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Den Islam als Religionsgemeinschaft anerkennen PDF Drucken E-Mail
Blog - Islam
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Dienstag, den 17. Januar 2012 um 18:18 Uhr

Wie ich gerade im von mir nicht sonderlich geliebten "Christlichen Medienmagazin pro" lese, fordert der Sprecher des Koordinationsrates der Muslime in Deutschland, Bekir Alboga, die Muslime müßten juristisch als Religionsgemeinschaft anerkannt werden.

Er beklagte - sicherlich zu Recht - ein in Deutschland herrschendes "sehr negatives Bild vom Islam und Muslimen" und sieht dies als eine Folge, daß man den Muslimen die "juristische Anerkennung" verweigere - hier freilich gebe ich Herrn Alboga nicht Recht.

Das hierzulande herrschende Bild von evangelikalen bzw. freikirchlichen Christen oder solchen aus sogenannten christlichen Sondergemeinschaften wie der Neuapostolischen Kirche ist weithin nicht besser als das der Muslime - obwohl diese juristisch anerkannt sind, in der Regel als Körperschaften des öffentlichen Rechts (Staats- bzw. Kirchenverträge wurden hier allerdings m.W. nicht geschlossen).

Soweit es aber um die Anerkennung des Islam als Religionsgemeinschaft geht, steht den Muslimen dieser Weg offen. Der einfachste Weg ist: Islamische Gemeinden schließen sich beispielsweise zu einem "Bund Islamischer Gemeinden in Deutschland" zusammen. Damit bilden sie eine Religionsgemeinschaft. Diese kann nun K.d.ö.R.-Rechte beantragen und wird diese auch erhalten, wenn die gesetzlichen Bedingungen erüllt sind (Gewähr der Dauer durch Verfassung und Zahl der Mitglieder; aktuell heißt das meist: Mitgliederlisten und 30 Jahre Bestehen).

Als Religionsgemeinschaft steht muslimischen Gemeinden auch der Weg für Staats- bzw. Kirchenverträge offen und gilt das deutsche Staatskirchenrecht.

Etliche freikirchliche Gemeinden sind diesen Weg gegangen, und so haben wir heute den Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG), den Bund Freier Evangelischer Gemeinden (BFEG), den Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP) und viele andere, die übrigens mit anderen Freikirchen die Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) bilden, das freikirchliche Gegenstück zur EKD.

Ich werde aber den Verdacht nicht los, daß die islamischen Verbände im Koordinierungsrat der Muslime eine Sonderregelung wünschen, um möglichst ohne offizielle Mitgliederlisten die offizielle islamische Religionsgemeinschaft in Deutschland zu werden, die gewissermaßen "der Islam" in Deutschland wäre.

Man könne das deutsche Staatskirchenrecht schließlich nicht auf die Muslime übertragen, heißt es dazu oft - und ich frage mich, warum eigentlich nicht? Mit den Freikirchen funktioniert das ja auch bestens. Aber auch die Freikirchen haben eben Mitgliederlisten und sind nicht "das Christentum" in Deutschland - für die islamischen Verbände scheint das ein gar zu steiniger Weg zu sein, als daß man ihn gehen könnte.

An dieser Stelle werde ich nun auch regelmäßig zum Islamkritiker: Ich kritisiere, daß die islamischen Verbände einerseits die Vorteile des Staatskirchenrechtes gewährt bekommen wollen, sich mit den daraus ergebenden Pflichten aber schwer tun. Wer "Islam in Deutschland" sein will, sollte auch in diesem Punkt in Deutschland ankommen. Das wäre auch ein starkes Symbol der Verankerung in diesem Staat.

Es wäre aber eben auch ein Nachteil: Man müßte Mitglierderlisten führen, damit die tatsächliche Zahl der Mitglieder offenlegen, die Möglichkeit des Austritts schaffen. Spätestens für eine Art "Moscheesteuer" wäre dies aber ohnehin zwingend erforderlich (wobei ich argwöhne, daß die islamischen Verbände hier auch Sonderwünsche anmelden werden).

Nicht daß man mich falsch versteht: Ich bin sehr dafür, daß die Muslime in Deutschland die Gelegenheit bekommen, sich zu anerkannten Religionsgemeinschaften zusammenzuschließen, denen man dann auch Körperschaftsrechte gewährt und mit denen man Staatsverträge schließt.Sie sollen auch die Möglichkeit haben, Religionsunterricht zu geben (auch wenn ich im Allgemeinen ein Gegner des konfessionellen Religionsunterrichtes an staatlichen Schulen bin), eine Art "Moscheesteuer" einziehen zu lassen (auch wenn ich dieses System im Allgemeinen ablehne) usw. usf. Ich bin sehr für eine echte Gleichstellung der verschiedenen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften in diesem Land und vor dem Staatskirchenrecht. Keine Privilegien für einzelne Kirchen oder Gemeinschaften (was derzeit leider eher die Regel als die Ausnahme darstellt, weswegen wir in diesem Land auch keine wirkliche Religionsfreiheit haben).

Was wir aber gewiß nicht brauchen, ist ein Sonderweg, der die bestehenden Dachverbände an die Stelle von Religionsgemeinschaften setzt. Und natürlich spricht nichts dagegen, wenn islamische Gemeinden, die als Religionsgemeinschaften anerkannt sind, weiterhin den islamischen Verbänden angehören. Aber es muß in Deutschland auch die Möglichkeit geben, daß Muslime ihren Glauben ohne die islamischen Dachverbände leben, also ohne einen "Staatsislam".

Ein anerkannter Islam in Deutschland kann nur dann funktionieren, wenn Muslime die Möglichkeit haben, freiwillig Mitglied zu werden - und auch freiwillig die Mitgliedschaft beenden zu können. Und wenn die Gesellschaft weiß, mit wem (und mit wie vielen) sie es auf islamischer Seite eigentlich zu tun hat.

Und vor allem müssen "freie Muslime" die Möglichkeit haben, daß ihr Islam ebenso anerkannt wird wie der Islam der Dachverbände. Es darf da keinen "Zwei-Klassen-Islam" geben, einen staatlich anerkannten Polster-Klasse-Islam und einen Holzklasse-Islam.

Ganz sicher brauchen wir keinen "Staatsislam", keinen "Volksislam" (hier ist nicht der folkloristische Islam gemeint, sondern eine Art gegenstück zu den Volkskirchen - wobei "Volkskirche" ohnehin heutzutage ein Begriff von mehr oder weniger nur noch historischer Bedeutung ist).

Es ist an der Zeit, daß die islamischen Gemeinden in Deutschland ermuntert werden, ordentlich verfaßte Gemeinden zu bilden, die sich dann jeweils zu Bünden o.ä. zusammenschließen. Und denen ist dann so schnell und so unkompliziert wie möglich dazu zu verhelfen, daß sie K.d.ö.R.-Rechte erlangen, egal ob es sunnitische, schiitische, alevitische, Salafi-, Ahamdiyya- oder was sonst für islamische Gemeinden sind, ohne daß irgendwer - seien es Vertreter der islamischen Verbände, seien es Politiker, Verfassungsschützer, Islamwissenschaftler oder wer sonst - die Deutungshoheit über den Islam bekommt.

Denn was wir nicht brauchen, ist ein Staatsislam, der als der einzig wahre Islam gilt. Das ist ein Punkt, den ich gar nicht oft genug betonen kann. Die islamischen Verbände wünschen sich ihre Art des Islam als "den anerkannten Islam in Deutschland", die Politiker einen "Euro-Islam" - aber letztlich müssen die Muslime selbst und von der Basis her entscheiden, ganz demokratisch, was für einen Islam sie in diesem Land leben wollen. Und da wird es dann zwangsläufig Pluralität geben, freilich zum Ärger derer, die davon träumen, ihren Islam zum hierzulande anerkannten Staatsislam zu erheben und in der Polster-Klasse sitzen zu dürfen, am liebsten mit "Moscheesteuer", öffentlich-rechtlicher Gremienarbeit usw..

Aber Religion kann in diesem Lande nur funktionieren, wenn die Menschen ihren Glauben allein oder in selbstgewählter Gemeinschaft selbstbestimmt leben können.

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 24. Januar 2012 um 14:53 Uhr
 

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