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Islamfeindlichkeit in Deutschland? PDF Drucken E-Mail
Blog - Islam
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Dienstag, den 21. Juli 2009 um 12:38 Uhr

Sind die Deutschen, wie man manchmal hört, besonders islamfeindlich? Reagieren sie besonders feindlich auf das Kopftuch muslimischer Frauen? Müssen die Deutschen, muß sich die Bundeskanzlerin für den Mord an Marwa al-Sherbini entschuldigen? 

In den letzten Tagen bin ich auf diverse Artikel hierzu gestoßen, auf zwei davon möchte ich in diesem Kommentar eingehen.

In der "Tageszeitung" vom 17. Juli 2009 hat Daniel Schulz den islamischen Deisgner Melih Kesmen interviewt ("Designer über Islamophobie: 'Nur dieses eine Wort: Taliban'"). Kesmen hat Unterschriften gesammelt, um Bundeskanzlerin Frau Dr. Merkel dazu zu "bringen, sich zum Mord zu äußern". Da stellt sich natürlich gleich die Frage, warum sollte sich die Kanzlerin zu diesem Mord äußern? 

Kesmen rechtfertigt sein Anliegen damit, daß der Mord in einem "öffentlichen, staatlichen Gebäude passiert (sei), in einem Gericht. Ich und auch andere Muslime stellen sich die Frage, wie sicher kann ich mich denn fühlen, wenn ich mein Recht einfordere. Will der Staat mich eigentlich genauso schützen wie die so genannte Mehrheitsgesellschaft? Dazu will ich eine eindeutige Aussage von Angela Merkel haben."

Glaubt Kesmen allen Ernstes, ein Mord in einem Landgericht würde keinesfalls geschehen, wenn das Opfer keine Ausländerin, keine Muslima wäre, kein Kopftuch tragen würde? Glaubt er allen Ernstes, der Staat schütze keine Muslime, vor allem dann nicht, wenn sie ihr Recht einfordern? Dieser Vorwurf entbehrt jeglicher Grundlage und ist ungeheuerlich.

Der Mord an Marwa al-Sherbini konnte nicht verhindert werden, aber der Staat hat getan, was er zu tun hatte: Er hat den Tatverdächtigen inhaftiert und wird ihm den Prozeß machen, im Namen des Volkes.

"Sonderbehandlungen" von Seiten des Staates sind immer problematisch; denn vor dem Gesetz und seinen Organen sind alle gleich. Wenn die Bundeskanzlerin im Falle des Ehrenmordes eines Rußlanddeutschen an einer kopftuchtragenden Muslima anders handelt als im Falle eines "normalen" Ehrenmordes oder überhaupt eines Mordes, wäre das durch nichts zu rechtfertigen - und es hat sich um einen "Ehrenmord" gehandelt, weil der Täter sich offenbar sowohl bei dem Vorfall auf dem Spielplatz als auch vor Gericht in seiner Ehre verletzt gesehen hat; die "Islamophobie" des Alex W. ist in keiner Weise schlimmer als die "Schandophobie" und die Frauenverachtung ehrenmordender Ehemänner, Väter, Brüder, Onkel, weil das Mädchen oder die Frau etwa kein Kopftuch tragen will, statt dessen vielleicht einen kürzeren Rock und Make-up, oder aber weil sie nicht eben den "islamischen Weg" gehen will, wie erst vor kurzem ein Vater den "Ehrenmord" an seiner Tochter begründen wollte. Oder hat etwa ein Vater besondere Rechte an seiner Tochter, weswegen ein von ihm begangener "Ehrenmord" an ihr nicht so schlimm ist wie der "Ehrenmord", den Alex W. begangen hat?

Auch eine Entschuldigung ist durch nichts gerechtfertigt, wenn sich Frau Merkel nicht ebenso bei allen Frauen entschuldigen würde, wenn eine von ihnen das Opfer eines Ehrenmordes wird. Hat nicht jede Frau das Recht auf eine eindeutige Aussage von Angela Merkel, daß sie sich hierzulande sicher fühlen kann, auch dann, wenn sie nicht länger den "islamischen Weg" gehen will, wenn sie einen Mann heiraten will, den sie sich selbst aussucht, ganz egal, was ihre Familie von ihm hält. 

Schulz erinnert Kesmen an die Entschuldigung Merkels beim ägyptischen Präsidenten, woraufhin Kesmen erwidert, "was hat das mit mir zu tun? Was hat das mit den Muslimen zu tun, die hier jeden Tag auf die Straße gehen müssen. Wenn zwei Politiker eine solche Sache unter sich ausmachen, kommt das beim Volk nicht an. Außerdem sieht es jetzt so aus, als hätte sich die Kanzlerin nur entschuldigt, damit das Ansehen Deutschlands in Ägypten keinen Schaden nimmt. Das ist aber nicht das Problem."

Frau Merkel mag es schon um das Ansehen Deutschlands gehen, aber sie wird wohl auch Racheakte an Deutschen in Ägypten befürchten oder Terrorakte in Deutschland. 

Sie hat sich vermutlich auch entschuldigt, um Ausfälle gegen Christen in Ägypten vorzubeugen - die leider keine Seltenheit sind (und für die sich der ägyptisache Präsident bisher nicht bei den Christen entschuldigt hat, jedenfalls ist bei den europäischen Geschwistern der in Ägypten verfolgten Christen - aktuell etwa Externer Link dieser erschreckende Fall - bisher keine Entschuldigung angekommen).

Anscheinend kommt Kesmen mit dem Unterschied zwischen einer Schamkultur (wie Ägypten und überhaupt die islamische Welt) und einer Schuldkultur (wie Deutschland) nicht zurecht. In einer  Schuldkultur wird dem Schuldigen der Prozeß gemacht, "Ehre" und "Scham" spielen dabei keine Rolle, dürfen dabei keine Rolle spielen. 

Immerhin hält Kesmen die Aussage, Deutschland sei insgesamt islamfeindlich, für "Unsinn"; es habe sich um "die Tat eines irren Einzelnen" gehandelt. Aber wenn Kesmen daraufhin auffordert, "schauen Sie sich die Berichterstattung und den Aufschrei in der Öffentlichkeit an, wenn es einen so genannten 'Ehrenmord' gibt und dann vergleichen Sie es mit dem Mord von Dresden", dann fragt man sich, von was für einem "Aufschrei" er eigentlich spricht.

Wenn es nämlich nicht einige wenige tapfere zumeist muslimische zumeist weibliche zumeist nach Deutschland migrierte Personen gäbe, die gegen "Ehrenmorde" kämpfen, würde das in der deutschen Gesellschaft absolut keine Rolle spielen. Einen Aufschrei freilich gibt es weder mit diesen mutigen Frauen noch würde es ihn ohne sie geben (eher gibt es peinlich berührtes Schweigen und zum Teil heftige Kritik, weil diese Frauen den Dialog mit dem Islam und das friedliche Zusammenleben mit den Muslimen gefährden). Glaubt Kesmen wirklich, die Deutschen interessieren sich für muslimische Frauen, die in irgendeiner Weise Opfer muslimisch begründeter Gewalt und islamisch motivierten Zwangs werden? 

Weiter sagt Kesmen, "es gibt eine wachsende Islamfeindlichkeit in Deutschland".

Zu dieser Anklage sind drei Dinge zu sagen:

Erstens: Ja, es gibt in Deutschland eine Zunahme der Muslimenfeindlichkeit. Sie hat viele verschiedene Ursachen - aber sie hat eher wenig mit dem Mord an Marwa al-Sherbini zu tun; denn der Haß des Alex W. gegen Muslime hat mit mit der Muslimenfeindlichkeit, die wir in Deutschland beobachten können, eher wenig zu tun. Damit soll weder die Tat des Alex W. noch die Bedeutung der in Deutschland wahrzunehmenden Muslimenfeindlichkeit relativiert werden; aber es sind einfach zwei verschiedene Dinge, auch wenn es Schnittmengen gibt. Für ein endgültiges Urteil wird man natürlich abwarten müssen, was die Gerichtsverhandlung gegen Alex W. ergibt, um den Typ seines Hasses gegen Muslime genau bestimmen zu können; bis dahin kann aber als wahrscheinlich gelten, daß "Muslimenfeindlichkeit", so wie man es gewöhnlich definiert, die am wenigsten zutreffende Beschreibung des Tatmotives von Alex W. ist. 

Zweitens: Angesichts dessen, was in Deutschland und in der ganzen Welt an schlimmen Dingen geschieht, die mit dem real existierenden Islam in Verbindung stehen, ist die Muslimenfeindlichkeit in Deutschland erstaunlich gering.

Man vergleiche das einmal spaßeshalber mit der "Evangelikalophobie". Weil einige Evangelikale Kreationisten sind und die Evolutionstheorie ablehnen, weil einige wenige Evangelikale gegen einige wenige Unterrichtsinhalte an staatlichen Schulen sind, weil einige wenige Evangelikale Homosexuellen, die daran interessiert sind und danach fragen, "Heilung" anbieten, weil viele Evangelikale Mission bejahen und obwohl keine evangelikalen Selbstmordattentäter mit Sprengstoffgürteln bekannt sind, obwohl niemand je gehört hätte, daß Evangelikale Geiseln nehmen, obwohl niemand je gesehen hat, daß Evangelikale "Abtrünnige" mit dem Tod bedrohen, haben wir in Deutschland ein erstaunlich hohes Maß an Evangelikalenfeindlichkeit in der Öffentlichkeit und vor allem in den Medien, sogar in manchen kirchlichen Kreisen.

Trotz einer wachsenden "Westfeindlichkeit" des real existierenden Islam sind wir von einer Muslimenfeindlichkeit, die dem auch nur annähernd entsprechen würde, weit entfernt. All das, was der real existierende Islam in seiner juden- und israelfeindlichen, westfeindlichen, frauenfeindlichen, christenfeindlichen... Gestalt macht und tut, wird mit einem "hat mit dem Islam nichts zu tun" als eigentlich "anti-islamische Aktion" etikettiert. Man bemüht sich, das Gute im Islam hervorzuheben, zu predigen, daß Islam ja Friede sei. Um die Greueltaten, die im Namen des Islam begangen werden, zu relativieren, werden die Evangelikalen, die USA, Israel usw. als Feindbilder aufgebaut, wird an Kreuzzüge, Inquisition und Hexenverfolgung erinnert und deren baldige Wiederkehr durch judäo-evangelikale Parteigänger Amerikas als Menetekel an die Wand gemalt. Gerade in der Linken sind die Muslime pauschal mit dem Opferstatus geadelt worden und genießen somit höchste Wertschätzung der allermeisten Linken - Ausnahmen bestätigen die Regel - und damit eines Großteils der Medien.

Also: Es gibt mit Sicherheit keine Muslimenfeindlichkeit in Deutschland, die dem entsprechen würde, was der real existierende Islam tagtäglich provoziert.

Drittens: Die Deutschen sind m.E. nicht muslimenfeindlich, sondern uniformistisch. Sie wollen, daß immer alles gleich ist, sie wollen alles ordnen und regeln. Bloß nicht aus der Reihe tanzen, bloß nicht auffallen. Der Deutsche liebt alles, was uniform, was gleichförmig ist. Mit Multiformität kann der Deutsche nicht gut umgehen, es sei denn, er kann es unter "exotisch" abbuchen; denn alles, was exotisch ist, das liebt der Deutsche, das hegt und pflegt er. Ansonsten will er immer alles in eine ordentliche Form pressen, "uniformed in Germany". Ob jemand Muslim ist oder nicht, ist dem Deutschen egal, solange es nicht auffällt und sich schön in die deutsche Uniform einfügt. Das ist freilich keine Spezialität der Rechten, auch die Linke beherrscht das Spiel der Deutschen in Perfektion. Der Islam jedenfalls begegnet hierzulande keiner Skepsis und Kritik, nur weil er der Islam ist, sondern weil er sich oft der Uniformität entzieht, weil er sich nicht in die schönen Formen pressen lassen will, weil er nicht einziehen will in die schönen stillen Kämmerlein, die der Deutsche für ihn vorbereitet hat. Dieses Schicksal jedenfalls teilt der Islam mit allen anderen Nonuniformisten, doch er hat wenigstens noch den romantischen Exotenbonus und zudem einen ihm von der Linken zugestandenen Opferbonus.

Über die angeblich "wachsende Islamfeindlichkeit" sagt Kesmen, "das erleben wir täglich, vor allem die Frauen mit Kopftuch, die angepöbelt werden." Eine gewisse Kopftuchfeindlichkeit gibt es in Deutschland tatsächlich, aber sie hat nur zu einem geringen Teil mit dem Islam zu tun.

Für die Deutschen ist das Kopftuch muslimischer Frauen die Wiederauferstehung von all dem, für das das Kopftuch bei uns früher stand. Die Deutschen lehnen nicht nur das islamische Kopftuch ab, sondern überhaupt das Kopftuch, wenn es nicht gerade eine alte Bauersfrau trägt. Also ab 70 oder als alterslose Nonne etwa darf frau, darunter ist es ein Tabu, egal wer es trägt.

Dabei kann man durchaus feststellen, daß das Kopftuch muslimischer Frauen eine Art "Exotenbonus" hat - würden die Evangelikalen etwa das Tragen des Kopftuches praktizieren, wie es eine kleine Minderheit von ihnen tatsächlich tut (wenn auch meist nur im Gottesdienst), sähe die Situation viel schlimmer aus. Kreuz und Kopftuch - das ist in Deutschland immer ein Problem, da ist unser Land in höchster Gefahr.

Würden muslimische Frauen allerdings kein Kopftuch tragen, sondern etwa Halsspiralen wie die Ndebele in Südafrika oder die Padaung in Südostasien, würden sie Tellerlippen tragen wie etwa die Mursi und Surme am Blauen Nil in Äthiopien oder Tätowierungen wie in manchen anderen Völkern, wäre das vermutlich gar kein so großes Problem. Man würde es exotisch finden. Kaum ein Deutscher würde sich daran stoßen. Eine Lehrerin mit Halsspirale? Kein Problem. Pure Exotik. Das paßt dann auch zur deutschen Uniformität.

Aber das Kopftuch der Muslima scheint auf einem "deutsch-christlichen Kopf" zu sitzen, jedenfalls sehen wir es als Wiedergängerin des von uns doch seit Jahren abgelegten Kopftuches unterdrückter, entsexualisierter, dem Manne unterworfener Frauen. Es ist weithin keine Muslimenfeindlichkeit, wenn Deutsche sich am Kopftuch stören, sondern eine Feindlichkeit, die sich gegen ein frauenfeindliches, reaktionäres, konservatives Christentum richtet und nicht erkennen kann, was für ein Kopf da wirklich unter dem Tuch steckt. 

Überhaupt sehen die Deutschen den Islam weit mehr als eine Spielart des alten, von den 68ern für tot erklärten Christentums denn als eine eigenständige Religion. Wir sehen den Islam immer durch eine christlich gefärbte Brille - und glauben auch, wir könnten die Reformation und die Aufklärung, die das Christentum erlebt hat, mit links auf den Islam übertragen und würden den Muslimen damit etwas Gutes tun. Ja, wir sehen den Muslim, die Muslima oft als "edle Wilde", die wir mit Reformation und Aufklärung "zivilisieren" können. Wenn es in Deutschland Muslimenfeindlichkeit gibt, dann hat sie meist mit der Erinnerung an das frühere Christentum konservativer reichsdeutscher Prägung zu tun, mit strenger Sittenlehre und dergleichen mehr. Dazu ein wenig Angst vor dem real existierenden Islam und die Weigerung vieler Muslime, sich von uns mit Aufklärung und Reformation (zwangs-) beglücken zu lassen (etwa indem sie das Kopftuch endlich als das erkennen, was es unserer Meinung nach nun einmal ist), und schon haben wir das, was Muslimas und Muslime heute als Muslimenfeindlichkeit erleben. Es ist wichtig, diese Hintergründe, diese Motive zu verstehen, will man wirklich etwas gegen die Muslimenfeindlichkeit tun.

Weiter sagt Kesmen in bezug auf die von ihm geforderte Entschuldigung Merkels, "das Schweigen signalisiert doch den Islamfeinden: Es ist in Ordnung was wir tun, niemand regt sich darüber auf." Ich weiß nicht, was für Kesmen diese "Islamfeinde" sind, aber die diversen islamkritischen und "islamophoben" Foren und Blogs, die ich im Internet so kenne und verfolge, um mir ein Bild zu machen, haben sich auch ohne eine Äußerung der Bundeskanzlerin sehr deutlich dafür ausgesprochen, daß ein solcher Mord, wie er in Dresden passiert ist, nicht akzeptabel ist. Man hat sich sehr über diesen Mord aufgeregt und hofft, daß der Täter angemessen bestraft wird. Niemand dort hat diesen Mord ignoriert, und niemand dort will, daß der Täter nicht bestraft wird oder der Täter gar zum Helden erklärt wird. Dazu brauchte man keine Äußerung der Bundeskanzlerin - die würde sogar im Gegenteil als Erniedrigung gegenüber einem real existierenden Islam angesehen und sehr negativ bewertet werden, eines Islam eben, der selbst viel zu oft keinerlei Probleme damit hat, Menschen wegen ihrer "Ehre", ihres Glaubens, ihrer Sexualität zu ermorden.

In der "Frankfurter Rundschau" (sowie in der ägyptischen Zeitung al-Ahram) hat Tarik A. Bary, der an der Ain Shams Universität in Kairo deutsche Sprache und Literatur lehrt, am 19. Juli unter dem Titel "Die Wahrheit hinter dem Schleier" beklagt ein mangelndes Interesse der deutschen Politik und Öffentlichkeit am Mord an Marwa al-Sherbini, vermutet, es habe damit zu tun, daß sie Kopftuch trug und meint dann, "es ist traurig, wenn Menschen erst nach Staatsangehörigkeit und Religion fragen, um dann zu entscheiden, ob sie das Opfer betrauern sollen". 

Ich denke nicht, daß mehr als kleine Minderheit der Deutschen tatsächlich so agiert. Man denke doch nur einmal an den Mord an den beiden Bibelschülerinnen im Yemen, der vor kurzer Zeit passiert ist. Zwei deutsche, christliche Frauen. Hat man in Deutschland um sie getrauert? Nein, statt dessen hat man ihnen schnell die Mitschuld an ihrem Tod gegeben, weil sie "missioniert" hätten. Daß in Deutschland jedes Jahr etwa fünf ehemalige Muslime, die Christen geworden sind, ermordet werden, bringt auch kaum einen Deutschen zum Trauern - geschweige denn zum Nachdenken. Daß überhaupt 200 Millionen Christen weltweit - also jeder zehnte Christ - wegen seines Glaubens verfolgt wird und noch einmal so viele diskriminiert, viele davon in islamischen Ländern wie Ägypten, berührt die Deutschen, immerhin zu zwei Dritteln Mitglieder christlicher Kirchen, kaum. Die Lösung wäre ja einfach: Wenn die Christen Muslime werden, verfolgt sie auch keiner mehr. Warum also viel Wind machen? Wären die Christen in islamischen Ländern "ordentliche" Leute, würden sie Muslime werden. Man zwingt sie ja schließlich nicht, Christen zu sein. Zumindest unauffällig verhalten könnten sie sich, ihren Glauben im stillen Kämmerlein leben.

Wenn die Deutschen nicht einmal um die deutschen Bibelschülerinnen trauern können oder an die verfolgten Christen denken können, warum dann um Marwa al-Sherbini trauern? Außerdem: Wenn Deutsche trauern, dann muß das ordentlich organisiert sein. Die da oben nehmen das schon in die Hand, und wir fügen uns dann schön ein. 

Trotzdem hat der Mord an Marwa al-Sherbini in Deutschland auf jeden Fall mehr Trauer, mehr Mitleid, mehr Entsetzen ausgelöst als der Mord an zwei deutschen Bibelschülerinnen im Yemen, mehr als die Verfolgung von zig Millionen Christen in islamischen Ländern, mehr als die Morde an zum Christentum konvertierten Muslimen in Deutschland.

Die Kritik an Deutschland, hierzulande nehme die Islamfeindlichkeit zu, ist jedenfalls angesichts der Umstände ungerechtfertigt, ebenso die Forderung, Deutschland müsse sich für den Mord an Marwa al-Sherbini entschuldigen. Wir müssen den Schuldigen zur Rechenschaft ziehen und ihn bestrafen, und das wird "im Namen des Volkes" auch geschehen. Die Menschen in Ägypten sind aufgefordert, eine gerechte Strafe für Alex W. als "Entschuldigung" anzunehmen. Nur so können wir im Übrigen auch ein deutliches Zeichen gegen jede gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit setzen - sei sie nun gegen Muslime oder kopftuchtragende Frauen gerichtet.

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 18. März 2010 um 10:42 Uhr
 

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