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Eine gewagte Frage, gewiß. Auch der Pastor der mittlerweile geschlossenen Arlington Believers Church in Arlington, Texas hat sich diese Frage gestellt und dann leider nicht beantwortet.
Er sieht an dem Vorschlag jenes kanadischen Polizisten, Frauen mögen sich bitte zurückhaltend kleiden, um nicht vergewaltigt zu werden, nichts grundsätzlich Falsches - verweist dann aber auf
1. Timotheus 2,9-10
, wobei er glaubt, heutzutage würde Paulus damit auch einen Slut walk provozieren. Zurückhaltende Kleidung, so der Pastor der ABC, schütze Frauen, schütze Männer und ehre Gott.
Paulus freilich schreibt nicht an Timotheus, die Frauen mögen sich zurückhaltend kleiden, damit sie nicht vergewaltigt werden. Vermutlich ist der Hintergrund der Anweisungen des Paulus in den Versen 8 bis 15 die gnostische Bedrohung der frühchristlichen Gemeinde.
Wenn ich die Bibel richtig verstehe, dann sollen sich Frauen (wie auch Männer) so kleiden, wie es den jeweiligen Sitten entspricht. Darum ist ein Minirock eine durchaus angemessene Kleidung für eine christliche Frau.
Kommen wir nun zurück zu der Frage, ob Jesus bei einem Slut walk dabei sein würde. Ich glaube: Ja, er würde. Ich glaube das; denn es ist meine Überzeugung, daß Jesus die zentralen Forderungen der Slut walker unterstützt:
- Nicht Frauen müssen dafür Sorge tragen, daß sie nicht sexuell belästigt oder vergewaltigt werden, sondern Männer dürfen keine Frauen sexuell belästigen oder vergewaltigen
- Die Kleidung oder das Verhalten einer Frau darf niemals als ein "Ja" für sexuelle Übergriffe gewertet werden
- Frauen, die aufgrund von Alkohol oder Drogen nicht in der Lage sind, "Nein" zu sagen oder ein "Ja" sagen, daß sie später möglicherweise bereuen, dürfen nicht sexuell belästigt oder vergewaltigt werden
- Frauen, die aufgrund ihres Aussehens (z.B. dicke Frauen) angeblich "niemanden abbekommen", dürfen nicht "zwangsbeglückt" werden
- Frauen, die als Hostessen, Begleiterinnen, Tänzerinnen, Prostituierte o.ä. arbeiten, sind kein Freiwild
- Frauen darf nicht die Schuld dafür gegeben werden, wenn sie mit sexueller Gewalt konfrontiert werden, egal ob dies im Hinblick auf ihre Kleidung oder ihr Verhalten geschieht
- Frauen müssen sich nicht in ihren Freiheiten (Kleidung, Verhalten usw.) beschränken, um die Gefahr sexueller Übergriffe zu minimieren
- Frauen, die sexuell belästigt oder vergewaltigt werden, dürfen nicht als Opfer gesehen werden, sondern eher als Überlebende
- Frauen wollen über Begriffe wie "Schlampe" die Deutungshoheit behalten
Keine dieser Forderungen ist gegen die christliche Ethik.
Allerdings ist es so, daß wir Christen im Hinblick auf diese berechtigten Forderungen nicht unbedingt Vorreiter sind. Es gibt in christlichen Gemeinden und Kirchen zu viele sexuelle Übergriffe gegen Frauen, gerade auch in evangelikalen oder freikirchlichen Gemeinden, den Frauen wird dabei zu oft eine Mitschuld gegeben (das gilt um so mehr, je mehr der Täter für sein christliches Engagement geschätzt wird).
Darum der zehnte Punkt, eine Forderung christlicher Frauen: Christliche Gemeinden, vor allem evangelikale und/oder freikirchliche Gemeinden, sollten nicht so tun, als sei bei ihnen im Hinblick auf sexuelle Gewalt gegen Frauen alles in bester Ordnung und so etwas geschieht nur bei den "Heiden" - und sollte es in der Gemeinde geschehen, dann muß die Frau das durch ihre Kleidung oder ihr Verhalten provoziert haben.
Darum glaube ich: Ja, Jesus, würde bei einem Slut walk mitmachen. Darum glaube ich auch, daß auch wir Christen da mitmachen sollten.
Wir dürfen uns weder daran stören, daß die Märsche unter dem Motto "Slut" (zu deutsch "Schlampe") erfolgen noch daß einige der teilnehmenden Frauen sehr freizügig gekleidet sind noch daß da auch Homosexuelle, Transvesititen, Trsnssexuelle usw. teilnehmen.
Beim Begriff "Schlampe" geht es darum, daß wir diesen Schmähbegriff der Deutungshoheit der Männer entwinden und den Frauen überlassen müssen, damit sie ihn internalisieren können.
Daß sich einige Frauen bei den Slut walks freizügig kleiden hat nicht den Zweck, daß die Frauen nun immer so herumlaufen wollen. Es ist eine bewußte Übertreibung, bei der gerade männliche Fantasien bewußt angesteuert und auch übersteuert werden. Die meisten Teilnehmer eines Slut walks kleiden sich normal.
Daß auch Homosexuelle, Transvestiten, Transsexuelle usw. an den Slut walks beteiligen wird verständlich, wenn man bedenkt, wie oft sie mit sexueller Gewalt konfrontiert werden. Wir mögen über die Homosexualität denken, was wir wollen - wir sollten dort, wo sie von meist homophoben Männern sexuell belästigt werden, schützen und ihnen helfen. Wenn wir einmal Jesu Gleichnis vom barmherzigen Samariter nehmen - ich könnte mir gut vorstellen, daß Jesus dieses Gleichnis auch mit einem Homosexuellen erzählen würde. Und ja, als Christen sind wir aufgerufen, Homosexuellen dort, wo sie belästigt, angegriffen, vergewaltigt werden, beizustehen - ohne auch nur daran zu denken, sie seien ja selbst schuld an dem, was ihnen geschieht.
Für Slut walks zu sein bedeutet nicht, einer "Verwahrlosung" unserer Gesellschaft Vorschub zu leisten. Es bedeutet, den Frauen und Männern beizustehen, die nicht nur sexuell belästigt oder vergewaltigt werden, sondern denen die Gesellschaft und zu oft auch wir Christen daran eine Mitschuld geben, sei es wegen ihrer Kleidung oder wegen ihrem Verhalten.
Ich würde mich nicht wundern, wenn Jesus uns "dermaleinst" fragt, warum wir ihm nicht bei den Slut walks Gesellschaft geleistet haben. Wir werden dann erfahren, daß er dabei war - und wir werden uns daran erinnern, was wir über die Teilnehmer der Slut walks gedacht haben.
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