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Evolution und die Urfragen der Theologie PDF Drucken E-Mail
Blog - Christentum
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Freitag, den 03. Februar 2012 um 18:35 Uhr

Mit den "Urfragen der Theologie" meine ich jene, die die Verfasser der ersten Verse der Bibel bewegten. Woher kommt das Leben? Woher kommt der Tod? Woher kommt es, daß die Menschen rettungslos in "Sünden" verstrickt sind?

Diese Verfasser haben diese Fragen vor dem Hintergrund ihres damals aktuellen Weltbildes beantwortet. Dieser Hintergrund ist dabei nicht die Hauptsache - hier stellen heute manche fundamentalsitische Christen alles auf den Kopf und wollen den Hintergrund, den Bericht von der Erschaffung der Welt, zur Hauptsache erklären. Wer nicht wortwörtlich an das glaubt, der kann kein Christ sein! Die Tragweite von Sünde und Tod gerät dabei aus dem Fokus.

Es bleibt natürlich die Frage - wenn Gott die Welt nicht so geschaffen hat, wie wir es auf den ersten Seiten der Bibel nachlesen können, wo bleiben dann der Sündenfall und der Tod als Folge desselben? Würde damit nicht das ganze Christentum in sich zusammenbrechen wie ein Kartenhaus, wenn wir diese Dinge nicht mehr historisch verankern können?

Als die Verfasser von 1. Mose 1-3 ihre Geschichten aufschrieben, da nutzten sie als Hintergrund das jeweilige Weltbild ihrer Umwelt. Wir können diese Berichte nicht anders als mythologisch deuten, wir können sie keinesfalls als wissenschaftliches Ereignisprotokoll lesen.

Wir haben heute ein anderes Weltbild, wir haben entdeckt, daß die Welt auf einem Urknall basiert, auf einer komplizierten Entstehung des Universums, unserer Galaxie, unseres Sonnensystems, unserer Erde. Wir Menschen sind Produkte der Evolution - einer Evolution, bei der sich nicht einmal der kleinste Hinweis auf ein "Design" oder eine gezielte Lenkung ausmachen läßt -, wir teilen den größten Teil unseres Erbmaterials mit anderen Lebewesen, einen gewissen Teil sogar mit Pflanzen. Schimpansen etwa und Bonobos sind uns extrem ähnlich - und vermutlich gibt es bei Schimpansen sogar Ansätze einer sehr frühen Form von Religion.

Natürlich gibt es Lücken in der Evolutionstheorie. Aber es gibt derzeit kein Modell, das aus wissenschaftlicher Sicht besser geeignet wäre, unsere Welt zu beschreiben. Dabei ist wichtig zu beachten, daß dieses Modell weder die Existenz Gottes noch die Tatsache, daß er der Schöpfer ist, widerlegt. Die Evolutionstheorie ist nicht der "Schöpfungsglaube" der Atheisten, wenn sie hier auch manchmal mißbraucht wird.

Und ja, es ist eine gute Frage, wie etwa der Sündenfall und die biblische Lehre vom Tod des Menschen mit der Evolutionstheorie in Einklang gebracht werden kann.

Wer will, kann die biblische Botschaft vom Tod des Menschen als Folge des Sündenfalls auf den geistlichen Tod des Menschen beziehen, nicht auf den biologischen Tod. Der Tod als Folge des Sündenfalls wäre dann die ewige Trennung von Gott, der biologische Tod eine ganz normale Begebenheit und alles andere als der große Feind.

Ich denke, dem Verfasser von 1. Mose 3 ging es aber ganz konkret um die Frage: Woher kommt der biologische Tod des Menschen? Warum liegt er plötzlich tot da? Warum ist er nun tot?

Heute wissen wir: Der Tod kam mit der Erfindung des Sex in die Welt. Genauer gesagt: Mit der geschlechtlichen Reproduktion des Lebens. Bis dahin waren die Organismen gewissermaßen unsterblich. Was unterging, wurde durch Zellteilung ersetzt. Doch mit der geschlechtlichen Fortpflanzung wurde der biologische Tod zu einem wichtigen Eckstein der biologischen Evolution. Keine Evolution ohne den Tod der Vorgänger.

Wir werden die Frage nach dem Tod heute anders beantworten müssen als die Verfasser der ersten Seiten der Bibel. Es war nicht der Sündenfall, der dem Tod Tor und Tür in unsere Wirklichkeit geöffnet hat.

Und heute wissen wir auch: Es gab keinen Sündenfall. Es gab weder Adam noch Eva, es gab keinen biologisch bzw. botanisch faßbaren "Baum der Erkenntnis". Gut und Böse finden wir schon bei Schimpansen - an Bösartigkeit stehen unsere nahen Verwandten uns in nichts nach, sogar zum Genozid sind sie ohne Weiteres fähig. Aber wohl eben auch zur Religiosität, wenn man ihre Fähigkeit, über spektakuläre Naturschauspiele in Verzückung zu geraten, als eine sehr frühe Form der Religion deuten darf. Offenbar war schon einer der gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Schimpanse (und wohl auch Bonobo) in gewisser, freilich primitiver Weise religiös.

Der Bericht vom Sündenfall ist ein Mythos, nicht der kriminologisch exakte Bericht des ersten Verbrechens.

Das ändert freilich nichts daran, daß der Sündenfall sehr real ist: Der Mensch, den Gott unermeßlich liebt, dem Gott sich freundlich zuwendet und den Gott mit aller Kraft zur Gemeinschaft befähigt, ist so tief in Sünde verstrickt, das nur ein Bericht wie der in 1. Mose 3 diesen schrecklichen Zustand zutreffend beschreiben kann. Dieser Bericht führt uns vor Augen, wer und was wir sind - und was Gott für uns tut, was Gott von uns erwartet. Das der Text ein Mythos ist, tut seiner Bedeutung keinen Abbruch.

Und auch daß die biblischen Worte vom Einbrechen des Todes in unsere Welt ein Mythos sind, tut ihrer Bedeutung ebenfalls keinen Abbruch.

Man mag nun fragen: Wenn der Tod schon ewig in der Welt ist, wie kann er dann Folge der Sünde sein? Wenn es den Tod schon lange gab, ehe es auch nur die ersten Tiere gab, wie kann er dann Folge der Sünde des Menschen sein?

Nun, die Sünde des Menschen verursacht zwar nicht den Tod, macht ihn aber besonders tragisch. Ohne die Sünde führt der Tod nicht zur Trennung von Gott. Aber die Sünde des Menschen, daß er also sein von Gott gesetztes Ziel verfehlt (Gottesliebe und Menschenliebe), das gibt dem Tod eine bittere Note. Das vergiftet den Tod. Das macht ihn zum tragischen Ereignis unseres Lebens. Denn nun ist der Tod eben nicht nur das biologische Ende unserer Existenz, sondern nimmt uns jede Möglichkeit, daß die Trennung zwischen Gott und uns überwunden werden kann. Jetzt ist der Tod unser Feind, ein Feind mit einer teuflischen Fratze, wert, daß man ihn mit gewaltigen Worten beschreibt, wie wir sie im 3. Kapitel des ersten Mose-Buches finden.

Weil aber Jesus starb - und das ist kein Mythos -, weil also Jesus starb, ist dem Tod seine Tragik ein für alle Mal genommen. Nach dem Tod kommt nicht mehr die ewige Trennung von Gott, sondern wir werden mit Jesus auferweckt aus dem Tod, überwinden durch und in Jesus die ewige Trennung von Gott.

Was Jesus für uns getan hat, was Jesus von uns erwartet - das verliert nichts an Bedeutung, weil die Urgeschichte ein Mythos ist. Jesus bleibt der Überwinder der Sünde und der Sieger über den Tod. Und wir bleiben diejenigen, die aufgefordert sind, diese gute Nachricht in die Welt hinauszutragen.

Wenn wir jetzt aber mit dem Kreationismus oder der Idee eines "intelligenten Designers" kommen, machen wir uns nur lächerlich. Mehr noch: Damit bringen wir die Menschen dazu anzunehmen, daß all diese lächerlichen Lehren in der Bibel stehen. Wir bringen die Menschen dazu, die Bibel nicht mehr ernst zu nehmen, sich nicht mehr das zu interessieren, was Gott für uns getan hat, was Gott von uns erwartet. Wir werden dann zum Hindernis des Glaubens.

Wo kommt nun Gott in die Entwicklung des Menschen? Auf diese Frage bin ich wohl noch eine Antwort schuldig. Wo erschafft Gott den Menschen nach seinem Bilde?

Ich könnte mir vorstellen, daß Gott zu einem bestimmten Zeitpunkt einigen afrikanischen Exemplaren des wohl noch jungen Homo sapiens seinen Geist gewissermaßen eingehaucht hat. Mehr als ein Hauch war und ist es wohl nicht - und doch hebt es uns aus der Natur heraus. Der Mensch ist nun der Mensch Gottes. Ein Gegenüber Gottes. Etwas ganz Neues.

Ich glaube nicht, daß man jetzt unbedingt "Andockpunkte" für den Sündenfallbericht aus der Bibel suchen muß.

Sicherlich war der "Mensch Gottes" im Hinblick auf die Sünde und die Trennung von Gott ein "weißes Blatt Papier", unbeschrieben, nicht einmal zerknittert. Vielleicht hätte ihm dies sogar die Unsterblichkeit gesichert - aber das sind Spekulationen, für die es in der Bibel keinerlei Anhaltspunkte gibt.

Sicherlich hat der "Mensch Gottes" Fehler gemacht - und was bei Tieren und auch beim einfachen Ur-Menschen keine Sünde ist, wurde hier zur Sünde, zur Zielverfehlung (bis dahin hatte der Mensch ja kein höheres Ziel, das er hätte verfehlen können). Die Fehler des Menschen haben nun "ewige Konsequenzen". Und sein Tod auch: Die ewige Trennung von Gott.

Mit Jesus kam nun der "zweite Mensch Gottes", der Überwinder der Sünde, der Sieger über den Tod.

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 03. Februar 2012 um 18:55 Uhr
 

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