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Die niedersächsischen Kriminologen und die Freikirchen PDF Drucken E-Mail
Blog - Christentum
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Freitag, den 29. Oktober 2010 um 12:37 Uhr

In einer E-Mail von Herrn Prof. Dr. Christian Pfeiffer, dem Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), habe ich es jetzt schwarz auf weiß: Die Mitglieder "evangelisch-freikirchlicher Gemeinden", die besonders häufig Kinder schlagen, gehören nicht nur Freikirchen an, sondern auch christlichen Sondergemeinschaften.

In diesem Fall von " Baptisten, Methodisten, Adventisten usw." zu sprechen, ist dabei arg irreführend - die beiden größten Gruppen sind nämlich die Mitglieder der Neuapostolischen Kirche und die Zeugen Jehovas.

Und es ist freilich auch irreführend, in diesem Zusammenhang die Kategorien "freikirchlich", "evangelikal" und "streng religiös" miteinander zu vermischen, wie es nicht nur in der Berichterstattung über die Studie geschieht; denn nicht jede der Freikirchen und Sondergemeinschaften ist evangelikal bzw. hochreligiös.

Natürlich ist es unmöglich, an die exakten Mitgliedszahlen aller Freikirchen und Sondergemeinschaften zu kommen - zumal nicht immer alle einer Gemeinschaft Zugehörigen auch Mitglieder derselben sind.

So kommen etwa bei den Baptisten- und Brüdergemeinden im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden zu den 84.096 Mitgliedern noch rund 30.000 Kinder und Jugendliche hinzu, bei den Gemeinden im Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden kommen zu den 44.120 Mitgliedern noch 16.000 Kinder und Jugendliche sowie 116.000 Zugehörige hinzu, bei den Siebenten-Tags-Adventisten zu den 35.651 Mitgliedern noch 5.000 Kinder.

Um dennoch einen Eindruck zu erhalten, wie sich die vom KFN untersuchten Freikirchen zusammensetzen, habe ich im Folgenden die Mitgliederzahlen aller protestantischen Freikirchen und Sondergemreinschaften zugrunde gelegt, soweit ich sie in Erfahrung bringen konnte (Mitglieder unabhängiger Gemeinden und sehr kleiner Sondergemeinschaften fehlen allerdings ganz).

Dabei ist auch zu beachten, daß das KFN Kinder herausgerechnet hat, deren Eltern keine deutsche Staatsangehörigkeit haben bzw. die nicht in Deutschland geboren wurden. Das konnte ich in meiner Zusammenstellung selbstverständlich nicht tun, da mir hierfür die erforderlichen Daten fehlen.

Es fehlt auch jeder Hinweis darauf, ob die einzelnen Gemeinschaften sich dadurch auszeichnen, daß die Mitglieder so viele Kinder bekommen, wie es dem Durchschnitt der Deutschen bzw. der Christen entsprechen oder eher mehr oder weniger. In Gemeinden, in denen es mehr hoch religiöse Mitglieder gibt, bekommen diese vermutlich auch mehr Kinder.

Freikirchen in der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (Voll- und Gastmitglieder)

Dies sind die klassischen Freikirchen, die VEF ist gewissermapßen das gegenstück zur Evangelischen Kirche in Deutschland. So wie diese "die" Evangelische Kirche" darstellt, sind die Kirchen in der VEF gewissermaßen "die" Freikirchen. 

Die meisten Freikirchen in der VEF verstehen sich selbst ausdrücklich nicht als evangelikale, sondern als evangelische Freikirchen. Sie haben zwar alle einen gewisen Anteil an evangelikalen Gemeindemitgliedern - in manchen Freikirchen eher mehr, in anderen weniger -, aber ebenso auch an nicht-evangelikalen. Darüber hinaus finden sich evangelikale Christen auch im Bereich der Evangelischen Kirche - man schätzt, daß etwa jeder zweite evangelikale Christ einen landeskirchlichen Hintergrund hat.

  • Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden: 84.096
  • Evangelisch-methodistische Kirche: 57.000
  • Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden: 44.120
  • Bund Freier Evangelischer Gemeinden: 36.000
  • Siebenten-Tags-Adventisten: 35.651
  • Herrnhuter Brüder-Unität (auch Mitglied in der EKD): 6.200
  • Arbeitsgemeinschaft der Mennoniten-Gemeinden: 6.000
  • Heilsarmee: 4.000
  • Freikirchlicher Bund der Gemeinde Gottes: 3.500
  • Mühlheimer Verband: 3.000
  • Kirche des Nazareners: 2.500
  • Freikirchliches Evangelisches Gemeindewerk: 1.100
  • Anskar-Kirche: 350
  • Summe der Mitglieder: 283.517

Sonstige Freikirchen

Neben den Freikirchen in der VEF gibt es auch unabhängige Freikirchen. Von den Freikirchen in der VEF unterscheiden sie sich nur darin, daß sie sich nicht zu einer Vereinigung zusammengeschlossen haben. Viele Konfessionen wie z.B. Baptisten, Brüder und Mennoniten finden sich sowohl als Freikirchen innerhalb wie auch außerhalb der VEF. Dabei sind die VEF-Freikirchen meist etwas "liberaler", die unabhängigen Freikirchen etwas "konservativer".

Aber auch für die unabhängigen Freikirchen gilt, was schon für die VEF-Freikirchen gesagt wurde: Es handelt sich nicht um evangelikale Freikirchen, und in diesen Freikirchen finden sich neben evangelikalen Christen auch solche, die nicht evangelikal sind.

  • Unabhängige Baptisten-Gemeinden: 75.000 (Schätzungen bis 100.000)
  • Brüderbewegung (ohne BEFG-Gemeinden): 35.000
  • Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche: 36.029
  • Mennoniten (ohne AMG): 34.000
  • Unabhängige afrikanische Gemeinden: 30.000
  • Apostelamt Jesu Christi: 18.000
  • Apostolische Gemeinden: 7.000
  • Pilgermission: 6.500
  • Gemeinden Christi: 2.800
  • Evangelisch-Lutherische Freikirche: 1.372
  • Quäker: 250
  • Metropolitan Community Church: 50
  • Summe der Mitglieder: 246.001

Christliche Sondergemeinschaften

Von "Sondergemeinschaften" zu sprechen, bedeutet nicht, diese Gemeinschaften abzuwerten - schon gar nicht in moralischer Hinsicht. "Sondergemeinschaft" ist keine moralische Kategorie.

Von einer christlichen Sondergemeinschaft ist dann zu sprechen, wenn diese Gemeinschaft sich von anderen Kirchen durch Sonderlehren abhebt, zwischenkirchliche Beziehungen ablehnt oder allen anderen Kirchen unterstellt, vom wahren Christentum abgefallen zu sein. Dabei sind die Grenzen zwischen den christlichen (Frei-) Kirchen und den christlichen Sondergemeinschaften manchmal fließend und nach beiden Seiten durchlässig.

Sondergemeinschaften zusammen mit den Freikirchen als mehr oder weniger homogenen Gegenspieler zu den Volkskirchen zu betrachten, wie es immer wieder geschieht (und durch die Zusammenziehung der Freikirchen und Sondergemeinschaften in der Studie des FKN zumindest angedeutet wird), ist höchst problematisch. Die Gemeinsamkeiten zwischen den Sondergemeinschaften und den Freikirchen sind im Großen und Ganzen nicht größer als die zwischen den Sondergemeinschaften und den Volkskirchen, nur daß sowohl Freikirchen als auch Sondergemeinschaften eben keine "Volkskirchen" sind, sondern Freiwilligenkirchen.

  • Neuapostolische Kirche: 363.355
  • Zeugen Jehovas: 165.348
  • Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage (Mormonen): 38.215
  • Christliche Gemeinschaft Hirt und Herde: 2.000
  • Freie Bibelgemeinde: 881
  • Internationale Gemeinde Christi: 300
  • Neue Kirche: 200
  • Summe der Mitglieder: 570.299

Die Sondergemeinschaften bilden also mit fast 570.300 Mitgliedern die größte Gruppe. Von insgesamt 1.099.817 "Freikirchlern" stellen sie 51,9 %. Somit bilden die echten Freikirchen mit insgesamt 48,1 % eine Minderheit: 25,8 % kommen aus der Vereinigung Evangelischer Freikirchen, 22,4 % aus anderen Freikirchen (Differenz  durch Rundung).

Wenn das KFN also sagt: "Freikirchler", dann ist hochgerechnet nur jeder Vierte von diesen ein "echter" Freikirchler, der zu einer Gemeinde in der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) gehört. Nicht ganz jeder Vierte ist ein "unabhängiger" Freikirchler, dessen Kirche nicht zur VEF gehört. Und mehr als jeder Zweite gehört einer Sondergemeinschaft an. Allein die Neuapostolische Kirche hat mehr Mitglieder als alle Freikirchen in der VEF zusammen.

Natürlich bedeutet das nicht, daß man sich jetzt zurücklehnen und die Verantwortung auf die Sondergemeinschaften abwälzen könnte. Niemand weiß bis jetzt, wie sich das Schlagen von Kindern auf die drei Gruppen VEF-Freikirchen - andere Freikirchen - Sondergemeinschaften aufteilt. Es ist nur klar: Von "Freikirchen" zu sprechen ist höchst unwissenschaftlich und irreführend - zumal wenn man erst nachbohren muß, um herauszufinden, welche Religionsgemeinschaften damit eigentlich gemeint sind und meistens nur von "Baptisten, Methodisten, Adventisten usw." die Rede ist.

Zuletzt sei noch einmal daran erinnert: Daß in jedem zweiten Satz zu dieser Studie die "Freikirchler" mit den Muslimen verglichen werden, bedeutet Äpfel mit Erdäpfeln sprich Kartoffeln zu vergleichen. Innerhalb des Islam gibt es keine Gruppe, die mit den Freikirchlern vergleichbar wäre, es gibt keinen "Freiislam", um es einmal so auszudrücken (man kann auch nicht diejenigen Muslime, die die islamischen Verbände im KRM ablehnen, dafür nehmen, weil sie bei weitem nicht alle religiös sind).

Man kann die Freikirchler auch nicht mit hoch religiösen Muslimen vergleichen, weil nicht alle Freikirchler evangelikal oder hoch religiös sind.

Jeder Vergleich zwischen "Freikirchlern" und Muslimen hinkt auf beiden Seiten und ist nicht hilfreich, in der Praxis unbrauchbar (es sei denn, für polemische Zwecke).

Gewalt in familiär geprägten Religionsgemeinschaften

Zum Schluß noch eine Bemerkung zum Thema Gewalt gegen Kinder in familiär geprägten Religionsgemeinschaften. Viele Menschen erleben die familiäre Atmosphäre in kleinen Gemeinden positiv, und sie hat viele Vorteile. Man kennt sich, man geht vertraut miteinander um.

Aber gerade diese Vertrautheit bildet natürlich auch einen Risikobereich für Kinder und Jugendliche - Dritte schauen nicht so genau hin, ob Kinder und Jugendliche Gewalt und Mißbrauch an Seele und Körper erfahren, sei es nun innerhalb der Familien oder innerhalb gemeindlicher Strukturen (Jugendgruppe, Chor usdw.).

In großen volkskirchlich geprägten Gemeinden besteht dieser Risikobereich nicht oder in geringerem Maße als in kleinen "Kuschelclubs der Erretteten", Mißbrauch und Gewalt können hier eher auffallen, Alarmzeichen werden eher und dann auch richtiger wahrgenommen.

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 03. November 2010 um 08:30 Uhr
 

Kommentare  

 
# FreikirchenGast 2010-10-30 12:40
Die Auseinandersetz ung unter der Überschrift "...Kriminologen und Freikirchen" ist ernsthaft, bemüht sachlich und nüchtern. Das kommt ganz gut rüber.
Die Gesamtproblemat ik des in den Medien publizierten Vorwurfs "Freikirchler schlagen häufiger ihre Kinder" wird durch die Verbreiterung der Diskussionsbasi s mit vielen Fakten dargestellt. Nicht gerade leicht zu konsumieren, aber gut!
Es gibt jedoch ein paar Fallstricke in diesem Bereich, auf die ich zusätzlich aufmerksam machen möchte:
- So ist es nicht einfach, den Begriff "evangelikal" allgemein verständlich und gültig zu definieren. Die Bezeichnung kommt zu uns aus dem Englischen und dort sagt sie einfach nur "evangelisch". Hier wird sie meist als "konservativ, biblizistisch" miss- oder verstanden.
- Der Begriff "Konfession" (Bekenntnis) taugt nicht, um innerhalb der Evangelischen bestimmte Gruppen (Baptisten, ... usw.) von einander zu unterscheiden. Dafür ist eher "Denomination" (Bezeichnung, Benennung) geeignet.
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# @Alfred MignonMichael Molthagen 2010-11-03 10:24
Danke für Ihren Kommentar!

Zu Ihren Anmerkungen: Es stimmt, daß der Begriff "evangelikal" problematisch ist. Übrigens unterscheiden die Angelsachsen zwischen "evangelical" im Sinne von "evangelikal" und "evangelical" im Sinne von "protestantisch" durch die Aussprache (Betonung) des Wortes. Niemand würde dort freilich auf die Idee kommen, "evangelical christians" und "free churches" miteinander gleichzusetzen, wie es hierzulande gang und gäbe ist.

Der Begriff "Denomination" wäre in der Tat passender als "Konfession", aber er ist hierzulande weniger gebräuchlich. Meiner Beobachtung nach wird der Begriff "Konfession" im Sprachgebrauch tatsächlich eher so verwendet wie bei den Angelsachsen der Begriff "denomination".
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