Startseite Blog On the Slutwalk Warum Christen DOCH an einem Slutwalk teilnehmen sollten

Social Bookmarks

Add to: Mr. Wong Add to: Webnews Add to: Icio Add to: Oneview Add to:  FAV!T Social Bookmarking Add to: Favoriten.de Add to: Seekxl Add to: Social Bookmark Portal Add to: BoniTrust Add to: Power-Oldie Add to: Bookmarks.cc Add to: Newskick Add to: Newsider Add to: Linksilo Add to: Readster Add to: Yigg Add to: Linkarena Add to: Simpy Add to: Netvouz Add to: Folkd Add to: Spurl Add to: Google Add to: Blinklist Information
Social Bookmarking
714426
Warum Christen DOCH an einem Slutwalk teilnehmen sollten PDF Drucken E-Mail
Blog - On the Slutwalk
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Dienstag, den 19. Juli 2011 um 18:12 Uhr

Die Frage, ob Christen an einem  Slutwalk teilnehmen sollen, wird durchaus kontrovers diskutiert. Es gibt Christen, die der Meinung sind, Christen sollten nicht an einem Slutwalk teilnehmen. Es gibt ebenso Slutwalker, die meinen, Christen sollten nicht an einem Sklutwalk teilnehmen. Letztere könnte man unter "papaphob", "katholophob" bzw. "evangelikalophob" oder auch "religiophob" einordnen - meistens sind der Papst, die katholische Kirche, die evangelikale Bewegung oder die Freikirchen oder eben die Religion schlechthin ihre Argumente, warum Christen beim Slutwalk unerwünscht sind.

Glücklicherweise wendet sich der Slutwalk gegen Regeln - damit bleibt die Meinung der betreffenden Slutwalker (die m.E. nicht die Mehrheit bilden) ohne Bedeutung; sie können den Christen die Teilnahme nicht verbieten. Sie könnten aber verbal oder auch tätlich gegen christliche Slutwalker vorgehen, die ihren Glauben nicht verschweigen.

Lassen wir aber diese "Argumente" gegen eine christliche Beteiligung an einem Slutwalk außer Acht und wenden uns den Argumenten zu, die aus der christlichen Ecke kommen - vor allem aus der evangelikalen bzw. freikirchlichen Ecke.

"'Schlampen' und Christentum geht nicht zusammen; Christen können nicht unter dem Motto 'Schlampen-Marsch' aktiv werden; "'Schlampe' steht für Sünde"

Die Diskussion um den Begriff "Schlampe" ist nicht auf Christen beschränkt - viele, die das Konzept hinter den Slutwalks toll finden und unterstützen wollen, tun sich schwer, mit diesem Begriff (der zudem fest mit weißen, westlichen Gesellschaftsformen verbunden und etwa bei Afroamerikanerinnen unpassend ist).

Der Begriff wurde nicht von den Slutwalkern erfunden - er wurde von jenem Polizisten in Toronto verwendet, der Frauen empfohlen hat, sich nicht wie "Sluts", also "Schlampen", zu kleiden, um nicht vergewaltigt zu werden.

"Schlampe" - das ist ein sexualisierter und sexistischer Schmähbegriff. Er sagt freilich mehr über Männer aus als über Frauen.

Viele Frauen haben beschlossen, diesen Begriff zu internalisieren, ihn der Deutungshoherit anderer zu entreißen. Dabei geht es ihnen keinesfalls um das "Recht", sich Schlampen nennen zu dürfen oder Schlampen sein zu dürfen, sondern um das Recht, sich selbst entweder Schlampe nennen zu dürfen - ohne daß anderen daraus irgend ein Recht erwächst - oder auch nicht.

Andere Slutwalker lehnen den Begriff ab, wollen ihn nicht internalisieren, sondern fordern, daß niemand das Recht haben darf, eine andere Person als "Schlampe" zu bezeichnen und aus einer solchen Bezeichnung irgend ein Recht auf einen sexuellen Übergriff abzuleiten..

Bei den Slutwalks werden diese beiden Gruppen mehr oder weniger friedlich nebeneinander existieren - manche werden den Begriff "Schlampe" verwenden, auf Plakaten, als Körperbemalung oder was sonst. Andere werden diesen Begriff nicht verwenden. Niemand wird verlangen, "Schlampe" genannt werden zu dürfen. Niemand wird andere zwingen, sich "Schlampe" nennen zu lassen.

"'Schlampe' steht für Sünde"? Ja, das stimmt, nämlich immer und auch nur dann, wenn dieser Begriff zur Fremdbezeichnung wird. Darum werden die Slutwalker, so sie ihr Thema ernst nehmen, die Teilnehmer eines Slutwalks auch nicht gegen deren Willen als "Schlampen" bezeichnen oder ihnen dieses Etikett aufdrücken.

"'Schlampe' steht für Sünde"? Ja, immer dann, wenn dieser Begriff als Schmähbegriff gegen andere verwendet wird, wenn daraus ein Recht auf einen sexuellen Übergriff abgeleitet wird.

Wie dem auch sei - niemand, der an einem Slutwalk teilnimmt, bekommt das Etikett "Schlampe" aufgeklebt. Der Slutwalk ist nicht nur ein "Schlampenmarsch", sondern vor allem ein Protest, der sich gegen eine - christlich gesprochen - "sündhafte" Verwendung des Begriffs "Schlampe" wendet und dabei um das Thema "Schlampe" kreist, es zur Verdeutlichung übertreibt. Er prangert die Sicht der Männer und einer verwahrlosten Gesellschaft an, die den Begriff "Schlampe" als billige Ausrede verwenden, wenn Frauen vergewaltigt werden.

"Der Slutwalk richtet sich auch gegen das Christentum"

Ja, es gibt Slutwalker, die sich zum Teil fundamentalistisch gegen Religion, gegen das Christentum, gegen die katholische Kirche und den Papst, gegen die evangelikale Bewegung, gegen Freikirchen usw. usf. wenden. Sie repräsentieren aber nicht die ganze Bewegung.

Außerdem darf man nicht außer Acht lassen, daß Christen im Hinblick auf die Dinge, um die es beim Slutwalk geht, versagt haben, sich ganz klar versündigt haben. Sexuelle Gewalt gibt es leider auch in christlichen Gemeinden - auch in evangelkalen bzw. freikirchlichen Gemeinden -, und die Schuld dafür wird oft genug in der Kleidung oder im Verhalten der betreffenden Frauen gesehen.

Bibelworte über die Kleidung und das Verhalten der Frauen werden verdreht, um Regeln aufzustellen, die ich nur als "Sünde" bezeichnen kann, weil sie die Frauen herabsetzen und knechten. Zu viele Predigten wurden gehalten, in denen Frauen aufgefordert wurden, sich zurückhaltend zu kleiden, sich "anständig" zu verhalten", um nicht vergewaltigt zu werden, zu wenige Predigten wurden gehalten, in denen Männer aufgefordert wurden, sich Frauen gegenüber nicht respektlos, erniedrigend, gewalttätig zu verhalten, sie nicht zu vergewaltigen. 

Zu viele "Männer Gottes" haben Frauen vergewaltigt - und dann hat man den Frauen zu verstehen gegeben, daß sie durch ihre zu kurzen Röcke, durch ihr Make-up, durch ihr Verhalten... diese "Gesalbten des Herrn" zu Fall gebracht hätten. Sie sind dann nicht allein an dem sexuellen Übergriff schuld, nein, auch am "Fall" des "Bruders", an seiner Sünde, die also eigentlich ihre Sünde ist, "Evas Sünde".

Tatsächlich können sich manche Täter in christlichen Kreisen darauf verlassen, daß ihre Verbrechen gedeckt werden, weil ja die Frau die "Sünderin" ist.

Kritik der Slutwalker am Christentum ist berechtigt, Punkt. Wir haben als Christen keinen Grund, im Hinblick auf Kritik beleidigt zu sein. Punkt.

Natürlich gibt es überzogene Kritik, gibt es Intoleranz, gibt es üble Entgleisungen. Es ist ja auch leicht und gefahrlos, über die Kirchen, über den Papst, über das Christentum herzuziehen - oft genug dienen Christen hier als Stellvertreter für jene Verbrechen gegen Frauen, gegen Homosexuelle in anderen Religionen, die anzuklagen irgendwie "rechts" und beispielweise "islamophob" wäre, wenn es etwa darum geht, daß im Iran Schwule gefoltert und an Baukränen aufgehängt werden und Sexarbeiterinnen ausgepeitscht oder vergewaltigt.

Dennoch: Gerade weil wir Christen in diesem Bereich oft fehlgegangen sind, gehören wir an die Seite der Frauen, dürfen wir beim Slutwalk nicht fehlen.

Und nein: Wir sollen den Slutwalk nicht als "missionarische Plattform" mißbrauchen, um "Sünderinnen" zu bekehren.

"Beim Slutwalk geht es auch um das Recht, homosexuell sein zu dürfen"

Eines vorweg: Homosexuelle Menschen sind in christlichen Gemeinden zu oft mit sexueller Gewalt konfrontiert worden.

In vielen Gemeinden finden wir extrem menschenverachtende Homophobie, die weit über ein "Homosexualität ist Sünde" oder ein "Gott haßt die Homosexualität, aber er liebt den Homosexuellen" hinausgeht.

Der Verfasser dieses Artikrels ist der Überzeugung, daß Homosexualität keine Sünde ist, daß man Homosexuelle nicht "therapieren" sollte, daß wir den schwulen Bruder, die lesbische Schwester nicht anders behandeln sollten als den heterosexuellen Mitchristen. Für homosexuelle Christen gelten im Hinblick auf die Sexualethik die gleichen Spielregeln wie für die heterosexuellen Christen - und soweit es um die Stellung homosexueller Menschen in der Gesellschaft geht, sollten wir uns sowieso für eine volle Gleichstellung einsetzen.

Übrigens: Homophobie hat etwas, und das ist kein Witz, mit verdrängten Persönlichkeitsmerkmalen zu tun. Homophobie hat ihre Ursachen in verdrängten homosexuellen Persönlichkeitsanteilen.

Und ja: Bei Slutwalks geht es auch gegen die Umkehrung von Täter- und Geschädigtenrolle bei sexueller Gewalt gegen Homosexuelle. Das ist ein wichtiges Thema. Und Homosexuelle werden eingeladen, sich an den Slutwalks zu beteiligen - die Grenzen des Protestes sind fließend, so wie auch sexuelle Gewalt keine sauberen Grenzen kennt.

"Beim Slutwalk geht es um Feminismus"

Viele Slutwalker sind Feminstinnen und Feministen - aus ganz verschiedenen, zum Teil miteinander konkurrierenden Richtungen.

Manche dieser Strömungen lehne ich persönlich entschieden ab - aber grundsätzlich sage ich: Unsere Gesellschaft ist noch weit von echter Gleichberechtigung entfernt. Wir haben da noch einen weiten Weg vor uns. Nur weil manche spinnen, dürfen wir nicht das Kind mit dem Bade ausschütten.

Und auch in den christlichen Kirchen und Gemeinden läßt der Umgang mit der Gleichberechtigung oft noch zu wünschen übrig.

"Slutwalks führen zu einer Verwahrlosung unserer Gesellschaft"

Wenn Frauen gesagt wird, daß sie sich nicht wie Schlampen anziehen sollen, um nicht vergewaltigt zu werden, dann ist unsere Gesellschaft verwahrlost.

Wenn Frauen gesagt wird, sie sollen sich nicht wie Sünderinnen anziehen, um die "Brüder" nicht zu Fall zu bringen und zu einer Vergewaltigung zu verführen, dann sind unsere Kirchen und Gemeinden verwahrlost.

Slutwalker fordern nicht das Recht auf Verwahrlosung und Verlust aller Sitten. Ganz im Gegenteil: Sie fordern, daß wir uns mindestens so sittsam verhalten, daß eine Frau sich verhalten und kleiden kann, wie sie es möchte, ohne respektlos behandelt zu werden, ohne erniedrigt zu werden, ohne vergewaltigt zu werden. Ohne daß man ihr sagt, wie sie sich verhalten muß, damit er sie nicht vergewaltigt, statt ihm zu sagen, daß er sie nicht vergewaltigen soll, daß ihre Kleidung, ihr Verhalten nicht ihn meint, daß ein "Nein" immer ein "Nein" ist, niemals ein "Vielleicht" oder ein "Ich ziere mich, damit es für dich aufregender wird".

Nicht freizügige Kleidung, nicht Frauen, die nachts allein unterwegs sind, nicht Frauen, die Alkohol trinken, nicht Frauen, die flirten, bedeuten Verwahrlosung, sondern Verwahrlosung ist dort, wo man Frauen sagt, wie sich kleiden und verhalten sollen, damit sie nicht vergewaltigt werden. Verwahrlosung ist dort, wo freizügige Kleidung als Entschuldigung für einen sexuellen Übergriff dient.

Es ist wichtig, daß wir die Prioritäten beachten. Eine Vergewaltigung ist mehr Verwahrlosung als freizügige Kleidung. Frauen an ihrer Vergewaltigung eine Mitschuld zu geben ist mehr Verwahrlosung als eine Frau, die flirtet. Keine Frau kann so nackt herumlaufen oder so heftig flirten oder so viel Alkohol trinken, daß es verwahrloster wäre als respekloses Verhalten, als Erniedrigung oder sexuelle Gewalt.

Hinzu kommt: Die meisten Frauen, die mit sexueller Gewalt konfrontiert werden, tragen keine engen, kurzen Röcke. Sie haben nicht geflirtet. Sie haben keinen Alkohol getrunken. Sie waren nicht nachts alleine unterwegs. Sie haben sich nicht mit unbekannten Männern eingelassen. Dennoch wird man immer davon ausgehen, daß sie "Schlampen" sind - warum sonst wären sie vergewaltigt worden, vielleicht auch noch von einem "Bruder im Herrn"? Daß sie es irgendwie provoziert hat. Daß sie nicht unschuldig sein kann. Daß sie den Mann verführt hat. Das ist Verwahrlosung.

Ergänzungen

"Frauen, die sich nicht freizügig kleiden, werden nicht vergewaltigt."

Diese Aussage ist Unsinn.

Wenn Frauen in sexueller Hinsicht respektlos behandelt werden, wenn sie herabgewürdigt, obszön angesprochen, sexuell motiviert angefaßt, gegen ihren Willen geküßt oder vergewaltigt werden, tragen sie mehrheitlich normale Kleidung, die weder freizügig noch aufreizend ist. Wer im Falle einer Vergewaltigung der Kleidung einer Frau, ihrem Alkoholkonsum, ihrem Flirten oder sonst etwas in der Art die Schuld geben will, hat alle Statistiken gegen sich.

Vergewaltigt werden Frauen, weil Männer Macht über sie ausüben wollen.

Manche Männer handeln aus politischen, ideologischen oder religiösen Gründen ("diese unzüchtige Schlampe muß bestraft werden"), dann mag die "unzüchtige" Kleidung eine Rolle spielen, aber nur, weil die Frau "bestraft" und mit ihr alle anderen Frauen "erzogen" werden sollen. Dabei ist es den Tätern letztlich egal, ob die betreffende Frau einen engen Minirock trägt oder nur auf ein Kopftuch verzichtet - eine bestimmte Kleider- und Verhaltensregel soll durchgesetzt werden, Frauen sollen daran gehindert werden, alleine aus dem Haus zu gehen.

In diesem Fall gäbe es echte Sicherheit für Frauen erst dann, wenn diese sich von Kopf bis Fuß verschleiern und ihr Haus nur in männlicher Begleitung verlassen - natürlich nur, wenn es unbedingt erforderlich ist.

Andere Männer handeln aus sexuellen triebgesteuerten Gründen, sind eher mit (Sex-) Süchtigen zu vergleichen, und diese Männer suchen gezielt nach Frauen, an denen sie ihre scheinbare Macht demonstrieren können, die ihnen hilflos, ohnmächtig erscheinen, als perfekte Opfer. Die Kleidung der Frau ist ihnen letztlich egal - mehrheitlich suchen sie sich normal gekleidete Frauen aus.

Eine eher "züchtig" verhüllte Frau, die aber schwach, hilflos, ohnmächtig wirkt, die nur leise spricht und zu Boden schaut, wird eher vergewaltigt werden als eine Frau, die freizügig oder sogar aufreizend gekleidet ist, aber erhobenen Hauptes durchs Leben geht, mit Bestimmtheit spricht und einem etwaigen Angreifer in die Augen blickt.

Mit Vorschriften oder auch nur Empfehlungen, wie eine Frau sich zu kleiden habe, um nicht vergewaltigt zu werden, erreichen wir in beiden Fällen nichts. Im ersten Fall würden wir uns zu Komplizen der Vergewaltiger machen, im zweiten Fall vermitteln wir den Frauen ein trügerisches Gefühl der Sicherheit. In beiden Fällen ginge es nur zu Lasten der Frauen, ohne an der Situation etwas zu verändern.

"Die Bibel lehrt, daß Frauen sich verhüllen sollen, um nicht vergewaltigt zu werden."

Eine solche Bibelstelle soll 1. Timotheus 2,9-10 sein. Zu bedenken ist, daß es dort wahrscheinlich um die Auseinandersetzung mit der gnostischen Irrlehre geht - auf jeden Fall nicht darum, wie Frauen sich vor sexueller Gewalt schützen können.

Ansonsten ist es wohl so gewesen, daß die Frauen sich beim Gottesdienst nicht so kleiden solletn, daß die reichen und freien Frauen die armen Frauen oder die Sklavinnen beschämten; sie sollten ihren Reichtum ebenso wenig zur Schau stellen wie die Tatsache, daß sie freie Frauen sind und keine Sklavinnen.

Wenn ich die Bibel richtig verstehe, dann sollen sich Männer wie Frauen so kleiden, wie es der jeweiligen Mode entspricht. So sollten sich die freien Ehefrauen in Korinth  verschleiern, wenn sie beten oder prophetisch reden - das entsprach den Sitten in der römischen Kolonie Korinth, nach denen eine verheiratete Frau in der Öffentlichkeit einen Schleier trägt. Paulus hat in diesem Zusammenhang sicher nicht daran gedacht, daß die Frauen sich verschleiern sollen, damit sie nicht vergewaltigt werden. Für ihn ging es nur um die römische Sitte - ohne diese hätte es für die Frauen in Korinth keinen Schleier gegeben.

In einer Gesellschaft, in der ein Minirock der Mode entspricht, ist es meiner Überzeugung nach auch für christliche Frauen kein Problem, diesen zu tragen - es gibt keine "christliche Mode", sondern nur eine Mode für Christinnen und Nichtchristinnen.

Und Christen haben nicht das Recht, Frauen zu sagen: "Verhüllt euch, damit ihr nicht vergewaltigt werdet." Wir haben aber die Pflicht, Männern zu sagen, daß sie nicht das Recht haben, Frauen respektlos zu behandeln, sie herabzuwürdigen, sie zu vergewaltigen. Wir haben die Pflicht, solches Verhalten ausdrücklich als "Sünde" zu bezeichnen, ohne dafür nach Entschuldigungen zu suchen oder Frauen "Verführung" vorzuwerfen.

Im Hinblick auf Begegnungen zwischen Männern und Frauen sind niemals freizügige Kleidung, das Zusammensein zu zweit ohne "Anstandsdame", der Genuß von Alkohol, das Flirten oder sonst etwas eine Sünde seitens der Frauen, sondern eine Sünde liegt nur und ausschließlich dann vor, wenn ein Mann eine Frau respektlos behandelt, sie herabwürdigt oder sie vergewaltigt.

Wer Frauen auffordert, sich nicht "aufreizend" zu kleiden, um nicht vergewaltigt zu werden, der hat, wenn ich das richtig sehe, die Bibel nicht auf seiner Seite. Er hat auch nicht Recht - denn Frauen werden auch und sogar viel häufiger vergewaltigt, wenn sie keine freizügige Kleidung tragen.

Männer, die dies fordern, sagen damit mehr über ihre eigene (Un-) Fähigkeit aus, sich im Griff zu haben, sich anständig zu benehmen, als über das, was für eine "christliche Frau geziemend" sei.

"Sicherlich müssen wir Frauen, die Opfer sexueller Gewalt werden, helfen. Aber das geht besser ohne an einem Slutwalk teilzunehmen."

Das eine schließt das andere nicht aus.

Wie dem auch sei: Eine Frau ist während einer Vergewaltigung Opfer einer Gewalttat, doch danach ist es wichtig, daß die vermeintliche Macht des Täters über das scheinbar ohnmächtige, hilflose Opfer vollständig gebrochen wird. Man sollte die Frau darum nicht weiterhin als "Opfer" betrachten, sondern als Überlebende sexueller Gewalt. Opferhilfe besteht also erst einmal darin, daß sich die Frau nicht länger als Opfer sieht und auch nicht so behandelt wird.

Zur Hilfe gehört auch, daß man die in Gesellschaft und Kirche weit verbreiteten Überzeugungen bekämpft, nach denen Frauen im Falle einer Vergewaltigung aufgrund einer "Schlampigkeit" zu beschuldigen sind.

Genau hier setzt die Idee des Slutwalks an, hier wird der Slutwalk zur Hilfe für respektlos behandelte, herabgewürdigte oder vergewaltigte Frauen. Wer sich an einem Slutwalk beteiligt, stellt sich an die Seite vergewaltigter Frauen - denen entgegen, die Frauen im Falle einer Vergewaltigung beschuldigen, Entschuldigungen für die Täter erfinden.

"Bei einem Slutwalk müssen Frauen freizügige, aufreizende Kleidung tragen."

Bei einem Slutwalk gibt es keine Kleiderregeln, keinen "Dresscode". Jede und jeder kann die Kleidung tragen, die gefällt. Betont erotische Kleidung dient eher der Veranschaulichung, führt männliche Phantasien vor und stellt dar, wie absurd sie sind, wie absurd es ist, aus dieser Kleidung ein "Ja" zu sexuellen Handlungen ableiten zu wollen.

Auch wenn viele Medien ein anderes Bild zeigen: Die meisten Teilnehmer eines Slutwalks tragen eher normale Kleidung.

Wie schon gesagt, geht es auch nicht darum, daß Frauen für das Recht streiten, in der Öffentlichkeit freizügige, aufreizende Kleidung tragebn zu dürfen. Sie streiten für das Recht, diese Kleidung tragen zu können, ohne deswegen vergewaltigt zu werden, ohne deswegen im Falle einer Vergewaltigung beschuldigt zu werden, diese durch ihre Kleidung erst herbeigeführt zu haben.

Darum tragen manche Frauen auch normale Kleidung und dazu ein Plakat mit Fragen wie "war diese Kleisung auch zu aufreizend, so daß ich vergewaltigt wurde?".

"Das Thema ist wichtig, aber den Teilnehmern eines Slutwalks geht es doch mehr darum, sich in schrillen Outfits zu exhibitionieren."

Es wird sicherlich einige Personen geben, die einen Slutwalk mißbrauchen, um sich beispielsweise in Fetisch-Outfits darzustellen. Das sehe ich auch als ein Problem im Hinblick auf CSD- und ähnliche Veranstaltungen. Ich habe da einmal eine Foren-Diskussion von einigen Sadomasochisten zur Teilnahme an einem CSD verfolgt, der das ernste Thema nicht einmal ansatzweise gestreift hat.

Für die meisten Slutwalker geht es aber nicht um einen "Fetisch-Karneval", sondern um das ernste Anliegen. Wenn dabei von einigen TeilnehmerInnen Fetisch-ähnliche Outftits getragen werden, dann geht es darum, mit männlichen Phantasievorstellungen zu spielen, sie zwecks Veranschaulichung zu übertreiben.

"Die Freiheit der Frauen, sich so zu kleiden, wie es ihnen gefällt, ist das eine, aber was ist mit der Freiheit der Männer, die der Anblick einer freizügig gekleideten Frau nicht kalt läßt?"

Dies ist ein unter Christen recht beliebtes Argument, das im Zusammenhang mit den Slutwalks geäußert wird. Ist meine Freiheit auch die Freiheit des anderen, wie weit darf ich von meiner Freiheit Gebrauch machen, wenn auch andere betroffen sind?

Gerade von Paulus her wird man als Christ natürlich erwidern, daß unsere Freiheit da Grenzen finden muß, wo ich einen anderen zu Fall bringen könnte (siehe 1. Korinther 8,9-13 ). Christen sollen frei sein von jedermann, sich aber auch jedermann zum Knecht machen, wie Paulus schreibt ( 1. Korinther 9,19 ).

Das bedeutet, daß ich mich als Christ schon fragen muß, wie meine Kleidung, mein Verhalten usw. auf andere wirken. Das gilt natürlich auch für die Kleidung von Frauen. Ich denke aber, daß man zumindest mit derjenigen Kleidung, die man in gewöhnlichen Geschäften einkaufen kann, immer auf der sicheren Seite ist und sich keine Gedanken machen muß, ob man damit nun einen Bruder zu Fall bringt.

Es darf nicht zu einer "Tyrannei der Schwachen" kommen, sondern soll sich bei vernünftiger Rücksichtnahme auf gewöhnliche Schwächen gewöhnlicher Menschen einpendeln (letztlich geht es Paulus auch um die Frage, ob unsere Freiheit in einer bestimmten Sache einen "Schwachen" dazu verleiten kann, ebenfalls das zu tun, was für uns keine Sünde ist, für ihn aber sehr wohl eine Sünde wäre - man darf die Ausführungen des Paulus nicht aus dem Kontext reißen, um anderen ein Verhalten zu untersagen, das einem selbst unpassend erscheint, bei dem man auch gar nicht in Gefahr steht, verführt zu werden).

Lassen wir aber einmal die Kleidung einer Frau beiseite, heben wir die Frage einmal auf eine andere Ebene: Nehmen wir an, ein Christ wird verprügelt, weil er ein Kreuz trägt. Dieses Kreuz regt jemanden so auf, daß er zuschlägt - aus Wut über all die Schattenseiten des Christentums. Würden wir nun auch sagen, das Kreuz hätte er nicht tragen sollen, weil man ja befürchten muß, daß es den einen oder anderen provoziert? Daß die Freiheit des Christen da eine Grenze haben muß, wo Symbole des Glaubens andere nicht kalt lassen?

Man kann dieses Beispiel auch auf Juden mit einem Davidstern oder einer israelischen Flagge ausdehnen, auf christliche Missionare, auf muslimische Frauen mit Kopftuch oder gar Schleier. Müssen jeweils Einschränkungen der Freiheit in Kauf genommen werden, weil andere diese Freiheiten als Provokationen empfinden?

Natürlich kann man sagen, daß es bei diesen Beispielen ja nicht nur um Kleidung geht, sondern um Religionsfreiheit. Allerdings macht es keinen Sinn, das eine gegen das andere auszuspielen. Die Kleidung, die wir tragen, ist für uns Menschen wichtig. Sie gehört zum Bereich der nonverbalen Kommunikation. Sie fällt unter das Recht auf freie Meinungsäußerung und auch unter das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Kleidervorschriften verletzen die Würde des Menschen.

Kommen wir zurück zu den Männern, die es nicht kalt läßt, einer Frau im Minirock und mit tiefem Ausschnitt zu begegnen. Die "halt auch nur Männer" sind, empfänglich für "weibliche Reize".

Das ist, vorsichtig ausgedrückt, ein Mythos (mehr Mythen zum Thema Männer gibt es hier) - jedenfalls, wenn wir meinen, daß nur nackte Haut für Männer reizvoll ist. Was wir als sexuellen Reiz wahrnehmen, ist in Wirklichkeit ein Mix aus verschiedenen Sinneseindrücken, die sich unserer Kontrolle völlig entziehen. Nicht einmal eine Burka kann diese Reize kontrollieren. Allerdings erinnern wir uns später häufiger an sexuelle Reize, die mit sexy Kleidung verbunden sind, weil wir die Reize, denen diese Verbindung fehlt, eher vergessen. Unsere Erinnerung täuscht uns.

Es gibt keine Möglichkeit, sexuellen Reizen aus dem Weg zu gehen. Wir müssen lernen, mit ihnen zu leben - und nicht Frauen die Schuld geben, weil sie enge Miniröcke tragen oder ihr Oberteil tief ausgeschnitten ist. Der sexuelle Reiz entsteht schließlich in uns Männern, nicht die Frau reizt uns, sondern wir Männer sind gereizt (die Sprache führt hier in die Irre). 

Und ein gesunder Mann kann mit diesen Reizen umgehen - aber er muß es natürlich lernen. Wer immer nur Frauen die Schuld an seiner Erregung zuweist - der Weg des geringsten Widerstandes -, kann es nicht lernen.

Es kann nicht angehen, daß wir Frauen die Verantwortung über unseren Reizzustand zuweisen, statt selbst die Verantwortung und die Kontrolle darüber zu übernehmen.

Schlußwort

Nach Antworten auf einige christliche Einwände zu den Slutwalks möchte ich noch einmal ganz deutlich meine Überzeugung äußern, daß wir als Christen die Slutwalks unterstützen sollten.

Der Umgang mit Frauen, die nach dem Erleben und Überleben sexueller Gewalt beschuldigt werden, das mit ihrer freizügigen Kleidung, dem Genuß von Alkohol, einem Flirt... erst möglich gemacht zu haben - das  ist ein wichtiges Thema, bei dem nicht nur in der Gesellschaft vieles schief läuft, sondern auch in christlichen Gemeinden - gerade auch bei Evangelikalen und in Freikirchen. 

Ich glaube, daß Jesus bei einem Slutwalk mitmarschieren würde.

Ich glaube nicht, daß wir den Beifall unseres Herrn finden, wenn wir Frauen auffordern, sich zurückhaltend und jedenfalls nicht wie "Schlampen" zu kleiden, um nicht vergewaltigt zu werden.

Ich glaube nicht, daß unsere Gemeinden von Jesus Applaus erwarten dürfen, wenn wir Frauen beschuldigen, mit freizügiger Kleidung einen "Bruder" verführt und zu Fall gebracht zu haben, wenn wir Frauen ermahnen, sich zurückhaltend zu kleiden, damit nicht ein "Gesalbter des Herrn" zur Sünde verführt wird.

Ich glaube, daß Jesus von uns erwartet, daß wir die Männer in unseren Gemeinden ermahnen und nicht die Frauen, daß wir den Männern in unseren Gemeinden deutlich machen, daß sie selbst für ihr Verhalten verantwortlich sind und daß freizügige Kleidung niemals eine Entschuldigung sein kann.

Ich glaube auch, daß wir es den Menschen um uns herum schuldig sind, Verantwortung für sündhaftes Verhalten von Christen in solchen Fragen zu übernehmen, vor allem für die schwere Sünde den Frauen gegenüber, die zuerst respektloses Verhalten, obszöne Worte, lüsterne Blicke, Begrapschen oder gar eine Vergewaltigung er- und überlebt haben und dann von Christen hören mußten, mit ihrer freizügigen Kleidung, mit ihrem Genuß von Alkohol, mit ihrem Besuch einer Disco, mit ihren Flirts, mit ihrem Beruf als Tänzerin oder Sexarbeiterin oder was sonst hätten sie das ja herausgefordert, hätten sie die Männer zur Sünde verführt, wären sie ja selbst verantwortlich. Hätten sie sich wie anständige Christinnen verhalten, wäre ihnen das nicht passiert.

Ich hoffe, daß Christen nicht auf die Idee kommen, einen Slutwalk als Plattform für missionarische Einsätze zu mißbrauchen. In Australien haben Christen mit Sprüchen wie "Vergewaltigung ist schrecklich, aber Unanständigkeit auch" oder "Gott widersteht den Stolzen, aber gewährt den Bescheidenen Gnade" protestiert (siehe  hier) - und das kann es ja nun wirklich nicht sein.

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 17. August 2011 um 16:31 Uhr
 

Kommentar schreiben

Bitte beachten Sie die Verhaltensregeln und die allgemeinen Nutzungsbedingungen, die im Impressum niedergelegt sind.

Bitte haben Sie Verständnis dafür, daß Ihr Kommentar erst vom Webmaster freigeschaltet werden muß, um unerwünschte Werbung zu verhindern. Die Freischaltung erfolgt so schnell wie möglich.


Sicherheitscode
Aktualisieren

InfoAdministrationXML Sitemap