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Die Evangelikalen im 21. Jahrhundert PDF Drucken E-Mail
Blog - Christentum
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Samstag, den 04. Februar 2012 um 12:44 Uhr

Viele Medien berichten derzeit über die Evangelikalen - meist werden sie als ein monolithischer Fundamentalisten-Block dargestellt - eine Gefahr vor allem in den USA, die aber auch zunehmend nach Europa und selbst ind die Heimat der besten aller Menschen eindringt, nach Deutschland.

Daß nicht einmal die US-Evangelikalen eine homogene Bewegung darstellen, wird dabei gerne unter den Teppich gekehrt - und auch im Hinblick auf die deutschen Evangelikalen wird eine Gleichförmigkeit angenommen, als bildeten die Evangelikalen eine einzige Gruppe.

Unterscheiden kann man wohl aber erst einmal in die "alten" und in die "neuen Evangelikalen". Die "alten Evangelikalen" sind vorwiegend rechtskonservativ, die "neuen Evangelikalen sind eher nach links gerückt. In Fragen des Lebensschutzes ist man wohl ebenso konservativ wie die "alten Evangelikalen". Dies ist wohl der einzige Bereich, in dem sich die Evangelikalen wirklich als ein einheitlicher Block wahrnehmen lassen.

Bleiben wir bei den "alten Evangelikalen". Hier gibt es mittlerweile eine große Gruppe, die ich als "Kulturevangelikale" bezeichnen möchte. Der Erhalt unserer abendländischen Kultur ist ihnen wichtig, gerade auch die Verteidigung gegen "Linke" und natürlich gegen die Muslime. Hier will mann politisch und auch religiös "inkorrekt" sein, weil man in denjenigen Christen, die hier "korrekt" - also eher "linksgrün"  sind, Verräter am wahren Glauben sieht. Eines der wichtigsten Themen der Kulturevangelikalen ist die Christenverfolgung gerade in atheistischen und islamischen Ländern. Man ist auch für Kreationismus und gegen die Evolutionstheorie - und die Kirche sollte sich bitte nicht zu sehr für soziale Projekte engagieren, für den Frieden, für die Bewahrung der Umwelt. Das seien nicht die "Kernthemen" der Kirche, hier seien ohnehin vor allem die "Verräter" am Werk, also die "linksgrünen Christ_Innen". Kirche soll beten und missionieren. Wenn soziale Projekte, dann nur als Türöffner für die Mission.

Ich fürchte, diese Gruppe der Evangelikalen wächst relativ stark, und wenn ich schreibe, daß ich das fürchte, dann wird damit wohl klar, daß ich den Kulturevangelikalen wenig abgewinnen kann.

Kleiner wird die Gruppe der "alten Evangelikalen", die es vorzieht, sich in das stille Kämmerlein zurückzuziehen, in die "Kuschelclubs erretter Christen". Ihnen geht es um den richtigen Glauben, und sie fürchten jeden falschen Glauben, und darum tun sie lieber nichts, was nicht auch schon die Väter und Vorväter getan haben. Bitte nur nichts ändern! Und wenn doch, dann ganz behutsam.

Sie sind meist Kreationisten, aber das auch nur, weil es die Väter auch schon waren. Ihnen geht es nicht um die Verbreitung kreationistischer Gedanken - schon gar nicht in einem außerkirchlichen Raum wie dem Biologieunterricht -, sondern um die Verbreitung des christlichen Glaubens.

Daß diese Gruppe immer kleiner wird, hängt vor allem damit zusammen, daß ihre Mission kaum noch Frucht bringt. Wem es gelingt, zu ihnen durchzudringen, der wird sich bei ihnen nmöglicherweise wohl fühlen, aber da sie nicht einladen, verirren sich auch nur wenige zu ihnen. Und die wenigen haben es oft schwer, Anschluß zu finden. Und so werden ihre Gemeinden immer kleiner und sterben irgendwann aus.

Kommen wir nun zu den "neuen Evangelikalen". Die meisten von ihnen würden entweder nie auf die Idee kommen, daß sie Evangelikale sind - oder sie lehnen diesen Begriff für sich ausdrücklich ab. "Liberale Christen" wollen sie freilich auch nicht sein. Sie sind eben "einfach nur Christen", die aber kein Problem damit haben, mit Wundern Gottes zu rechnen. Die Bibel ist für sie Maßstab des Glaubens, der Heilige Geist sehr real. Soziale Themen sind ihnen wichtig, und sie können auch soziale Projekte bejahen, die keinen missionarischen Hintergrund haben. Dennoch ist ihnen die Missionierung wichtig - aber sie wollen sich nicht aufdrängen. Sie wollen so leben, daß sie nach ihrem Glauben gefragt werden und dann Antwort geben. Sie wollen Zeugen ihres Glaubens sein, nicht andere von ihrem Glauben überzeugen. Mehr als die "alten Evangelikalen" geben sie sich damit zufrieden, nicht die Antworten auf alle Fragen zu haben, die sich im 21. Jahrhundert im Hinblick auf den christlichen Glauben stellen. Mit allen anderen Menschen gut zurechtzukommen ist ihnen wichtig, erzählt man ihnen vom Konzept der "Konvivenz" - eine gute Nachbarschaft, in der alle einander helfen, voneinander lernen, miteinander feiern -, sind sie schnell begeistert. Ihnen ist an Jesus vor allem wichtig, daß Gott Mensch geworden ist, uns in allen Dingen gleich, uns auf Augenhöhe begegnend. So wollen sie auch leben!

Natürlich gibt es unter den "neuen Evangelikalen" verschiedene Gruppen. Noch sind die Grenzen unklar, verschieben sich die Zugehörigkeiten, die Gemeinsamkeiten und die Verschiedenheiten. Allen ist gemeinsam, daß sie von den "alten Evangelikalen" manche Dinge übernehmen, andere aber nicht. Es ist eine gleichzeitige Kontinuität und Diskontinuität, und man schaut auch anderswo, was sich als gut und nützlich erweist, etwa in der Orthodoxie, besonders auch in der katholischen Kirche, im Judentum. Man ist experimentierfreudig und hat keine große Angst, Fehler zu begehen.

Man nennt sie auch "postevangelikal"; denn sie sind stark von der Postmoderne geprägt.

Ein wichtiger Zwreig der "neuen Evangelikalen" sind die zur "Emerging Church" gehörenden Christen. Sie wollen kulturell relevant sein, sie wollen in der Bibelauslegung und im Gemeindebau die Kultur, in der sie leben, berücksichtigen und keinesfalls "Gegenkultur" oder auch nur "Subkultur" sein. Zwischen der Gemeinde und der Kultur soll es keine Gräben geben, auch keine hohen Schwellen, die den Weg in die Gemeinde oder auch in die Kultur erschweren.

Ein anderer wichtiger Zweig sind die "Linksevangelikalen", denen es vor allem um eigentlich klassische Anliegen der Evangeikalen geht: Soziale Gerechtigkeit, Eintreten für Schwächere, Einsatz für die allgemeine Religionsfreiheit, Kampf gegen Ausbeutung und Menschenhandel. Wenn sie die Wahl haben, entweder einem Leidenden zu helfen oder einem Nichrchristen vom Glauben zu erzählen, werden sie für Letzteren beten und dem Ersteren alle nötige Hilfe zukommen lassen.

Die "Linksevangelikalen" sind gegen Rechtspopulismus und gegen Islamophobie. Sie bejahen die Notwendigkeit eines interreligiösen Dialogs, gerade auch eines christlich-islamischen Dialogs.

Die "Emerging Church" betont mehr die Mission, der Linksevangelikalismus mehr soziale Themen. Mir scheint, es ist noch nicht ganz klar, wie diese beiden Zweige der "neuen Evangelikalen" miteinander umgehen sollen - dabei kann man sie wohl einfach als zueinander passende Ergänzungen ansehen. Sie betonen jeweils verschiedene Realitäten des Glaubens, wobei es Überschneidungen gibt. Die "Emerging Church" ist aber eher bereit, soziale Projekte mit Mission zu verbinden, was den Linksevangelikalen eher problematisch erscheint.

Ein dritter Zweig, den ich noch erwähnen möchte (einfach weil ich dazu gehöre...), sind die "Allversöhner". Sie glauben, daß durch Jesus alle Menschen gerettet sind und daß die Menschen sehr viel leichter in den Himmel als in die Hölle kommen. Sie stehen den Linksevangelikalen nahe. Weil sie in allen Menschen Kinder Gottes sehen, wollen sie sie auch entsprechend behandeln. Jeder Mensch, dem sie begegnen, hat es verdient, wie ein "Königskind" behandelt zu werden, man darf die Menschen nicht unterschiedlich behandeln, egal ob sie nun Christen sind, Muslime, Atheisten oder wer sonst. Sie betonen vor allem die Trennung von Staat und Kirche und die allgemeine Religionsfreiheit.

Neben diesen drei Zweigen gibt es noch weitere Strömungen der "neuen Evangelikalen".. Wir sind eine dezentrale, stark heterogene Bewegung, bei uns ist noch Vieles im Fluß. Wir sind für das aufgeschlossen, was Biologen, Hirnforscher, Wirtschaftsexperten, Philosophen, Physiker usw. an neuen Erkenntnissen gewinnen. Wir wollen für alle Menschen relevant sein.

Einiges verbindet uns mit den "alten Evangelikalen" (etwa das Eintreten für den Schutz des Lebens), doch in vielen Bereichen haben wir "alte Zöpfe" abgeschnitten.

Von der Gesellschaft, in der wir leben, erwarten wir, in unserer Verschiedenheit ernstgenommen zu werden - vor allem in unserer Verschiedenheit von den "alten Evangelikalen", aber auch in unserer Verschiedenheit untereinander.

Dabei sind wir nicht grundsätzlich anders als die oft negativ betrachteten US-Evangelikalen - auch bei ihnen gibt es "neue Evangelikale", mit denen wir verbunden sind. Wir sind keine ausschließlich europäische oder gar deutsche Erscheinung, sondern gehören zu einer weltweiten Bewegung.

 

Kommentare  

 
# Guter Überblick!Daniel Renz 2012-02-04 14:01
… auch wenn ich weniger stark unterscheiden würde zwischen "emergenten" Evangelikalen und "Linksevangelika len". Und: Die "Allversöhner" nun noch als dritten Zweig zu definieren, – das halte ich für schwierig. Geht es da nicht um eine theologische Dimension, die bei allen "neuen Evangelikalen" eine Rolle spielt (bzw. überhaupt erst mal denkbar und möglich ist – anders als unter "alten" Evangelikalen)? Und machen sich "Allversöhner" nicht ebenso stark für die Ziele "emergenter" Evangelikaler und "Linksevangelika ler"?
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# RE: Die Evangelikalen im 21. JahrhundertMichael Molthagen 2012-02-08 15:10
Ja, es ist immer schwierig, wie sehr man einander so ähnliche Bewegungen unterscheiden darf.

Allerdings kenne ich auch Evangelikale aus der "Emerging Church", die ich eher nicht als "links" einordnen würde. Die EC ist sicherlich etwas weiter zu fassen als der Linksevangelika lismus.

Wie schon geschrieben: Noch ist alles im Fluß, wir sind noch dabei, Gestalt zu gewinnen. Ich hoffe natürlich, daß wir dabei mehr auf Gemeinsamkeiten denn auf Unterschiede achten.

Was mich selbst betrifft, so würde ich mich eher nicht als jemanden sehen, der zur EC gehört, auch wenn es sicherlich Überschneidunge n gibt.

Daß ich die "Allversöhner" als dritten Zweig benannt habe, hat auch mit meiner persönlichen Erfahrung zu tun: Ich kenne viele Neo-Evangelikale, die eben keine "Allversöhner" sind, sondern hier eine eher klassische Position vertreten: Versöhnt sein mit Gott setzt die persönliche Entscheidung voraus. Und andererseits gibt es viele "Allversöhner", die sicherlich keine Evangelikalen sind.
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