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... muß man in einer freien Gesellschaft dem Gegenüber ins Gesicht sehen können?
Ich frage dies, weil ich es oft als Argument zugunsten eines Burkaverbotes höre.
Zum einen kann ich es nicht nachvollziehen. Als Prosopagnsotiker schaue ich niemandem ins Gesicht - warum sollte ich auch, wenn ich da dorch nur etwas sehe, das ich zwar als Gesicht erkenne, aber sonst ein blinder Fleck für mich bleibt?
Daß ich das nicht nachvollziehen kann, ist freilich mein persönliches Problem. Die meisten Menschen sind nicht "gesichtsblind", wir sind eine Minderheit von zwei, vielleicht drei Prozent der Bevölkerung. Immerhin scheint es unter uns Prosopagnostikern ebenso viele Befürworter eines Verbotes zu geben wie unter den "Normalen", was wohl darauf hin deutet, daß es nicht nur um das "dem Gegenüber ins Gesicht sehen können" geht, was uns die " Burka" so unheimlich erscheinen läßt, daß wir sei gerne verbieten möchten.
Aber dennoch die Frage: Warum müssen wir unserem Gegenüber ins Gesicht sehen können? Ich frage das gerade auch vor dem Hintergrund einer Debatte, wo es um den Schutz der Privatsphäre geht. Google Street View, Facebook, das Recht am eigenen Bild, der Datenschutz.
Vom Gesetz her hat eigentlich nur der Polizist und hat eigentlich nur die Staatsanwaltschaft das Recht, einer Person ins Gesicht zu sehen. Darüber hinaus beruht dieses Recht allein auf Freiwilligkeit, etwa im Vertragsrecht. Vor jeder anderen Person haben wir das Recht, uns nicht ins Gesicht sehen zu lassen.
Wie wichtig ist uns ein Recht wie dieses? Wie wichtig ist uns das recht, nicht immer und überall identifizierbar zu sein?
Natürlich weiß ich: Es geht nicht allein um die Identifikation einer Person. Einer anderen Person ins Gesicht zu sehen soll, so sagt man mir, die Kommunikation erleichtern. Ob es stimmt, weiß ich als Prosopagnostiker nicht. Ich muß es wohl glauben, muß wohl glauben, daß man das nicht nur behauptet, weil einem die "Burka" so unheimlich ist, daß man Argumente sucht, sie aus der Öffentlichkeit zu verbannen.
Nun, man sagt mir auch: Es kommt vor alem darauf an, daß wir einander in die Augen sehen können - im wortwörtlichen Sinne (ich weiß nicht, ob die radikaleren Befürworter eines Burkaverbotes einer verschleierten Frau im übertragenen Sinne in die Augen sehen können, wo man es doch ohnehin vorzieht, über sie zu reden statt mit ihnen). Der gebräuchliche Niqab jedenfalls erlaubt es für gewöhnlich, der Trägerin in die Augen zu sehen. Eine Niqab tragende Bekannte von mir sagt dazu,. daß sie zudem im Gespräch mit anderen Frauen ihren Schleier etwas tiefer zieht, damit man mehr von ihrer Augenpartie sehen kann (außerhalb der Öffentlichkeit, allein unter Frauen, nimmt sie ihren Schleier ohnehin ab).
Darüber hinaus ist der Niqab ja nicht festgeklebt - sind die so verschleierten Frauen mit anderen Frauen allein, legen sie den Schleier ja oft ab. Unter dem Schleier kommt übrigens ziemlich häufig dann die "Burka des Westens" zum Vorschein, das ganze Programm unserer Verschönerungsideale. Aber das ist ein anderes Thema.
Damit sind wir schon beim nächsten Punkt. Welchem gegenüber können wir eigentlich wirklich und wahrhftig ins Gesicht sehen? Oberflächlich denke ich da an die schon erwähnte "Burka des Westens" und ihre kleineren und größeren Manipulationen unseres wahren Äußeren, angefangen bei Botox-Injektionen, aufgesprizten Lippen, gelifteter Haut usw,. Ich denke aber auch daran, daß wir ja alle Masken tragen, wenn wir einander begegnen. Wer von uns läßt schon vor einem gegenüber seine Masken fallen? Wer lüftet die Schleier, mit denen wir uns vermummen?
Ich frage hier ganz offen: Ist die Angst vor dem islamischen Schleier nicht eher ein Unwohlsein, weil es uns an all die Masken erinnert, die wir selbst tragen? Weil wir daran lieber nicht erinnert werden wollen?
Sicherlich ist das nicht die treibende Kraft hinter unserem Unwohlsein im Hinblick auf die Verschleierung, aber ich bin überzeugt: Es spielt eine Rolle. Der Schleier ist eine Karikatur unserer eigenen Masken, und manchmal tun Karikaturen eben weh.
Müssen wir einander also ins Gesicht sehen können? Ich denke, daß muslimische Frauen sehr wohl wissen, daß es Situationen gibt, in denen man einander ins Gesicht sehen muß. Das gilt erst recht für verschleierte Frauen. Wer den Schleier kennt, der weiß auch um die Notwendigkeit, ihn ab und an zu lüften, ab und an die Maske fallen zu lassen.
Darum haben verschleierte Frauen ja ihre Freiräume, in denen sie den Schleier abnehmen - insbesondere da, wo sie mit anderen Frauen unter sich sind. Manche Frauen haben auch darüber hinaus reichende Freiräume, tragen den Schleier etwa nur auf der Straße, in der Öffentlichkeit, nicht aber in weniger öffentlichen Umgebungen wie etwa dem Freundeskreis.
In einer freien Gesellschaft jedenfalls mag es sinnvoll sein, daß wir einander ins Gesicht sehen können. Doch das muß nicht immer und überall der Fall sein - und es gehört zu einer offenen und freie Gesellschaft, daß niemand gezwungen werden darf, sich immer und überall ins Gesicht sehen zu lassen. Wann wir wo und vor wem unsere Masken fallen lassen, muß uns selbst überlassen sein.
Sicherlich kann man darüber reden, wann und wo es angebracht und sinnvoll ist, daß wir einander ins Gesicht sehen können. Wenn wir im Hinblick auf diese Fragen nicht nur über die verschleierten Frauen sprechen, sondern mit ihnen, können wir ihnen auch in die Augen sehen.
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