung hat, dann reeicht es meistens nicht aus, einfach nur ein Pflaster drüber zu kleben. Man muß Fremdkörper in der Wunde erkennen und entfernen, ehe man einen Verband auflegt. Tut man das nicht, werden die Fremdkörper in der Wunder zu einer Entzündung führen, unter dem Verband wird sich der Zustand der Verletzung unberechenbar verändern.

In allen Religionen, auch im Christentum, kommt es zu Verletzungen, geraten Fremdkörper in die Wunde. Im Falle des Christentums ist etwa an die weit verbreitete Islamophobie zu denken. Wir müssen diese Fremdkörper erkennen und aus der Wunde entfernen.

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 31. Juli 2011 um 09:46 Uhr
 

Kommentar schreiben

Bitte beachten Sie die Verhaltensregeln und die allgemeinen Nutzungsbedingungen, die im Impressum niedergelegt sind.

Bitte haben Sie Verständnis dafür, daß Ihr Kommentar erst vom Webmaster freigeschaltet werden muß, um unerwünschte Werbung zu verhindern. Die Freischaltung erfolgt so schnell wie möglich.


Sicherheitscode
Aktualisieren

InfoAdministrationXML Sitemap