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Blog - Christentum
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Donnerstag, den 28. Juli 2011 um 13:44 Uhr

Evangelikale sind Christen, denen es vor allem um eine persönliche Beziehung zu Gott geht und weniger um Kultur - oder gibt es auch "Kulturevangelikale", denen ihr Glaube der Rechtfertigung kultureller Werte dient?

Evangelikale Christen neigen manchmal dazu, andere Christen eher als "Kulturchristen" zu sehen, denen es mehr um eine christliche Rechtfertigung kultureller Werte gehe als um einen persönlichen Gottesglauben, als um die persönliche Errettung.

Ich denke aber, auch in evangelikalen Kreisen finden wir solche "Kulturchristen", denen es eher um eine christliche Kultur evangelikaler bzw. konservativer Prägung geht, während ein persönlicher Glaube demgegenüber mehr oder weniger weit  zurücktritt.

Möglicherweise schließen evangelikale Christen bei der Kritik an "Kulturchristen" von sich auf andere - wobei natürlich die eigene evangelikal geprägte Kultur gegenüber einer eher "volkskirchlich" oder "liberal" geprägten Kultur als überlegen betrachtet wird, ja, sie wird gar nicht wirklich als Kultur betrachtet, sondern als "Gottes Wille".

Man nimmt also seine eigenen kulturellen, in der Regel konservativen Vorstellungen, schreibt in großen, meist etwas altertümlichen Buchstaben "der Wille Gottes" darüber - und fertig ist das, was man nun aber als "Kulturevangelikalismus" betrachten muß. Dazu noch ein bißchen "Stille Zeit", weil man das als Evangelikaler ja so tut, auch die "Losungen" dürfen natürlich nicht fehlen und die verwendete Bibel wird natürlich eher die "Hoffnung für alle" als die "Gute Nachricht Bibel" oder gar die "Bibel in gerechter Sprache" sein, und schon geht man als Evangelikaler durch.

Doch wo ist nun eigentlich der Unterschied zu einem "Kulturchristen" ohne Stille Zeit, ohne Losungen, ohne "Hoffnung für alle"? Klar, man besucht nicht einen x-beliebigen volkskirchlichen Gottesdienst, sondern einen "lebendigen Gottesdienst" und das auch häufiger als nur zu Weihnachten.

Aber fragen wir einmal ehrlich: Was unterscheidet einen Kulturevangelikalen von einem Kulturchristen? Die Antwort ist: Nichts. Die tägliche Stille Zeit, die Losungen, die "Hoffnung für alle" und der wöchentliche Besuch eines "lebendigen Gottesdienstes" lassen keinen echten Unterschied erkennen.

Und an diesem Puinkt muß man seit jenem verhängnisvollen Tag im Juli 2011 auch die Frage stellen, was einen "Kulturevangelikalen" von einem "Kulturchristen" wie Anders Behring Breivik unterscheidet, jedenfalls im Hinblick auf das Christentum?

Bitte tun wir doch nicht so, als gäbe es keinen Kulturevangelikalismus. Als seien Evangelikale gegenüber der Versuchung immun, ihren Glauben mit kulturellen Werten zu verbinden, die für uns enorm wichtig werden. Als wäre ein Evangelikaler nicht auch fähig, ein solches Attentat zu begehen.

Bitte nicht nach dem Splitter im Auge der Nichtevangelikalen suchen, ehe nicht der Balken aus unserem eigenen Auge gezogen worden ist. Kulturelle Werte spielen auch bei evangelikalen Christen eine ziemlich große Rolle. Sie können leicht zu einem "Goldenen Kalb" werden, zu einem Schatz, bei dem unser Herz ist.

Und nein, das gilt nicht nur für kulturell konservative Evangelikale, sondern auch für kulturell eher progressive Linksevangelikale. Dies ist also kein linksevangelikales Gemecker an (neo-) konservativen Evangelikalen, sondern eine Anfrage an alle evangelikalen Christen, wie leicht wir dazu neigen, Gottes Willen mit Kultur zu verwechseln - und dann in einer anderen Kultur, etwa der islamischen, eine gottfeindliche Macht zu sehen, der wir widerstehen müssen.

Anders Behring Breivik ist auch eine Anfrage an uns, ob wir Gefahr laufen, unsere Kulturvorstellungen mit Gottes Willen, Gottes Maßstäben, Gottes Plan für diese Welt zu verwechseln.

Wer Breivik vorschnell mit den Worten "hat mit uns nichts zu tun" etikettiert, weil der ein "Kulturchrist" ist, ist vielleicht blind für die Gefahren, die sich für evangelikale Christen daraus ergeben, wenn sie Kultur mit dem Willen Gottes verwechseln.

Wie dem auch sei: Evangelikale Christen unterscheiden sich nicht darin von anderen Christen, daß wir die gläubigen Christen sind und die anderen nur die "Kulturchristen". Gläubige wie auch Kulturchristen gibt es auf beiden Seiten und natürlich auch bei Pfingstlern und Charismatikern, gibt es jeweils in Landeskirchen ebenso wie in Freikirchen. Die Kultur kann für alle Christen in allen Kirchen und Gemeinschaften jedweder Prägung zum "Goldenen Kalb" werden, wie es auch in allen Kirchen gläubige Christen gibt, die Kultur nicht mit Gottes Willen verwechseln.

Statt kritisch auf die Christen in anderen Kirchen zu schauen, ob sie Glaube und Jesus-Nachfolge und Erfülltsein mit dem Heiligen Geist mit Kultur verwechseln, sollten wir besser auf uns selbst Acht haben. Manche evangelikale Christen scheinen mir eher einer evangelikalen Kultur zu vertrauen, ihr nachzufolgen und von ihr erfüllt zu sein, als daß sie ganz am Herrn Jesus hängen.

Es ist nicht Aufgabe der Christen, eine fromme Kultur "nach Gottes Willen" zu etablieren und gegen "gottlose Mächte und Gewalten" zu verteidigen.

Wir sollen Jesus in der Kultur nachfolgen, in die wir von ihm gestellt worden sind. Wir sollen in dieser Kultur vorbehaltlos alle Menschen lieben und in Gemeinschaft mit ihnen leben, so daß wir einander helfen, voneinander lernen und miteinander feiern.

Das ist der Weg Christi -siehe auch Philipper 2,5-11 .

 

Kommentare  

 
# AnfälligkeitMichael Molthagen 2011-07-28 13:52
Wenn ich das richtig sehe, dann ist ein kulturell überformter Glaube anfällig für Autoritarismus und in der Folge auch für eine erhöhte Gewaltbereitsch aft.

Das gilt für Kulturchristen, Kulturmuslime, Kulturatheisten - und natürlich auch Kulturevangelik ale.

Die im Prinzip wohl natürliche, vermutlich im Verlauf der Evolution entstandene Verbindung von Kultur und Religion bzw. Weltanschauung birgt immer ein gewisses Risikopotential in sich, das man auch bei evangelikalen Christen nicht unterschätzen darf.

In diesem Umfeld entstehen und gedeihen Phobien aller Art (Homophobie, Islamophobie usw. usf.).
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